Dienstag, 5. Mai 2009

Heiler-Krieger


Was tust Du, wenn Du auf dem inneren Schlachtfeld stehst und die heisse Luft des Kampfes, der Verletzten, der vernichtenden Niederlagen und glorreichen Siege einatmest? Was tust Du, wenn Dir diese heisse Luft des Schmerzes und der Wunden den Atem nimmt und die Lunge zu zerreissen droht? Was tust Du, wenn Du das Leid heilen willst, aber selber ein Krieger bist? Werde ein Heiler-Krieger. 
Was tut der Heiler-Krieger? Er atmet Leid ein. Dann atmet er Heilung aus.
Einatmen ist Leid annehmen. Ausatmen ist Heilung aussenden.
Der Heiler-Krieger öffnet sich allen leidvollen Aspekten des Lebens, jeder Kritik, jedem Angriff und jedem Leid. Ob es anderen geschieht oder ihm selber. Für sich und stellvertretend für jedes leidende Wesen, nimmt er die Pfeile entgegen und sendet Mitgefühl aus.
Er blickt auf die Wunden im Weltinnenraum seiner Mitmenschen und seiner selbst und atmet den seelischen Eitergeruch ein. Zieht ihn tief, tief in sich ein und atmet so viel Wohlgefühl und Heilung aus, wie nur irgend möglich.
Daraus erwächst dem Heiler-Krieger eine große Freiheit. „Der Heiler-Krieger ist furchtlos, stolz, und auf machtvolle Weise präsent und zugleich frei von Aggressionen und jeglichem Ehrgeiz; er ist wohlwollend, bescheiden und erfüllt von Mitgefühl und Liebe“. So beschreibt info3 Autor und Arzt Dr. Frank Meyer den Heiler-Krieger, wie er diesen nennt. Hier hat das Wort Mitleid, welches Rudolf Steiner in einer Monatsmeditation meint, seinen angemessenen Platz: „Mitleid wird zu Freiheit“.
Als Ken Wilber auf der Integralen Tagung gefragt wurde, was seine derzeitige spirituelle Praxis sei und welches überhaupt die „perfect practice“ wäre, antwortete er: „Ich atme den Schmerz und das Leid ein und atme Liebe und Mitgefühl aus.“
„Annehmen“ und „Aussenden“ sind die beiden Grundbegriffe dieser Tonglen-Methode, die Wilber hier meint. Sie ist als Idee und Praxis ein heiliges Gut vieler spiritueller Traditionen - so auch der Anthroposophie. 
Wenn Du es praktizierst, wirst Du feststellen, dass den „Schmerz fühlen“ und unter dem „Schmerz leiden“ etwas radikal unterschiedliches ist. Du verstehst dann mit Deinem ganzen Sein den Satz: Was den Schmerz fühlt ist frei von Schmerz.
Heute habe ich von einem wahren Freund eine kraftvolle Übung dazu geschenkt bekommen.
Du wirst bemerken, dass die Praxis dieser Übung gleichsam „kontemplativ und auf höchste Weise aktiv“ ist, wie Meyer es nennt.
Fang einfach gleich an. Jetzt und in jedem Moment, wo Dir Leid begegnet. In Dir. In den Anderen. In der Welt. 
Werde ein Heiler-Krieger und stehe unerschrocken auf Deinem inneren Schlachtfeld. Du meidest jetzt kein Leid - Du gehst darauf zu. Du umarmst es. Es ist eines. In DIR. 
Heiler-Krieger Meditation von Michael Habecker
Ich fühle die Zusammengezogenheit meines Herzens und Deines Herzens.
Mit jedem Einatmen atme ich diese Zusammengezogenheit ein.
Mit jedem Ausatmen verströme ich soviel Güte und Hinwendung wie möglich.
Das was all dies fühlt ist frei von Zusammengezogenheit.
Ich fühle die Wut und Verzweifelung in mir und in Dir.
Mit jedem Einatmen atme ich diese Wut und Verzweifelung ein.
Mit jedem Ausatmen verströme ich soviel Güte und Hinwendung wie möglich.
Das was all dies fühlt ist frei von Wut und Verzweifelung.

Ich fühle das was mir wichtig ist und das was Dir wichtig ist, und das was uns unterscheidet.
Mit jedem Einatmen atme ich die Kluft der Unterscheidung und den Schmerz des Getrenntseins ein.
Mit jedem Ausatmen verströme ich soviel Güte und Hinwendung wie möglich.
Das was all dies fühlt ist frei von Schmerz und Getrenntsein.
Ich erlebe als ein Individuum alle Freuden und Ängste, die damit verbunden sind.
In dem ich mich in Dich einfühle, erlebe ich diese Freuden und Ängste auch bei und mit Dir.
Mit jedem Einatmen atme ich diese Freuden und Ängste ein.
Mit jedem Ausatmen verströme ich soviel Güte und Hinwendung wie möglich.
Das was all dies fühlt ist frei von Freuden und Ängsten.

Mögen wir uns im Bereich des Getrenntseins immer mehr in unseren Herzen berühren.
Mögen wir die Gnade erfahren, das was jenseits von Trennung ist, mehr und mehr zu (er)leben.

Kommentare:

Sascha Bose hat gesagt…

Lieber Sebastian,

ist das so ungefähr das, was du mit dem "Lass uns Krieger für das Gute sein" in deinem alten Blog meintest?

Grüße
Sascha

Hooponopono hat gesagt…

Es tut mir leid in mir
Ich liebe dich. Ich verzeihe dir – in mir
herzlich
anka

MonikaMaria hat gesagt…

@ Sebastian
@ Anka

Danke für Eure Beiträge! Seit ich in Ken Wilbers Buch «Mut und Gnade» über Tonglen gelesen hatte, praktiziere ich dies ständig.

Jedes Mal, wenn ich Leid begegne oder davon höre, fühle ich diesen Schmerz der Verletzung in meinem eigenen Innern und beginne sofort mit Tonglen. Eine Übung, die ich nie mehr vermissen möchte!

Herzlich
MM

Anak hat gesagt…

liebe mm,
es ist auch eine uebung, die uns nun niemals mehr verlassen wird oder verlassen kann, denn dann wuerden wir uns selber betruegen und innerlich absterben
in licht und liebe
anka