Freitag, 17. April 2009

Lektionen über die Liebe


Das Erwachen zur All-Liebe, ist nicht das was man Erleuchtung im umfassernsten Sinne  nennt. Erleuchtung ist der schrittlose Schritt in das einfache, unbegrenzte, zeitlosen und alle Zeiten umfassende Ich-Bin des ewigen Seins.

Wer unvorbereitet diese Erfahrung macht, der wird zunächst schockiert sein, dass dort nicht diese Liebe ist. Man gerät mit dem Erwachen eigentlich an einen Punkt wo man sagen kann: „Ich bin, bevor etwas anderes war – Ich bin vor der Schöpfung."

Vor der Schöpfung – im reinen Sein – da findet man nicht diese All-Liebe. Im Erwachen findet man reines, kristallenes Bewusstsein – frei von allem, frei für alles. Auch frei von Liebe und frei für Liebe. Nirvana. Nichts ist. Alles ist möglich.

Dieses reine, göttliche Bewusstsein hat uns Menschen hervorgebracht – in einem alten mystischen Spruch fasste Rudolf Steiner dies als „Ex deo nascimur“ zusammen. „Aus dem Vatergott sind wir geboren.“ Erwachen im letzten Sinne, ist ein Erwachen zu diesem „Vatergott“ - zum wahren Frieden.

Wo ist nun aber die Liebe, die heute schon viele Menschen erfahren? Diese All-Liebe ist etwas ganz neues und ganz anderes als dieser „väterliche Daseinsgrund“, etwas ganz anderes als EINACH DAS. Etwas ganz anderes als der ABOLUTE GEIST.

Diese All-Liebe ist nicht mehr reines Sein. Diese All-Liebe ist bereits ein erstes Sterben des ABSOLUTEN GEISTES. Wer die All-Liebe erlebt, der erlebt den Grund seiner Geburt.

Wer sich als einig mit der All-Liebe erlebt, der ist bereits aus der göttlichen Einheit herausgefallen und erlebt im Fallen sein Werden.

Sein harter Aufschlag auf der Erde, ist auch gleichzeitig der Moment der Geburt. Darum ist jede Erfahrung der All-Liebe auch immer mit einem kaum zu erklärenden Schmerzgefühl verbunden. Denn das, was Rudolf Steiner die „Geister der All-Liebe“ nennt und was im griechisch-hebräischen die „Seraphime“ sind und im christlichen die obersten Engelhierarchien, das sind ja bereits Formen, die aus dem Formlosen abgetrennt sind.

Wenn Du diese All-Liebe spürst, dann bist Du zwar in einem Raum der reinen Glückseligkeit,  aber dieser Raum konnte nur entstehen, weil sich etwas vom ABSOLUTEN abgespalten hat.

Und diese Abspaltung tut weh. Immer. Bis zum Erwachen zum ABSOLUTEN. All-Liebe, die nicht einen Funken All-Schmerz beinhaltet, ist keine All-Liebe. Wer nur selige Harmonie fühlt, lebt noch weiter unten in der Hierarchie der geistigen Welt.

Wenn Du die All-Liebe spürst – auch wenn Du nur ihren warmen Hauch spürst und noch nicht voll in diesem Feuer-Raum stehst – dann bist Du dem Urimpuls des Lebens auf der Spur und dieser Urimpuls des Lebens konnte überhaupt nur entstehen, weil etwas vom absolut Göttlichen gestorben ist.

Wenn Du wieder zu diesem absolut Göttlichen vordringen willst, wenn Du zum einfachen Sein erwachen willst, dann musst Du wiederum in diese All-Liebe hineinsterben.

Gott stirbt und erwacht von oben nach unten. Der Mensch stirbt und erwacht von unten nach oben.

Die größte Gefahr der Erfahrung der All-Liebe liegt darin, dass man in ihr stecken bleibt. Dort ist alles reine Liebe. Wenn Du hier stehen bleibst, bleibst Du trotz aller Glückseligkeit im Vorgarten Gottes stehen. In diesen Vorgarten bist Du hineingeboren und in diesem Vorgarten musst Du wieder sterben. Es ist der Vorgarten, der in der christlichen Mythologie der „Garten Getsemani“ genannt wird. Hier erlebte Jesus Christus seine dunkelsten Stunden vor dem Verrat. Verrat, das ist die Trennung von Gott. Hier weinte und schwitze Jesus Christus Blut um später auf Golgatha den letzten Ruf der Trennung zu schreien: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen...“. Ein tiefes Symbol für den esoterischen Trennungsschmerz

Sein Tod – so die mythologische Bildersprache – war die Geburt der Liebe auf der Erde. Wenn Du die wahre Liebe spürst, dann spürst Du diese Liebe. Und wenn Du zu Gott kommen willst, dann musst Du diese Liebe wieder verlassen, in diese Liebe sterben. Der Weg zu Gott führt DURCH die Liebe – er endet nicht IN dieser Liebe. (Aber natürlich führt er auch nicht an der Liebe vorbei...)

Du musst Dich von dieser All-Liebe verabschieden und die höchste Form des Abschieds ist der Tod. Und die höchste Form der Liebe ist, in der Sprache der abendländischen Esoterik,  „der Christus“. Du musst also in Christus sterben, um zurück zur Einheit zu finden.

Steiner benutzte dafür den alten Spruch der Rosenkreutzer: „In Christo morimur“ – „In Christo sterben wir“. Auch hier spürst Du es wieder, dass diese All-Liebe auch immer ein All-Tod ist. Das ist der bohrende Schmerz, den Du fühlst, wenn Du die All-Liebe fühlst.

All-Liebe ist nicht Erlösung und Freiheit. All-Liebe ist nicht die Freiheit von Schuld und Sünde. Ganz im Gegenteil: Mit dem Schritt in die All-Liebe, nimmst Du alle Schuld, alle Sünde auf Dich. So wie in der großen Symbolsprache des Christentums das Kreuz steht. In der All-Liebe zu leben bedeutet, sich die Hände dreckig zu machen.
Wie aber, „werden wir wach zum Geiste, aus welchem heraus wir einst geboren wurden?“ (Steiner, GA 105). Wie finden wir wieder zu Gott – zum absoluten GEIST, wie werden wir wieder eins mit EINFACH DAS?

Wenn Du verstehst, WARUM alle diese Schritte notwendig waren, findest Du auch den Weg, den Du suchst: „Die Persönlichkeit musste werde, sich erfassen, sich begreifen, sich als Mittelpunkt empfinden, sich vor sich selbst setzen, sich überwinden, sterben lernen, um sich als freies Ich-Wesen wieder zu ergreifen, dass seinen Mittelpunkt im Gottes-Ich erfühlt.“ (Steiner, GA 105).

Im christlich-rosenkreutzerischen Sinnspruch heisst es dazu: „per spiritum sanctum reviviscimus“ – „durch den heiligen Geist kehren wir zum Leben zurück“.

Das Sterben in die All-Liebe und dann als Höhepunkt in „den Christus“, lässt mich wieder den ursprünglichen GEIST ergreifen, der mich  - völlig verwandelt – zum Erwachen führt.

In das einfache, unbegrenzte, zeitlose und alle Zeiten umfassende Ich-Bin des ewigen Seins. Ich bin nun wieder IM LEBEN OHNE GEGENTEIL. (So gesehen, war Jesus Christus gleichermaßen ein Nachfolger, wie auch ein Schüler des Buddha. Und die Relativität des Christentums erkennt man, wenn immer wieder auf die Worte von Jesus Christus schaut. Er sagt, er sei der Weg zum Vater. Hat man den Weg zum Vater, zum Nirvana gefunden, dann erkennt man das was manche "den Christus" nennen,  als eine Phase, die immer als Phase konzipiert war und die man überwinden muss...wie eine Brücke. Ein Brücke zu überwinden, bedeutet eine Brück zu ehren.) 
Wenn dieser Schritt getan ist, erfasst Du, wie überflüssig und wie gleichzeitig dringend notwendig alle Schritte vorher waren. Du hättest Dir alles Leid ersparen können – aber das Leid brachte Dich auch zu der Erkenntnis, das Leid niemals notwenig war.

Es ist gut, dass diese abendländische Phase, in der Erkenntnis immer mit dieser Leidensgeschichte einhergeht, sich nun langsam dem Ende neigt. Wir werden dann erfahren, dass die Trennung von Gott gar keine Trennung ist.  Wir werden dann erleben, dass wir untrennbar vom Gottes-Ich sind und ab sofort wird Menschwerdung ein lusterfüllter Gottesdienst sein. Gott werden, wird zur heiligen Menschenweihehandlung.

Leid ist das Gefühl der Getrenntheit – und tatsächlich ist alles Mögliche von Dir getrennt gewesen. Ja, zerstückelt: In Phasen, Stufen, Ebenen, Linien, Quadranten, Formen, Stimmen, Liebe, Tod, Hierarchien und Welten – aber von einem warst Du niemals getrennt: Vom Gottes-Ich. Dein Ich - Gottes-Ich.

Die Liebe ist in diesem Sinn das letzte Feuer vor Gott – sie verbrennt das letzte Leid, die letzte Anhaftung, die letzte Vorstellung – am Ende verzehrt die Flamme sich selbst. Versuch zu verstehen, dass dies gleichermaßen ein einmaliges Ereignis und ein andauernder Prozess ist. Sei verliebt in diesen evolutionären Prozess, aber verwechsele den vergänglichen Prozess nicht mit dem unvergänglichen Gewahrsein Deines Selbst.

Alles ist vergänglich, DU aber bleibst. DU, der Zeuge dieser und aller Welten, die in Deinem eigenen Gewahrsein entstehen und vergehen.

Alles, was in Deinem reinen und klaren und ewigen Gewahrsein entsteht und vergeht, soll in LIEBE entstehen und vergehen.