Mittwoch, 23. September 2009

Höflichkeit wird zu Herzenstakt


TUGEND
"Höflichkeit wird zu Herzenstakt".

In unserem Haus gehen viele Menschen ein und aus. Manche sind höflicher, andere weniger. Die Höflichen sind mir lieber. So einfach ist das – und doch nicht ganz. Denn die gekünstelt, scheinheiligen Höflichen mag ich auch nicht. Ich mag diejenigen, die gleichermaßen höfflich, offen und autark sind. Ich mag die Höflichkeit die von Herzen kommt.

Aber wie kommt die Höflichkeit in das Herz hinein und aus dem Herz hinaus? Ganz einfach: Indem man Höflichkeit praktiziert und dadurch erfährt, wie diese Tugend uns beglückt. Ich habe erfahren, dass es dazu hilfreich sein kann, die Perspektive zu wechseln.

Ich war es gewohnt, mich als Hauptrolle in meinem eigenen Film zu fühlen – höflich zu sein bedeutet aber, die beste Nebenrolle im Film unserer Mitmenschen zu spielen.

Wenn Sie wollen, dann überlegen Sie sich doch einmal, welchen begleitenden und attraktiven Part sie im Leben ihrer Mitmenschen spielen wollen.
TUGEND
Wie könnten sie eine sympathische, freundliche und erfrischende Figur in den Lebensfilmen ihrer Familien, Freunden oder Kollegen werden – ohne sich jedoch selber als Hauptrolle aufzudrängen?

Höfflichkeit soll nicht die Wahrheit unserer Worte und Absichten vernebeln oder Fallstricke spannen. Höfflichkeit sorgt für ein angenehmes Dialog-Klima und ist das Sicherheitsnetz der Kommunikation.

Und es gibt unendlich viele Übungsfelder, die uns täglich einladen, unser Herz auf den gesunden Rhythmus der Höflichkeit einzustellen: Indem wir respektvoll über andere Menschen sprechen, uns von Klatsch fern halten, nichts verkomplizieren, ehrliche Komplimente verteilen, Verabredungen einhalten, anderen den Vortritt lassen und die Tischmanieren pflegen.

Klingt das zu banal? Nun, die Anregung zu denen Rudolf Steiners Monatstugend inspirieren, könnten einfacher nicht sein:

Sagen Sie beim Bäcker anstatt „Ich bekomme vier Brötchen“, „Ich hätte bitte gerne vier Brötchen“. Sagen Sie stets „Bitte“ und „Danke“ und „Sehr gern geschehen“. Lächeln Sie dabei. Lächeln sie überhaupt so viel wie möglich – auch wenn es Ihnen am Anfang blöd vorkommt. Blöd ist es nur, solange wir angestrengt üben.

Versuchen Sie ihr Lächeln immer tiefer in ihre eigene Seele sinken zu lassen. Lächeln Sie in sich hinein. Bis ihre Seele dieses leise Lächeln eines Buddhas zurückstrahlt.

TUGEND
Nach einiger Zeit wird Ihr Lächeln wie ein Atmen sein – ein selbstverständliches Leuchten aus Ihrer Mitte.

Die tägliche Praxis der Höflichkeit lässt unsere Seele mehr und mehr in freundlichen Farben blühen und macht unser Herz zu einer Heimat für jedermann. Dann beginnen wir im Takt dieses neuen Herzschlages zu leben und sehr schnell fühlen wir, wie wohltuend und gesund das für uns selber ist und wie heilsam diese Haltung auf unsere Umfeld abfärbt.

Höflichkeit wird zu Herzenstakt.

Herzenstakt lebt in dem Empfinden aus Nähe und Distanz. Es ist eine tänzerische Bewegung auf unsere Mitmenschen zu, sie beobachtet deren Reaktion und schwingt dann wieder zurück um sich spielerisch wieder anzunähern – immer darauf bedacht, die majestätische, unantastbare Würde des Gegenüber zu achten. (Und wo diese Würde missachtet wird, gerät auch diese Tugend an ihre Grenze).

Doch letztlich liegt hier das spirituelle Geheimnis der Herzenshöflichkeit und in der Urgeste der Höflichkeit, der Begrüßung nämlich, wird ihr Geheimnis offenbar: Die weltweit am meisten praktizierte Begrüßungsgeste besteht darin, die eigenen Innenhandflächen zusammenzuführen, in die Nähe des Herzens zu legen und den Kopf leicht zu beugen.

„Namaste“ sagt man zu dieser Geste und der bedeutende spirituelle Lehrer Deepak Chopra erklärt diese Aussage so: „Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.“

Wir grüßen im „Du“ des Gegenüber auch unser eigenes „Ich“ und ehren so unsere Verschiedenheiten als Facetten des unteilbaren Einen. Im Herzenstakt grüßen wir in allen Menschen das selbe Licht, die selben Liebe und die selbe evolutionären Energie – es ist ein choraler Herzenstakt.

Die in unserer Kultur ausgeübte Geste, sich gegenseitig die Hände zu reichen – also die Innenhandflächen des Mitmenschen mit unseren eigenen zusammenführen – ist ein Weg dahin, die Einheit auch in der Dualität zu fühlen.

Wenn Höflichkeit zu Herzenstakt geworden ist, erkennen wir – in den Worten Steiners – „in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit...dann wird jede Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein.“

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Und bitte: Seien Sie tugendhaft.