Sonntag, 22. März 2009

Der traurigste Satz der Welt

Alte Menschen berichten erstaunlich übereinstimmend, dass sie Entscheidungen die sie gelebt haben, niemals bereuen. Selbst die Taten bereuen sie nicht, die zu eigenem Schmerz geführt haben. Wichtiger als alles andere sei eine Erfahrung, nämlich die, dass es IMMER weiter geht - egal was man macht. Selbst die verkehrtesten Entscheidungen und Wege, öffneten immer wieder nur eine weitere Tür zum Leben. Manche wissen schon auf dem Sterbebett, dass auch die Tür mit der Aufschrift „Tod“, eine weitere Tür ins LEBEN ist.

Das, was alte und sterbende Menschen allerdings oftmals bereuen ist etwas anderes. Das was wirklich am Ende als Versagen, als biografisches Loch erlebt wird: Das, was man NICHT getan hat. Für viele bleibt am Ende nur ein Sünde. Die Sünde der Unterlassung.

Für viele Menschen, ist dies am Ende der traurigste Satz der Welt: "Ich hätte es tun können - es wäre möglich gewesen. Es wäre wirklich möglich gewesen."

Wenn ich für immer die Augen schließe, werde ich diesen Satz nicht sagen.

Kommentare:

JANET hat gesagt…

Was mein Opa zu mir gesagt hat als ich bei Ihm am Bett stand war: Ich traue mich nicht... Also er stand unter Drogen..

"Du hast aber große Dinger..." das war der letzte Satz von ihm an mich. Na Danke! Ich muss immer lachen wenn ich an diese Situation zurückdenke! Dabei war er so ein ruhiger hat nie geklagt selbst die Schmerzen hat er ausgehalten und keiner hats gemerkt..und zum Schluss bring er mich noch zum Lachen!

Simone hat gesagt…

Tut mir leid, ich kann da wiedermal gar nicht drüber lachen, Janet.
Das war nicht der, der zu sein er sich bemüht hat, der dich zum Lachen gebracht hat, so wie ich das sehe.

Gerade heute bin ich wieder sehr damit, dass alles geht, was gebraucht wird - wenn wir nur vertrauen und wirklich ERNST machen in dem, wofür wir uns entscheiden oder stellen.

Dass ich pünktlich zu einem meiner Jobs komme z.B.
Heute früh habe ich die S-Bahn gebraucht um von meiner Wohnung aus zur Menschenweihehandlung zu kommen, welche seit letztem Weihnachten eben einer dieser "Jobs" ist, die zu tun ich mich bereit erklärt habe.

Der S-Bahn-Verkehr ruht bis auf Weiteres wegen einem größeren Polizeieinsatz ... ich aber will zur Arbeit und also laufe ich zurück, hole mir mein Fahrrad und schaffe es tatsächlich noch rechtzeitig anzukommen.
Nicht einfach aufzugeben und flapsig drüber weg zu einer anderen Tagesordnung überzugehen.

Diesen Ernst brauche ich als erstes für unser Miteinander.
Und wenn der da ist, dann fängt bei mir die volle Freude an.
Nicht als Bedingung, nur als selbstverständliches und ganz natürliches Ergebnis.

Und so, wie du über soviel Ernst vieleicht nur Übelkeit verspüren kannst, so treibt mir dein Bericht über deinen Großvater nicht die Tränen in die Augen, aber das Mitgefühl aus dem Herzen hin zu all denen, die auch heute noch in ihrem Sterben, so wie er, von Drogen welcher Art auch immer benebelt und ihres ICHs vorzeitig und unnatürlich enthoben oder beraubt sind.

Und: ich kann jedem nur wünschen und für jeden von uns hoffen, dass wir am Ende unseres Lebens diesen Satz nicht werden sagen müssen:
"Ich hätte es tun können - es wäre möglich gewesen. Es wäre wirklich möglich gewesen."


Simone

manroe hat gesagt…

Mein wahres Ich in mir weiss, dass alle meine Taten mich in irgendeiner Weise voranbringen. Und nur etwas, was ich zuvor noch nicht konnte und kannte bringt mich wirklich weiter. Da bleiben dann sogenannte "Fehler" nicht aus, die ja zumeist auch nur in der relativen Gegenwart als solche erlebt werden. Mit dem Blick der gelebten Zeit offenbaren sie zumeist ihr geheilt habendes und entwickelt habendes Licht durch Einsicht. "... Und es war gut so ..."

Allerdings, wenn ich etwas unterlassen habe, was ich hätte tun können, dann konnte ich es auch zu der jeweiligen Zeit, wo ich es unterlassen habe, bereits sehen und mehr oder weniger erkennen, es war also im obigen Sinne nicht etwas noch gänzlich Unbekanntes für mich. Vielleicht hatte ich Angst, traute mich nicht, habe meiner Stimme nicht vertraut, die mir zunickte ... und das tut dann wirklich weh, weil ich mich selbst betrogen habe durch Unterlassung oder Hören auf die falsche Stimme.

Manfred

JANET hat gesagt…

anschliessend wurde er ins künstliche Koma versetzt und ist dann gestorben...

Mein Opa scheint schon viel früher gestorben zu sein..Ich kenne ihn nicht anders als am Tisch sitzend immer auf dem selben Platz in der Küche und im Wohnzimmer Weisbrotstulle mit Leberwurst, immer lange geschlafen kaum geredet, keine Wiederreden. Viel geraucht und oft mal gut einen gehoben. Mich hat dieser letzte Satz von ihm an mich nicht gschockt...Ich war froh darüber.

Mein Opa war im Krieg seine Brüder in Gefangenschaft..hat 9 Kinder großgezogen in Brandenburg und bestimmt nicht anthroposophisch .
Sein Leben war hart...so hart das er es vergesse wollte. Seine Beine waren schwarz abgestorben er hat nie gejammert und was gesagt.

Und sein letzter Satz war ebend dieser... wie eine Sehnsucht zurück an Mutters Brust...

Das er dabei unter Droge stand war ebend so..Jeder geht seinen Weg!

Und wenn ich was lustig finde heisst s niht das dahinter niht auch der Ernst steckt.... Sorry ohne dem kann man nicht lustig sein. Und wenn ich wähle zwischen Schwermut und Leichtigkeit was wähle ich dann lieber? Den Weg des rumernsten kann man auch lustig gehen...Am Ende komen wir alle gleich an.

*LG
JANET

Simone hat gesagt…

Danke Janet,
dass du mich den Ernst hinter deinem Lachen hast sehen und entdecken lassen.
Jetzt kann ich mich auch mit dir freuen.
Und ich sehe den Gleichmut und die Großzügigkeit, aus der deine Späße stammen.
Auf dass das, was bei mir sehr eng und straff ist, auch noch etwas sich weite und öffne und entspanne.
Wenn es denn nötig ist oder wirklich gebraucht.
Ansonsten kann ich deine Großzügigkeit genauso feiern wie meine Strenge.
Simone

Louis de Funes Körpersprache hat gesagt…

Liebe Simone danke, dass du es so siehst. Strenge zeigt sich auch im Gesicht..Also stell dir was Witziges vor wenn du mal wieder streng bist..Archiati ist ein tolles Beispiel für Strenge und Witz. wie Louis de Funes in der Körpersprache herrlich. na ja nicht ganz aber er erinnerte mich ihn.

Manche Anthros scheinen Probleme mit Körpersprache zu haben die schicken diese gleich zur Clownschule ist aber interessant wenn sie sich doch aber selber sehen in den anderen.

*LG
JANET

Monika hat gesagt…

Mir wird immer klarer, warum die 6 Nebenübungen und der 8-gliedrige Pfad auf dem Weg zur «Erleuchtung» so bedeutend sind!

Namaste
Monika

Christoph Prange hat gesagt…

Laßt uns das Leben feiern - das will ich in nicht unterlassen haben, zumal bei allem Ernst und geistigen Sphären, die zu oft die Erde vorzeitig aus den Augen verlieren.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Für viele Menschen, ist dies am Ende der traurigste Satz der Welt: "Ich hätte es tun können - es wäre möglich gewesen. Es wäre wirklich möglich gewesen."

Vielleicht wäre es möglich gewesen, vieleicht auch nicht. Ich denke, wenn etwas möglich ist, wird es getan werden. Und wenn nicht, weiß ich mittlerweile auch daraus meine Erkenntnisse zu ziehen.
Wenn ich am Ende meines Lebens angelangt bin, werde ich diesen Satz auch nicht sagen, denn ich habe mich ihn zuoft sagen hören.

Nicht bedauern, was nicht gesagt oder nicht getan wurde, sondern die nächste Gelegenheit beim Schopfe packen und es tun. Es gibt Gründe, warum etwas nicht getan wurde, die muss niemand verstehen, es reicht, wenn sie akzeptiert werden.
Schon das hilft Menschen beim nächsten Mal über ihren Schatten zu springen und einfach zu tun, was getan werden kann.

Janet - mich hat dein erster Beitrag zu Tränen gerührt. Nicht, weil ich denke, du hast keinen Respekt vor deinem Großvater gehabt - nein, deshalb nicht. Ich kenne diese Art von "Humor" nur allzu gut. Wenn einem das Lachen im Halse steckenbleibt, hilft manchmal ein derber Witz, alles wieder zu lösen. Das ist reine Selbsthilfe und keine Respektlosigkeit oder gar fehlende Ernsthaftigkeit.

Mein Vater konnte nie vergessen, dass er als 16jähriger Tischlergeselle im Krieg Kindersärge machen musste. Und meine Mutter hat die vielen brutalen Vergewaltigungen im Gefangenenlager sehr lange geleugnet. Die Alten konnten nicht darüber reden und litten bis ins Grab an ihren Erlebnissen.
Das ist traurig.

Janet, kann dich gut verstehen. *malfestdrück*

Anonym hat gesagt…

Hab vergessen, zu unterzeichnen...


Herzlichst

Kerstin Zahariev.

Monika hat gesagt…

Liebe Kerstin
Lieben Dank für Deinen Beitrag. Berührt mich wie immer.
Ich konnte meinen Vater bis zu seinem letzten Atemzug begleiten. Sein Sterbeprozess gehört zu den intensivsten und beglückendsten Erlebnissen meines Leben. Meine Jugendzeit mit ihm war mit Leid gefüllt und das Maß hätte nicht voller sein können. Als ich mit 19 auszog ging es dann immer besser.

Dass ich an seinem Sterbeprozess und an seinem Tod teilhaben durfte, war sein größtes Geschenk an mich! Es entschädigte mich für all das Leid, was ich als Kind erlebt hatte.

Einen Satz, den er meiner Mutter mal gesagt hatte während dieser Zeit, berührte mich sehr: Ich hätte mich anders verhalten, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte.

In seinem Todesaugenblick durchsprengte mich die Gewissheit, dass er nicht tot ist, sondern geboren ist in eine andere Welt. Zu dem Zeitpunkt 1984 glaubte ich nur noch an ein Licht, das keine Namen mehr hatte. Diese Erlebnisse führten mich wenige Monate später auf direktem Weg zur Anthroposophie.

Als mein Ex-Schwiegervater vor 5 Jahren im Sterbeprozess lag, bat mich mein Ex-Mann, dass ich ihn besuche. Mein Ex-Schwiegervater hatte seit 9 Jahren absolut kein Wort mehr mit mir gesprochen.

Er weinte bitterlich als er mich sah und bat mich zutiefst um Verzeihung. Es war eine der intensivsten Begegnungen meines Lebens. Er berührte mich zutiefst und meine Liebe strömte um noch vieles heftiger zu ihm über. Ich wusste all die Zeit, dass er mich geliebt hatte, aber dass er über seinen Schatten nicht springen konnte. Und wieder nahm ich diese Seligkeit in einem Gesicht wahr. Er starb wenige Tage später an Gründonnerstag.

... Ich hätte es tun können ...
Manchmal müssen WIR «ES» tun, damit der andere «ES» tun kann. Was dabei rauskommen kann ist unbeschreiblich. Trotz des so genannten Leides trage ich beide «Väter» in meinem Herzen ohne eine Spur Bitterkeit. Liebe durch und durch begleitet mich, wenn ich an sie denke.

Verzeihen ist eines der größten Geschenke, die wir einander geben können. Schlussendlich verzeihe ich immer nur mir selber. Ich brauche nicht zu verstehen, was die Motive des anderen sind, dass mir Leid widerfährt. Ich brauche nur zu verstehen, was es mit mir macht. Das nenne ich das Glück im Leid zu finden. Ich habe die freie Wahl zu gehen. Das ist der erste Schritt, um mich «im Außen zu lösen».

Wenn ich als Monika meine Augen schließe, werde ich sagen: Das Leben war gut. Immer. Monika hat manchmal nur die richtige Perspektive gefehlt. Ich verzeihe Dir Monika. Komm in meine Arme.

Anonym hat gesagt…

ein anderes Erlebnis meiner todkranken Tante gerade mal ein paar Jahre über 40...Sie litt an Magenkrebs..Unsere Großfamilie hat sich nämlich zsammengetroffen zur Gebutstagsfeier wir sassen bei Tisch alle assen genüsslich Kuchen und sie lag auf der Couch und jammerte erbärmlich. "Ich will wieder so essen können wir ihr..." leider konnte sie nur noch über eine Sonde ernährt werden alles orale kam sofort wieder raus.

Es war so furchtbar..Alle gingen raus weil sie ihr Elend nicht sehen konnten sie hatten mit sich selbst zu kämpfen. Ihre Schwester totkrank. und ich und meine Cousine blieben bei Ihr...mit Tränen in den Augen, weil wir selbst so hilflos waren.

Meine Tante hat bis zum Schluss geglaubt sie wird wieder gesund..Sie war nur noch Haut und Knochen. Sie ist mit diesen Glauben getorben.

AM 4.April ist ihr 50. Geburtstag zusammen mit ihrer lebenden Zwillingsschwester.

Mein Vater ist ertrunken. Besoffen von der Brücke gefallen. Ob gefallen oder geschubbst wurde nie aufgeklärt.

Alle diese Tode geistern immer im Kopf herum...

Am schönsten ist der Tod, friedlich einzuschlafen ohne Leid, dass wünsche ich Jeden....

Klos im Hals, musste ich mal loswerden hier.
JANET

Anonym hat gesagt…

Mit dem Wissen heute hätte ich villeicht etwas Leid lindern können.

Meine Ex-Schwiegermutter leidet an Brustkrebs nach 5 Jahren erneut ausgebrochen macht JETZT die Ganze Tortur wieder durch. Ich hier im Süden Sie im nördlichen Osten. Ich wäre gern bei ihr.

aber wenn ich sie mit dem Wissen der Anthroposophie konfrontiere macht ihr das nicht noch zusätzlich Angst? Ich bin überfragt ehrlich! Das war schon ein Kampf bis sie das Schweinschlachten und Schweinefleisch essen liessen. Gesund essen? Ja, heute! Aber NUN sind sie krank!

JANET

Nogg hat gesagt…

Man kann natürlich auch einfach "Strqrexdkfd" sagen. Irgendwas kommt immer.

Nogg

JANET hat gesagt…

nogger dir einen!

Anonym hat gesagt…

".......hat manchmal nur die richtige Perspektive gefehlt. Ich verzeihe Dir...... Komm in meine Arme."

Wie aber können wir einem anderen Menschen, dem wir auf unserem Weg Schmerz und Leid zugefügt haben, AUFRICHTIG in die Augen sehen und um Vergebung bitten, wenn wir doch ganz genau wissen, dass dieses Leid, das durch uns passiert ist, jederzeit wieder geschehen kann?

- Mit gefalteten Händen auf den Knien bitte ich Dich um Vergebung.

+ Ja, Vergebung... hier ist sie!

- Danke!

+ Aber kannst du mir versichern, nicht die nächste Gelegenheit zu nutzen, um wieder die falsche Perspektive einzunehmen und andere Menschen zu verletzen, weil DU Frei sein willst?

- Nein.



Was ist denn dann die Bitte um Vergebung wert und was ist die Vergebung wert?

Friede für UNS!

Monika hat gesagt…

Die Vergebung ist nichts und alles in einem. Völlig überflüssig! Die Vergebung ist die größte Ohrfeige, die «mich» ereilen kann, wenn ich «ES» begriffen habe und auch, wenn ich «ES» nicht begriffen habe.
Im Verweilen in der (Ego)Persönlichkeit kann sie Genuss oder Verdruss sein und die Entschuldigung wird nie reichen.

Der Preis der Freiheit ist der Verzicht auf eine Entschuldigung! Es gibt für mich absolut nichts im Leben, was zu entschuldigen ist.
Trotzdem kann es für den anderen eine Hilfe sein, wenn er sich entschuldigen kann – aus seiner Perspektive. Wenn sich bei mir jemand entschuldigt fühle ich mich beschämt. Denn damit gibt er mir die Schuld und meine «Scheiße» zurück!

So sehe ich es heute.
Namaste
Monika