Dienstag, 17. März 2009

Hedonistische Idealisten

Wenn ich gleich in den Zug steige um in das schöne Allgäu zu fahren und dort einen Vortrag zu halten, dann muss ich mich schon ehrlich fragen, warum ich das alles tue. Das Thema heute Abend lautet: „Leuchte und zeige Deine Schatten" - Wie man mit authentischer Pädagogik gewinnt“. Ich werde also etwas von mir erzählen müssen, von meinen inneren Motiven, warum ich von einem Event zum nächsten surfe. Wie dunkel, wie hell sind meine Motive? Wie heilig oder banal? Wie hält man einen authentischen Vortrag über authentische Pädagogik?

Ich habe mir vorgenommen, nur den ersten Teil als Vortrag vorzubereiten. Für den zweiten Teil, will ich mich ausschließlich auf die Inspiration durch die Menschen in Wangen verlassen. Ich werde mein Surfbrett mitnehmen und darauf vertrauen, dass die Wellen im Allgäu kräftig und wild sind. Und erfrischend.

Das Bild des Surfers hat mich immer schon berührt. Rudolf Steiner war für mich ein Surfer, wenn er sagt: „Statt in die Welt hineinzustarren, die in Glück und Unglück das Ich auf seinen Wellen trägt, findet man das Ich, das wollend das eigene Schicksal gestaltet“.

Steiner war das, was Wilber als Siddah bezeichnet: „Der Siddah holt sich ein Surfbrett und reitet die Wellen“.

Rudolf Steiner wollte die Wellen des Lebens nie los werden. Er wollte die Welle surfen. Für ihn war die Welle kein Feind. Er kannte das Meer und die Wellen waren der immer neue, immer einzigartige Ausdruck des einen Ozeans. Er wollte nicht im Einen versinken, er wollte die immer neuen Entfaltungen des Einen reiten.

„Surfen macht Freude, erfrischt und belebt, auch wenn es sehr schmerzvoll, schwierig und angsterfüllt sein kann“, so Ken Wilber zu dieser Metapher.

Die Welle und der Surfer – ein Bild für BeGeisterung.

Dazu passt ein Buch, welches in diesem Monat im Murmann Verlag erscheint. Es heisst: "Ab jetzt: Begeisterung. "

Der Autor, Dominic Veken, ist Chefstratege und geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Kolle Rebbe in Hamburg, die zu den kreativsten Agenturen Deutschlands gehört. Er arbeitet hier für Kunden wie Bionade, die CDU, OTTO, Google oder das ZDF.

Im Klappentext seines Buches erscheint auch die Anthroposophie. Zwischen dem „Club der toten Dichter" und der Mafia.

"Nichts kann Menschen so beflügeln wie Begeisterung. Dominic Veken ist ein kluger Deuter gesellschaftlicher Phänomene und ein Pionier des Perspektivenwechsels. Seine Diagnose: In der aktuell verfahrenen Situation sind Sehnsucht und Begeisterung der Schlüssel zu Aufbruch und tiefgreifendem Wandel. Ob Fußball, Surfen, Bionade, Barack Obama, Apple oder Yale, der Club der toten Dichter, die Anthroposophie, die Mafia oder Jesus Christus – Begeisterung schafft Visionen und Geistesgemeinschaften setzen sie in soziale Bewegung um. Dominic Veken zeigt, wie die Grundgesetze der Begeisterung funktionieren. Er setzt für die Zukunft unserer Gesellschaft auf das Individuum und seinen starken Charakter, auf Gemeinschaften und ihre Idole."

So reiten wir heute die Welle. Als hedonistische Idealisten.

Wie wird man zu einem hedonistischen Idealisten - was ist das überhaupt?
Dominic Veken erzählt uns in seinem Buch diese Geschichte, die ich hier etwas abkürze:

"Mit der eigenen Begeisterung bekommt man ein Instrument in die Hand, das Zaudern und Zögern überspringt, an das glauben lässt, was erreichbar erscheint, und das überwinden hilft, was einem auf dem Weg dahin entgegensteht.

Ich hatte so ein Erlebnis im Spätsommer 1991. Dieser Moment brachte mich zwar nicht zum Wellenreiten, obwohl es darum ging, aber er eröffnete mir eine völlig neue Perspektive – die mich letztlich motiviert hat, dieses Buch zu schreiben. Ich machte mit meinem Freund Martin einen Trip durch Kalifornien.

Da wir beide erst 20 Jahre alt waren und man in den USA erst mit 21 einen fahrbaren Untersatz mieten darf, waren wir auf eine Transportmixtur aus Kurzflügen, Bussen und Taxis sowie unsere eigenen Füße angewiesen.

Am Strand angekommen, sackten wir entkräftet auf die ausrangierten Koffer unserer Eltern. Umgeben von braun gebrannten Schönheiten und anmutig Frisbee spielenden Muskelmännern, müssen wir ein höchst bedauernswertes Bild abgegeben haben. Zwei schmale, blasse Typen mit Schweißrändern unter den Armen hockten auf prall gefüllten Gepäckstücken und starrten vollkommen entkräftet in die Weite.

Von der Seite näherte sich eine Gruppe von Surfern, vier Typen mit drei Grazien. Alle mit mokkabrauner Haut und sonnengebleichten Haaren, perfekten Körpern, Surferstyle und lässigem Gang.
Während die anderen mit sich selbst beschäftigt an uns vorbeizogen, blieb einer von ihnen bei uns stehen und fragte, ob er eine Zigarette haben könnte. Martin zog mürrisch eine Packung aus den Tiefen seines Rucksacks und hielt sie dem Surfer sichtlich genervt vor die Nase.

Der ließ sich alle Zeit der Welt, öffnete die Schachtel, nahm eine Zigarette heraus und fragte seelenruhig nach Feuer. Mit zunehmender Wut kramte Martin in seinem Rucksack und reichte dem Mann brüsk die Streichhölzer. Was fiel dem eigentlich ein? Als ob wir nicht gerade anderen Probleme hatten . . . Der Surfer steckte sich seine Zigarette an, völlig unbeeindruckt von unserer schlechten Laune, zog genüsslich an ihr, blies den Rauch in die Luft und sagte mit entwaffnend sanfter Stimme:

„Welcome to the New World, brothers.“
Brothers! Sprach’s, schlenderte weiter und ließ uns verdutzt zurück.

Noch heute, fast 20 Jahre später, erzählen wir uns diese Episode, wenn wir uns sehen.

Der Surfertyp ging uns beiden nicht aus dem Kopf. Er stand auf eine Weise im Einklang mit sich selbst, wie ich es bis dahin nicht erlebt hatte, und er strahlte das geradezu unwiderstehlich aus. In wenigen Sekunden schaffte er es, unsere Stimmung von Vollkatastrophe auf Gelöstheit zu drehen. Auf uns wirkte er ansteckend beseelt, gleichzeitig sanft und voller Kraft.

Er vermittelte den Eindruck, dass er nicht mehr brauchte als sich selbst und sein Surfboard. Er war von seinem Tun erfüllt und begeistert: ein hedonistischer Idealist.

Die Frage nach echter, in Lebensart umgesetzter Begeisterung hat mich seitdem nicht mehr losgelassen."

Welcome in Wangen. Zum Wellenreiten:

„Leuchte und zeige Deine Schatten" -

Wie man mit authentischer Pädagogik gewinnt“

Freie Waldorfschule Wangen, Rudolf-Steiner-Straße 4,88239

Wangen im Allgäu,

20 Uhr.

Kommentare:

Surfer hat gesagt…

Brother - go on!

surfer II hat gesagt…

get stoked bro!

Die perfekte Welle.. hat gesagt…

Kaum da und wieder weg!?
Wie die perfekten Wellen.

Christoph Prange hat gesagt…

Eine Bekannte schreibt mir in Bezug auf die Thematik "Schattenseiten lüften":

"Wie ist das, wenn ich meine Schattenseiten öffentlich kund tue? Gefährden bzw. schädigen sie dann
andere Menschen weniger? Und wenn Ihr jetzt wisst, welche Schattenseiten diesen Menschen
begleiten, ist er dann für Euch in allem, was er schreibt, wirklich glaubwürdig, könnt Ihr ihm vertrauen?"

Vielleicht kann dazu Stellung genommen werden. Ich würde mich sehr freuen!

Mit herzlichstem Gruß aus derzeit Jena,
Christoph Prange

Websurfer hat gesagt…

Ich surfe j sowie schon den ganzen Tag.
Fehlt nur noch die Erleuchtung.
Aber die habe ich ja in mir oder so.