Montag, 23. März 2009

Brief an einen Freund

Lieber Joachim,
zwar habe ich Dir schon geantwortet, aber meine Antwort an Dich reicht mir nicht aus. Etwas in Deiner Mail ließ mich nicht schlafen. Heute Nacht wurde ich wach und wusste was dieses „etwas“ ist. Du sagst, bestimmte Dinge die ich täte & sagte & veröffentlichte, würden bei anderen Menschen „Ärger und Blockaden aufbauen“. Damit würde ich das Gegenteil von dem erreichen, was ich beabsichtigte. Als ich heute Nacht aufwachte, war es dieser Gedanke der in meiner Brust schlug: „Ich will nichts erreichen und ich beabsichtige nichts. Ich bin“.


Dieser Gedanke knallte wie eine Explosion durch mich hindurch und kann gar nicht radikal genug beschrieben werden. Nie empfand ich tiefer, schmerzvoller und gleichzeitig strahlender, was es für mich bedeutet, ein spiritueller Mensch, ein Anthroposoph zu sein: Nämlich, die fanatische Ablehnung des indirekten Lebens und die frenetische Begrüßung des direkten Lebens.

Heute morgen wurde ich bei einem ehemaligen Schüler von Osho fündig. Ich fand ich bei Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“, die Formulierung, die beschreibt was in mir vibriert: „Man hat, bevor man ´eigentlich lebt´, immer noch etwas anderes zu erledigen, noch eine Voraussetzung zu erfüllen, noch einen vorläufig wichtigeren Wunsch zu befriedigen, noch eine Rechnung zu begleichen. Und mit diesem Noch, Noch und Noch, entsteht jene Struktur des Aufschubs und des indirekten Lebens, welche das System der maßlosen Produktion in Gang hält.

Ich kann Dir gar nicht aufzählen, an wie vielen maßlosen Veranstaltungen ich bereits gesprochen habe, die das Thema „Die Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft“ produzierten. Solche Veranstaltungen gibt es auch bei vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen. Alles was dort gesprochen, an Papieren produziert und an Arbeitskreisen gegründet wird, ist – wie Heidegger es sagen würde – eine „Verfallenheit an den Betrieb“. Ich bin es leid.

Unser spirituelles Selbst, der Geist, das Eigentliche, wird in die Zukunft verdrängt und die Gegenwart kollabiert. Dabei ist die Gegenwart das Einzige, was wir je hatten und haben werden. Die Gegenwart muss unser Ideal sein. Es geht mir nicht um Absichten oder um das Erreichen – ich bin. JETZT. Meine Erfahrung ist, dass Menschen sich nicht von noch so klugen Strategien und ausgedachten Visionen begeistern lassen, sondern von der unmittelbaren Erfahrung, dass sich tatsächlich JETZT etwas ereignet.

Ja, wir dürfen über die Zukunft reden. Wir dürfen die Zukunft planen und kluge Strategien entwickeln – aber jedes heutige Gespräch über diese ideale Zukunft, muss bereits von diesem Ideal erfüllt, durchdrungen und erleuchtet sein. Wer bereits JETZT so ist, der ist ein starker Mensch.

Was aber ist der Mensch, der nach dem zukünftigen Ideal sucht? „Der Mensch ist in dem Augenblicke schon schwach, in dem er nach Gesetzen und Regeln sucht, nach denen er denken und handeln soll. Der Starke bestimmt die Art seines Denkens und Handelns aus seinem eigenen Werke heraus, so Rudolf Steiner.

Lieber Joachim, wenn ich sage, „ich will nichts erreichen und ich beabsichtige nichts. Ich bin“, dann ist das nichts anderes als die Essenz dessen, was Religionen, spirituelle Bewegungen – und somit auch die Anthroposophen – sagen wollen.

Wir propagieren ständige den zukünftigen Individualisten, wir feiern auch den verstorbenen Individualisten, aber wenn uns dann ein lebendiger Hier-Und-Jetzt-Individualist mit seinem So-Sein in der Gegenwart konfrontiert, dann zucken alle zusammen, fahren ihre Stacheln aus, verschanzen sich in der Wagenburg, um dort einen klugen Kongress über die Zukunft abzuhalten. Ich denke übrigens, dass die Panik vor dem Thema SEX damit zu tun hat. Denn nirgendwo sonst wir deutlicher, ob Du gegenwärtig bist oder eben nicht. Impotenz und Frigidität sind in der letzten Instanz nichts anderes als ein Mangel an hingebungsvoller Gegenwärtigkeit. Ist es nicht gerade diese geistige Impotenz und Frigidität, welche wir erleben?

Enttäusche ich Menschen? Verrate ich irgendwelche Ideale? Eine Stimme in mir fragt mich immer dies: „Ich will wissen, ob Du einen Anderen enttäuschen kannst, um Dir selbst treu zu bleiben; ob Du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht Deine eigene Seele verrätst.“ (Oriah Mountain Dream, Einladung, pdf)
TOD wird Leben
Gestern schrieb ich über den Tod und in letzter Zeit ist der Tod für mich Gegenwart geworden. Ich erlebe diesen Engel des Todes jeden Tag. In jedem Augenblick. Er steht neben mir und blickt mich aus leeren Augen an. Er fragt mich nicht nach meinen Plänen, er fragt mich nicht nach meiner Zukunft, er fragt mich nicht nach meinen moralischen Idealen. Er fragt nach dem direkten Leben. Selbst der Tod will keine Antwort auf das, was ich vorhabe oder beabsichtige. Er will auch keine Erklärung über meine Vergangenheit.

Der Tod will wissen, ob ICH BIN. Im Anblick seiner Leere. Wenn ICH BIN, dann füllen sich die Augen des Todes mit Licht und der Tod wird Leben. Der Tod ist der Alltag. Hier will ich gegenwärtig sein.

Das, lieber Joachim, will ich leben. Das ist für mich die spirituelle Essenz der Anthroposophie. Ich bin nicht verantwortlich für „Ärger und Blockaden“ in anderen Menschen. Andere Menschen sind nicht verantwortlich für Ärger und Blockaden in mir. Ich bin verantwortlich dafür, dass ICH BIN. Ich bin für DAS ICH BIN verantwortlich.

Wer den ICH-BIN-Banner des direkten Lebens trägt, der wird von allen Seiten angegriffen. „Von innen wirst du von deinem eigenen Denken angegriffen, von aussen vom Denken der anderen“, so Andrew Cohen. Jeder der es wagt, als ICH erfolgreich zu sein, stellt automatisch eine Bedrohung an das System da. Wenn aber diese wahre Freiheit in mir überleben soll, dann muss ich bereit sein, dafür zu kämpfen.

„Du musst zu allen Zeiten in jeder Hand ein Schwert halten. Ein Schwert ist für dein eigenes Denken, das andere Schwert für das Denken aller anderen. Du musst bereit sein, die Schwerter zu gebrauchen. Jeder, der wahrhaft frei sein möchte, muss bereit sein, alleine in der Wahrheit zu stehen.“ (Andrew Cohen).

Lieber Joachim, ich weiss: Heroismus ist in der Postmoderne ein Objekt der Satire und der Belustigung. Das ist völlig ok so. Aber ich habe erfahren, wo Satire und Belustigung enden. Da wo dich die leeren Augen anblicken. Da muss ich die Frage beantworten, was mich von innen trägt, wenn alles andere wegfällt.
ICH
Und, lieber Freund, wenn Du mich anschaust und fragst, "Was trägt Dich?" Dann blicke ich Dich an und sehe in Deinen Augen die Antwort leuchten:
ich bin
Mich trägt nichts. ICH BIN.

Kommentare:

Alexej Jawlensky hat gesagt…

Ich wäre gerne Joachim. Ich bin Joachim.

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Alexej Jawlensky

(°v°) hat gesagt…

Ich bin nicht Stiller.

Caren hat gesagt…

Wie kann jemand überhaupt Ent-Täuschung eines anderen sein??
Die Täuschung liegt als Wunschbild in dem einen vor und findet in der Begegnung mit dem anderen nicht entsprechend statt.
Das Wunschbild wurde also in der Begegnung als Täuschung aufgedeckt, also ent-täuscht. Nicht mehr, nicht weniger.
Wie kann jemand Auslöser einer Blockade in einem anderen sein??
Jemand fühlt sich in der Begegnung mit dem anderen unwohl oder gehemmt, weil er innerlich an etwas "erinnert" wird, das er als Blockade einst erlebt hat. In der Begegnung wird er also an die alte einstige Erfahrung erinnert. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie dankbar können wir für all diese Geschenke des Aufdeckens und Erinnerns sein in der Begegnung mit anderen, denn sie ermöglichen uns die Schattenseiten in uns sichtbar werden zu lassen. Was sichtbar ist, kann aufgelöst werden und zu mehr Stimmigkeit im Sein und Strahlen führen. Wie schön!!
Danke für jede in mir entdeckte Enttäuschung, Blockade und Unsicherheit: hier werde ich ganz.

Danke Sebastian für Dein SoSein*

Monika hat gesagt…

Und nun vom Meister persönlich: GA107, S. 253ff:
«Luzifer ist im Wesen des Menschen, hat den Menschen heruntergeholt sozusagen auf die Erde, ihn verstrickt in das irdische Dasein, indem er zuerst die Leidenschaften und die Begierden, die im astralischen Leib waren, in die Erde geführt hat, so dass dann auch Ahriman angreifen konnte im ätherischen Leib, in der Verstandesseele. Nun ist Christus erschienen und damit auch diejenige Kraft, die den Menschen wiederum hinauftragen kann in die geistige Welt. ...
... Dem Christus trägt voran die Fackel der wiedererstandene Luzifer, der jetzt zum Guten umgewandelte Luzifer. Den Christus selber trägt er. Er ist der Träger des Lichtes, der Christus ist das Licht. Luzifer ist, wie das Wort heißt, der Träger des Lichtes.» (GA107, S. 253ff).

Noch etwas, was aus dem Zusammenhang gerissen sein mag, aber trotzdem dazu gehört aus diesem Vortrag, was Deinen Beitrag betrifft Sebastian (Ga 107, S. 260):
«Warum ist eine Gegnerschaft vorhanden? – so ist es nicht an uns zu antworten. Denn an uns wäre es zu antworten, wenn wir irgendeine Gegnerschaft hätten. Wir haben keine! Die Pflicht des Antwortens hat derjenige, der etwas leugnet, nicht der, der etwas zugibt.»

Ich liebe Steiner, von ganzem Herzen.
Mich trägt ALLES auch im Nichts. : )
ICH BIN.
Monika

PS. Danke an alle, die ihr mir Steine in den Weg schmeißt. Je größer, desto stabiler wird mein Haus. : )

Anonym hat gesagt…

Gronbach, bleib beim Sex, wenn Du magst, leb dich hemmungslos aus, aber glaub nicht, dass deine Ideen für das Weltenganze irgendetwas bedeuten. Was du jetzt als ein "ICH BIN" wähnst, wird nach deinem wirklichen Tod zur großen Leere. Jetzt redest du daher von den hohlen Augen des "Todesengels" - nach dem Tod wirst du mit deinen EIGENEN Augen sehen müssen, dass dein jetziges Reden hohl war, dass in dir keinerlei moralische Idee lebte, die eine REALITÄT war...
Traurig... Der scheinbar ganz im "Jetzt" lebende Gronbach, eine Seifenblase im All, ein grandioser Irrtum, ein Mensch, der sein Talent nicht nur vergraben, sondern verschleudert hat...
Traurig... Schmerzlich...

suscha hat gesagt…

@alle anonymen

trauer und schmerz angesichts von arroganz und feigheit in zeiten wie diesen

da wird tod spürbar, seelentod, herzenstod - nicht als instanz - als idee des nichts

es lebe das leben

love

suscha

Tine hat gesagt…

Bekenntnis:

Lieber Herr Gronbach,
ich bin derzeit spirituell herrenlos, das heißt allein dem Geist ergeben...und der weht bekanntlich wann und wo er will.

Was ich so an ihrem Blog schätze:

er ist: anregend, provokant, frech, hingegeben, ringend, fragend, fragwürdig, erhellend, erhebend, kritisch, anteilnehmend, offen, antastbar, markant, widerlegbar, streitbar, konfrontativ......ein Stein des Anstoßes auf dem Weg, ein Meilenstein des Bekennens, kein Hindernis auf dem Weg sondern Wegsicherung da wo die Wege schwierig werden.

Frei nach dem Moto: wer Gipfel erklimmen will muss wissen, dass er tief fallen kann. Kluge Leute halten sich da an einen erfahrenen Bergsteiger.

herzlichst ringend Tine