Donnerstag, 4. Juni 2009

Die Guru-Frage



Haben Sie einen Guru? Verrückte Frage, oder? "Auf einer Party zu erwähnen, man habe einen Guru, ist so, als würde man sagen: Ich bin heroinabhängig." Ich mag dieses Zitat von Mariana Capla - kaum eine andere Frage illustrativ so plakativ unser westliches Verhältnis zur Spiritualität: Darf es eine spirituelle Autorität geben, wenn wir uns auf die Suche nach Weisheit und geistigem Wachstum begeben? Im Kontext der Anthroposophie lautet die Antwort kategorisch "Nein" - und zwar deswegen, weil die anthroposophische Autorität, Rudolf Steiner, gesagt hat, dass wir keine Autorität haben sollen. Mein Guru sagt: „No Guru“. Nun ja.
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Neben diesen bekannten Positionen gibt es auch Aussagen Steiners, welche diese Angabe kontakarieren:

„Ein Lehrer muss bei der Einweihung immer dabei sein: Eine ernsthafte Einweihung ohne Lehrer gibt es nicht. Wer das behaupten wollte, würde etwas ebenso törichtes sagen, wie jemand der die Geburt eines Kindes ohne das Zusammenwirken der beiden Geschlechter als Möglich erachtete. Die Einweihung ist ein geistiger Befruchtungsprozess. Wenn dieser nicht in dem Dualverhältnis zwischen Lehrer und Schüler herbeigeführt würde, so wäre das sogar ein schädlicher Vorgang.“ (RS, GA97).

Abgesehen von dieser Position, ist mir in diesen Tagen noch ein anderer Gedanke gekommen. Ich lass den Bericht von Natalie Turgenieff-Pozzo, die zwölf Jahre am Bau des ersten Goetheanum mitgearbeitet hat. Diese Anthroposophin der ersten Stunde, berichtet intensiv über den Alltag mit Rudolf Steiner - und da ging mir ein inneres Licht auf, welches ich lange verdrängt hatte: Anthroposophie ist nicht zuletzt deshalb die bekannteste westliche esoterische Strömung, weil sie einen herausragenden Guru hatte.

Der Schwung der ersten Jahrzehnte, der die Anthroposophie bis heute angetrieben hat und nun ausläuft, ist auch der Schwung der aus tausendfachen persönlichen Begegnungen mit diesem Lehrer mitgenommen wurde. Wie immer man heute zu diesem schwierigen Motiv steht, wenn ich heute über Gurus spreche, will nicht mehr vergessen, dass Anthroposophie ganz wesentlich durch die transmissionarische Kraft eines einzigen Lehrers das geworden ist, was sie heute ist.

Was mich beim Lesen des Berichtes von Turgenieff-Pozzo noch bewegte, war die Frage, ob wir in wenigen Jahrzehnten tatsächlich alle und ausnahmslos so gereift sind, dass wir von null auf hundert, alle Schritte zur Weisheit und innerem Wachstum ganz alleine gehen können - ohne strenge & liebevolle & weise Führung? Für alles akzeptieren wir Lehrer: Sport, Sprache Fitness - nur nicht für das, was uns am wichtigsten ist? Oder ist es uns vielleicht gar nicht so wichtig?

Ist die Einweihung ohne Lehrer wirklich für alle der wahre Weg? Welche Potentiale liegen in der Schülerschaft? War Jesus ein Guru? Was bestimmt unsere Bedenken oder unser Befürworten bei Thema Guru? Woher nehmen wir die Sicherheit heutige Gurus und Schüler als unzeitgemäß zu qualifizieren?

Vielleicht kommen Ihnen bei Lesen der Worte Turgenieff-Pozzos ähnliche, vielleicht andere Gedanken:

"Das Staunen wuchs gleichzeitig mit dem Vertrauen zu ihm, bei jedem, der in seiner Nähe lebte...Da kommt er auf das Gelände mit jenem leichten und bestimmten Gang, gleich als ob jeder Schritt schon eine sichere Tat wäre; in Schwarz gekleidet, Mappe und Regenschirm unterm Arm. Unbefangen und munter wird die Stimmung unserer Arbeit durch ihn.

Die unbegrenzte Achtung, beinah Andacht, die Herrn Dr. Steiner von uns entgegengebracht wird, wird nicht geäussert. Doch wissen wir: Zwischen uns geht ein Mensch von unfassbarer Größe, wie ihn Jahrhunderte nicht gesehen haben. Wir empfinden uns ganz konkret in der Kette der Weltgeschichte und.

Dr. Steiner nahm auch Klöppel und Messer, stellte sich wie wir, auf eine umgeworfene Kiste, statt Gerüst und beginnt zu arbeiten. Auch er arbeitet zum erstenmal, aber nach einigen Schlägen ist er schon ganz in der Arbeit orientiert und schneidet einen kleinen Span nach dem anderen ab. So klopft er zehn Minuten, eine Stunde...ohne aufzuhören. Ohne von der Kiste wegzugehen, arbeite er beinah zwei Stunden. Wir standen herum, in einiger Entfernung, waren blass vor Ermüdung, machten immer größere Augen und staunten in unbeweglichem Schweigen; wir hatten ja selbst schon erfahren, wie anstrengend es ist. Diesen Tag wird sicherlich keiner von uns vergessen - Dr. Steiner lehrte uns durch Beispiel...".

Könnte es sein - im Sinne des Heroin-Eingangzitats - dass diejenigen die sich der Frage nach einer spirituellen Autorität ganz neu öffnen, gerade diejenigen sind, die gerade nicht abhängig sind? Suchen sich vielleicht nur die stärksten einen Guru? Ist das "JA" zu einem spirituellen Lehrer vielleicht ein "JA" zu dem tiefsten Ruf in mir - trotz aller postmodernen Zwischenrufe? 

Könnte es sein, dass die Guru-Frage am Ende mit der Ausrede Nr.1 zu tun hat?

Spannende Fragen tun sich auf – kennen Sie eindeutige Antworten?

Niemand kann sich höhere Erkenntnis aneignen, der sie nicht empfängt! Höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird.“ (Rudolf Steiner)