Donnerstag, 26. November 2009

Wozu der Advent Dich einladen kann


Die Sonne hat sich zurückgezogen. Licht und Wärme sinken immer tiefer. In den Pflanzen haben sich die Sonnenkräfte von den Spitzen in die Wurzeln umgewendet, von den Feldern und Wiesen, weicht die Vitalität nach unten aus und selbst der Beton scheint grauer zu werden...Die Nachtkräfte wachsen.

Die Adventzeit kann für unsere Seele zu einer Zeit der Prüfung werden – die Natur schenkt uns wieder eine Chance zu wachsen. 
Wenn wir diese äusseren Entwicklungsprozesse im Inneren mitgehen – in fühlender Bewusstheit – dann kann das Naturerleben zu einem Seelenwachstum werden. Was in der äusseren Natur geschieht, kannst Du Dir im Inneren aneignen, als Deine EIGENschaft.
advent
Wer die Erfahrungen im Laufe des Advent mit anderen Menschen austauscht, wird eine Potenzierung der Energien auf allen Ebenen erfahren.
Advent
Dennoch wird jeder merken, dass er in den nächsten Wochen in der Einsamkeit stehen wird. Einsamkeit wird nun nicht weniger. Sie wird mehr. Ein waches und aufrechtes Stehen & Sterben in der Einsamkeit, macht uns im besten Sinne menschlicher.
Aus der spirituellen Tradition der Anthroposophie heraus, kann der Advent als Einladung verstanden werden. So wird die Zeit des Wartens zur Zeit des Wachsens.
Advent
Die eine und umfassende Einladung für die ganze Adventzeit: Bleib wach und bewusst.Was auch geschieht: Gehe bewusst durch die Einsamkeit, gehe bewusst durch den Schmerz, gehe bewusst durch jeden Moment des Sterbens. Schmecke die Einsamkeit.
Advent
Kaue die Einsamkeit. Schlucke die Einsamkeit. Fühle, wie Einsamkeit in Dir wächst. Verdaue Einsamkeit. Scheide aus, was selbstverliebte, tote Einsamkeit ist und lass fruchtbar in Dir werden, was gut ist an Einsamkeit:
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Erkenne in dieser seelischen Nacktheit Dein wahres Selbst. Weiche der Einsamkeit nicht aus.
Advent
Lass Dich von der Einsamkeit bewusst herabziehen – auf den Grund von allem. Wenn Du die letzte Einsamkeit kennst, kennst Du die letzten Dinge.
Advent
Einladung für die erste Adventwoche:
Sei achtsam und erlebe die kosmische Gerechtigkeit.
In der ersten Adventwoche wirken die Nachtkräfte besonders auf unseren Körper, den physischen Leib.
Advent
Als wollten diese Nachtkräfte uns beweisen, dass sie uns fest im Griff haben. Schnell haben wir das Gefühl: „Warum gerade jetzt und warum gerade ich?“. Verbinde Dich - auch wenn Du krank bist - so gut es geht mit dem Gedanken, dass Deine scheinbar ungerechte Lebenslage (auch wenn Du jetzt nicht alles verstehest) in einer Weltengerechtigkeit aufgehoben ist. Schaue achtsam auf Deinen Körper.
ADVENT
Fühle, dass zum Beispiel Dein Unwohlsein, ein Ausgleich sein könnte. Er kann Dir helfen, etwas von Dir zu verstehen. Erlebe immer wieder Momente, dass die scheinbare Ungerechtigkeit in einer großen Gerechtigkeit ausgeglichen wird.
Advent
Übe Dich geduldig in dem Empfinden, dass diese Weltengerechtigkeit auch Dir gerecht werden wird und das dies bereits in einem höheren Sinn genau jetzt so ist. Vertraue darauf: Du bist Teil einer umfassenden Gerechtigkeit.

Advent
Einladung für die zweite Adventwoche:
Halte Maß und erlebe Harmonie.

In der zweiten Adventwoche wirken die Nachtkräfte besonders auf unsere subtilen Vitalkräfte – im anthroposophischen Sprachgebrauch auch als „Ätherleib“ bezeichnet.
Advent
Du wirst das in dieser Zeit dadurch bemerken, dass sich beim Sprechen der Zynismus und die scharfer Kritik in Dir aufsteigen. Vielleicht wirst Du den Weihnachtskonsum besonders feurig verurteilen – übe Dich auch in diesem Urteil in Besonnenheit.
Advent
Erlebe in jedem verurteilenden Wort auch die andere Seite der Geschichte – das Kind was sich über ein Geschenk freut oder die Verkäufer, denen das Weihnachtsgeschäft ihren Lebensunterhalt sichert.
Advent
Halte in allen Wünschen, Gedanken und vor allem Worten das Maß und erlebe, wie sich gesundende Harmonie in Dir ausbreitet.
Advent
Einladung für die dritte Adventwoche:
Sei mutig und erlebe Geistesgegenwart.
In der dritten Adventwoche wirken die Nachtkräfte besonders auf das Reich unserer Gefühle, die emotionale Seite unserer Seele - unser Astralleib.
Advent
Je näher wir zum Eigentlichen kommen, desto größer kann die Angst werden. Ich ermutige Dich zu dem zweifachen Mut:
Advent
Der erste Mut betrifft Dein persönliches Leben. Gehe Deinen eigenen Weg. Lebe in allen Bereichen das Leben, was sich für Dich gut anfühlt und stehe mutig zu dazu: Ob es Deine politische Orientierung, Deine sexuelle Ausrichtung, Deine Meinung oder ein ausgefallenes Hobby ist: Triff Deine Entscheidungen und steh dazu.
Advent
Der zweite Mut betrifft das, was über Dich hinaus geht – ich nenne es Deine Mission. Mut, das bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut, das bedeutet, durch die Angst zu gehen.
Advent
Wenn Du eine Mission hast, dann gibt immer einen Grund mehr, weiter zu gehen, als die Angst es zulassen will.
Advent
Mut zur Mission, bedeutet das zu tun, was die Mission verlangt.

Angst entsteht aus Identifikation mit der Endlichkeit. Mut führt Dich dahin wo Ewigkeit lebt – in die Geistesgegenwart.
Advent
Einladung für die vierte Adventwoche:
Sei Du selbst und erlebe Weisheit

In der vierten Adventwoche wirken die Nachtkräfte besonders auf Deine Ich. Wie in vielen großen Weisheitstraditionen, so ist auch im anthroposophischen Kontext das Ich des Menschen eine Art inneres Organ. Durch dieses spricht sich das aus, was man Weltgeist, Universum, kosmische Energie oder Gott nennen kann.
Advent
Das Ich ist somit nichts, was vom Kosmos unabhängig oder getrennt wäre. Dein Ich ist ein einmaliger und sterblicher Ausdruck des EINEN und UNSTERBLICHEN.
Advent
Dein Ich ist eine spezifische Manifestation des Unspezifischen. Der Ort, an dem sich Gott seiner selbst bewusst wird. Deine Evolution ist Gottes Evolution.
Advent
Anthroposophie ist einer von vielen Wegen, um zu erfahren, dass jedes Menschen-Ich eins mit dem Welten-Ich ist.
Advent
Somit ist Deine eigene Weisheit immer auch Weltenweisheit. Wenn Du ganz Du selbst bist, dann bist Du ganz Kosmos.
Advent
Ich kann es auch anders sagen: Je weniger Du Dich auf Dein Ego beziehst, je weniger Du Dich als etwas persönliches, abgetrenntes, spezielles und besonderes fühlst, desto mehr fühlt Gott sich in Dir.
Advent
Je ausgedehnter die Leerheit in Deinem Ich, desto mehr kann sich Gott als Ich ausdehnen. Früher fasst man das in dem Bild des "Grals" zusammen. Der "Gral" ist leer - so soll Dein Ich sein. Dein Ich sei still, demütig und aus Vertrauen.

Dein stilles und demütiges Vertrauen, klingt im Kosmos wie eine einladende Melodie aus vollem Herzen.Advent
In diesem Sinne kannst Du Weisheit erleben, die über Wissen hinausgeht: Deine Leerheit dient der Fülle. Die Fülle ergießt sich aus Dir – weil Du bereit bist, Dich für etwas zu leeren, was größer ist als Du selber.
Advent
In der tiefsten Demut, in der stillen Einsamkeit, da erlebst Du Deine wahre Würde. Wenn Du diese Weisheit erlebst, erlebst Du das Ende des Widerspruches von Fülle & Leerheit, von Demut & Würde, von Individualität & All-Eins.
Advent
Erlebe so die umfassende Weisheit dieses Satzen:
Der Gottesgeist, er webt.
Im Sonn´- und Seelenlicht.
„Im Weltenall, da draussen.
In Seelentiefen, drinnen.“
Rudolf Steiner Advent
Advent
Wenn Du so durch alle Aspekte Deines Wesens mit Wachheit & Bewusstheit, in Gerechtigkeit & Harmonie, mit Mut & Weisheit durch den Advent gehst, dann wirst Du die tiefe Bedeutung des Wortes „Advent“ nicht nur verstehen, sondern selber etwas dazu beigetragen haben, dass es an Weihnachten so kommt, wie es kommen soll.
Advent
Es kommt auf Dich an, wie ES kommt.

Sei ein Segen.
Denn das bist Du.
Als Quelle kannst Du u.a. bei Rudolf Steiner in den folgenden GA (Gesamt Ausgabe) Nummern dazu etwas lesen: 10, 13, 137, 223, 232

Dienstag, 24. November 2009

Dein JA-WORT

Gestern saß ich mit dem Geschäftsführer der von MINDJAZZ-PICTURES in Köln und besprach die Kinopremiere von „Zwischen Himmel und Erde“. Holger Recktenwald plant ein Podiumsgespräch zum Film und wir überlegten, wie das am besten auf die Bühne zu bringen sei. Als wir da in der „Szenelocation ohne Verfallsdatum“ saßen, meine Schwester mit ihrem Kind vorbeischaute und wir uns einig wahren, dass wir Rheinländer „Spass an der Freude“ habe, da dankte ich dem Universum mal wieder für sein JA-WORT.

Schon auf dem Rückweg vom erfolgreichen Abschluss des Männerkongresses in Hannover war ich von großer Dankbarkeit erfüllt und dachte:

„Wie erstaunlich schön, dass ich in einem so säkularen Umfeld über Gott, Nirvana, die Mission des Maskulinen und die spirituelle Perspektive sprechen durfte – und die Namen Rudolf Steiner, Ken Wilber, David Deida und Eckhart Tolle werden mit Offenheit und Freude begrüßt.“

Trotz aller harter Arbeit, trotz Opfer und trotz Begeisterung – am Ende muss das Universum sein JA-WORT geben.

Dieses JA-WORT höre ich immer dann, wenn ich aufstehe und mein Bestes gebe – und es bleibt immer ein unverdientes Geschenk, für das ich tiefe Dankbarkeit fühle.

Und bei alle dem, ist dieses verrückte Gefühl, was einfach nicht aufhören will: Denn wie ich es auch drehe und wende. Seit dem Sommer 2006 habe ich restlos das Gefühl verloren, dass es jemanden gibt, dem diese Dinge passieren. Eine Frage ist einfach so aus meinem Leben verschwunden: „Warum ich?“

Diese Frage gibt es nicht mehr – nicht im Positiven und nicht im Negativen. Nie mehr: „Was habe ich damit zu tun?“ Nie mehr „Warum passiert das gerade mir?“. Keine Vergangenheit mehr und keine Zukunft und keinen Grund mehr zu fragen: „Warum gerade ich?“ Egal wie toll oder schrecklich alles ist, die "Warum-ich-Frage" ist einfach futsch...
love
Diese Frage ist ausgelöscht. Es gibt niemanden mehr, der diese Frage stellen könnte. Das Rennen ist beendet.

Was es gibt sind Schmerzen die mir die Lungenflügel zerfetzen, Liebe die meine Adern zum Glühen bringt, Schwäche die meine Muskeln lähmt, Orgasmen die sich durch meine Glieder peitschen, Trauer die mir den Hals zuschnürt, dankbare Freude die in Tränen aus den Augen fällt, Gedanken die Menschen zum Guten bringen sollen und die tägliche Entscheidung die Welt zu einem besseren Ort zu machen...und geile Musik, & Filme & Becks & Tanzen & Ethik & jeden Moment berührt sein, Dramen – alles passiert. Die Göttin der Fülle. Mother Laxmi, tiefe Berührung: 100 Prozent Leben...immer weiter...
love
Gleichzeitig: Dasjenige, was das alles fühlt, erlebt, denkt und wahr nimmt, ist nichts von allem. Kein Problem muss gelöst werden, weil kein Problem existiert. Nichts ist zu tun. Kein Gefühl. Kein Gedanke. Kein Körper. Keine Person, kein Ego, kein Ich. Nicht dies, nicht das. Unberührt. Der Gott der Leerheit.

Die Welt geht auf. Die Welt geht unter. Alles erscheint im stillen Zeugen dieses ewigen Jetzt.

Alles erscheint, verweilt und vergeht in der einen uferlosen Bewusstheit. Ein Universum der Leerheit. 100 Prozent Nirvana.

Ein Universum aus Leerheit.
Ein Universum aus Fülle.
Dazwischen ein JA-WORT.
Love
Für Dich gegeben. Mensch.

Freitag, 20. November 2009

Sicher und frei

Heute feiern wir den „Internationalen Tag der Kinderrechte“. Als Kinderrechte werden die Rechte von Kindern und Jugendlichen bezeichnet. Weltweit festgeschrieben sind sie in der UN-Kinderrechtskonvention, die die Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 1989 verabschiedet hat. Zu einem dieser grundlegenden Rechte gehört auch das Recht auf Freiheit – und damit ist eine umfassende Freiheit gemeint.

Es war keine Absicht, aber ich erlebe es doch als gutes Zeichen, dass wir uns an diesem Tag zum dritten mal mit Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet treffen, um die spirituelle Kulturtechnik der Meditation noch intensiver kennenzulernen. (Das Treffen ist offen und kann von allen Interessierten besucht werden.)

Meditation richtet sich an der innersten Freiheit aus und mündet in das absolute Recht, diese Innerlichkeit zu entfalten. Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, einen weltanschaulich offenen Zugang zu dieser Kulturtechnik zu erlernen.

In der Meditation erfahren Jugendliche im gleichen Maße, dass sie bedingungslos vollkommen sind. Dass sie eins sind mit allen lebendigen Wesen, dass sie im tiefsten Sinne frei sind.

Und sie erfahren gleichzeitig, dass ihrer eigensten Anstrengung bedarf, um diese Freiheit jeden Tag neu zu leben. Sie erfahren: Die Freiheit ist da und ich kann sie mir nehmen.

Meditation ist ein Weg um zu erfahren, dass man immer in Beziehung zu einer ewigen Kraftquelle ist und vor allem, dass man mehr ist als Umwelt und Gene.
stille
Daraus erwächst eine sicheres Vermögen, für sein Leben und das Leben seiner Umwelt Verantwortung zu übernehmen. Nicht weil man muss, sondern weil man fühlt: Ich kann das. Weil ich es bin.

Von Gelsenkirchen fahre ich dann nach zum Kongress Männerleben nach Hannover. Dort werde ich zum Thema der „Mission maskuliner Spiritualität“ sprechen und einen Workshop anbieten.
Frei
Frei
Im Kontext des heutigen „Internationalen Tages der Kinderrechte“, fühle ich eine ganz besondere (bedrückende und freudige) Verantwortung, dieses Thema angemessen zu gestalten.
frei
Wie könnte es unseren Kindern gehen, wenn der ganze Mann erwacht?
mann
Nicht die hässliche oder lachhafte Karikatur eines Mannes. Sondern ein Mann mit Rückgrat und Herz.
Liebe
Ein Mensch, bei dem sich unsere Kinder zeitlos sicher und endlos frei fühlen dürfen.

Donnerstag, 19. November 2009

Mission Katze

Seit einigen Wochen habe ich endlich wieder eine Katze: Maximus der Kater. In diesem Moment liegt Maximus eingerollt neben mir. Er erinnert mich daran, was Meditation bedeuten kann. Meditation zeigt Dir ein Geheimnis. Dieses Geheimnis hat damit zu tun, dass wir denken, wir müssten dieses tun, müssten dieses tun und müssten jenes lassen und müssten wieder dieses tun. Irgendwelche Gedanken in uns sagen auch, dass Du so sein musst. Oder, dass Du anders sein musst. Manche Gedanken sagen Dir auch, dass Du gar nichts sein musst...Aber das sind nur Gedanken. Gedanken, die sich wichtig nehmen.

Wenn wir gemeinsam meditieren, dann hörst Du zwar auch die Wort des Meditationslehrers. Und das sind irgendwie auch nur Gedanken. Aber ein guter Meditationslehrer wird immer Worte sagen, die ohne eigene Energie sind. Worte die nichts wollen.

Es sind Worte, die still auf etwas zeigen. Etwas, was hinter den Worten ist. Hinter den Gedanken. Es sind Worte, die sich selber völlig unwichtig nehmen.

Es sind nur Hinweisschilder auf ein „dahinter“. Worten ist es verboten „dahinter“ zu kommen.

Dieses „dahinter“ ist nicht irgendwo im Jenseits.
Dieses „dahinter“ ist in Dir. Das Jenseits ist in Dir.
Es ist ein Geheimnis.

Das Geheimnis kannst Du nicht finden - denn Du hast es nie verloren.
Geheimnis
Bitte lies, wenn Du magst, diesen Satz noch mal: Das Geheimnis kannst Du nicht finden - denn Du hast es nie verloren.

Es war die ganze Zeit in Dir.

Einfach so.
Es ist da.
Es ist hell.
Es ist warm.
Es ist. Immer.
In diesem Augenblick. In diesem Augenblick. In diesem Augenblick...

Manchmal vergisst Du das. Und Meditation erinnert Dich einfach daran, was immer da ist.
Meditation
In Dir. In allen Menschen. Im Tier und auch in einer Blume. Selbst in einem Stern. In allem ist die selbe Helligkeit, die selbe Wärme.

Wenn Du in diesem Augenblick einmal Deine Aufmerksamkeit auf Dein Herz, oder auf Deinen Bauch oder von mir aus auch auf Deine Fuß richtest, dann merkst Du, dass „es“ da ist. Überall. Du musst nur kurz Deine Aufmerksamkeit darauf richten.
Katze
Manchmal denke ich dann, ich habe eine kleine Katze im Herz, im Bauch oder im Fuß. Es kribbelt & es kitzelt & es schnurrt.

„Ich bin da“ schnurrt die Katze.

Und wenn Du meditierst, dann fühlst Du zutiefst, wie wahr dieser Satz ist.

„Ich bin da“.

Und Du spürst, wie schön das ist. Einfach da zu sein. Das ist "es".

Ich finde, das ist unfassbar viel. Am Ende ist es alles.


Und wenn das Ende vorbei ist (und Du dann natürlich auch vorbei bist), dann ist es immer noch da. Das, was jetzt das Hellst und Wärmste und Schnurrigste in Dir ist.

Ich wünsche Dir einen schönen Katzentag.
Mission

Mittwoch, 18. November 2009

2 x 100 Prozent

Ich denke, es ist normal, dass die post-post-moderne Spiritualität manche Menschen verwirrt. Die Verwirrung zeigt sich immer dann am deutlichsten, wenn zwei Wahrheiten aufeinander krachen – dann Fragen sich die Leute „Ja, was will er nun? Jeden Schmerz, jede Trauer, jede Lust, jedes Glück hingebungsvoll fühlen und leben, sich engagiert ins Zentrum der Evolution stellen und sein Leben dafür einsetzen, dass alles besser, schöner und wahrer wird ODER der ruhende Zeuge sein, die ewige Stille, der unantastbare Friede und der lächelnde Himmel, der dieses komische Drama unberührt an sich vorüberziehen lässt? Was nun? Zeuge oder Zeuger? Entweder oder?

Eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht zuerst:

Es gibt kein entweder oder. Denn, wenn Du nur der Zeuge bist, besteht die Gefahr, dass Du das Leben nur beobachtest, anstatt es zu leben.

„Das Leben wird zu etwas abgetrenntem und das Innere etwas Künstliches. Denn wenn man noch nicht einmal die Trauer über die zerbrochene Lieblingstasse erfahren kann, wie soll man dann die Unendlichkeit erfahren?“ (Christian Meyer)

Wenn Du nur fühlst, nur denkst und Dich nur engagierst, wenn Du nur im evolutionären Prozess bist, wenn Du Dich nur mit diesem Aspekt des Werdens identifizierst, dann wirst Du Dich darin verlieren und niemals dort ankommen, wo Gott mit offenen Armen auf Dich wartet und wo sich niemals etwas ereignet hat - ausser Freiheit die einfach so erscheint.

Jetzt die gute Nachricht: Du kannst beides haben. Du musst Dich nicht entscheiden. Hingebungsvolle Leben ODER Ruhe im Frieden. Nimm einfach beides. Sei beides, denn das bist DU.

„Das Geheimnis besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hingibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.“ (Chr. Meyer)

Das Geheimnis ist 2 x 100 %.

Du kannst zu zwei Wahrheiten erwachen. In der einen lebst Du, in der anderen ruhst Du. Himmel und Erde sind EINS – und berühren sich doch nie.
Himmel
Und so stehst Du da. Die Füße verwurzelt auf der Erde – Dein Haupt herhoben im Kosmos.
Liebe
Darin liegt die große Verwirrung und die große Vollkommenheit.

Dienstag, 17. November 2009

Mensch im Glück

Warum tun Menschen die Dinge die sie tun? Entweder sie sind glücklich, fließen vor Glück über und wollen dieses Glück mit möglichst vielen Menschen teilen. Oder sie sind unglücklich. Und dann suchen sie ihr Glück. Manche Menschen meinen die Lösung liege darin, andere Menschen auch unglücklich zu machen. Oft schwanken Menschen zwischen diesen beiden Positionen hin und her. In glücklichen Momenten teilen sie ihr Glück - und es multipliziert sich. In unglücklichen Momenten teilen sie ihr Unglück - und es multipliziert sich.

Das Wort „Glück“ steht stellvertretend für Zufriedenheit, Freude, inneres Gleichgewicht, Leben im Überfluss und ein offenes Herz. Das Wort Unglück steht stellvertretend für Frustration, Leid, innere Verwirrung, Leben aus Mangel und ein verbittertes Herz.

Ich kenne viele glücklichen Menschen und sie alle mussten eine harte Lektion lernen: Für manche Menschen ist das Glück anderer Menschen ein Schmerz. Sie können richtig zornig werden, wenn sie glückliche Menschen erleben.

Glückliche Menschen senden Glück aus. Doch wenn das helle Glück sich durch den grauen Schleier unserer unglücklichen Mitmenschen schieben muss, kann es selber grau werden. Am Ende fließt vor allem Grau in die Herzen unserer Freunde.
Glückliche Menschen haben anstelle des Grauschleiers eine transparente Lichtaura um sich. Selbst graue Energien, graue Gedanken und graues Unglück nimmt auf dem Weg zu ihren Herzen eine helle und goldene Färbung an.

Was alle Menschen lernen müssen: Es liegt in unserer eigensten Verantwortung was wir selber aussenden und selber annehmen.

Was bei anderen Menschen davon ankommt, das liegt nicht in unserer Verantwortung.
glück
Wenn wir in jedem Moment unser Bestes geben, haben wir unseren Job gut gemacht. Was andere daraus machen, liegt ihn deren Verantwortung.
glück
Und das Glück zwingt niemanden. Das Glück, es winkt. Maneki Neko ist die winkende Glückskatze. Folge ihr leise. Versuche nicht sie zu fangen, nicht sie festzuhalten...auch nicht in inneren Vorstellungen. Streichle sie...

Einerseits hassen unglückliche Menschen es wenn ihnen Glück begegnet, denn es macht ihnen wieder ihr Grau deutlich.

Andererseits gelingt es immer wieder, dass unglückliche Menschen sich von diesem leisen Wink des Lichts führen lassen – sie lassen sich eine Weile von der farbigen Lichtaura der Glücklichen bescheinen und erwärmen.

Und dann wirft dieses äussere Licht einen Glanz auf ihre eigene Seelentür. Und wenn sie dann bereit sind die Klinke dieser inneren Herztür niederzudrücken, dann sind sie erstaunt, wie leicht sich diese Tür aufspärren lässt.
Glück
Mit einer einfachen, öffnenden Bewegung. Jetzt strahlt ihnen warmes und helles Licht aus ihrer eigenen Mitte entgegen.

Und es ist nicht kompliziert. Es ist einfach. Das ist das komplizierte daran.

Sie gehen in das Licht und fühlen auf ihrer Innenhaut das warme Leuchten dieses Augenblicks. Und wenn sie so im Licht stehen und das Licht unter ihrer Haut und auf ihrer Haut kribbelt & kitzelt & schnurrt, dann ist es als streichelten sie eine kleine Katze in sich drinnen..."Ich bin da" schnurrt die Katze.

Und ihnen bleibt keine Wahl als zu lächeln. Und sie lächeln ein seliges, sonniges Lächeln.

Und dieses sonnige Lächeln erfasst sie und das Lächeln bringt Tränen mit und es sind glitzernde Tränen und sie waschen das schmutzige Unglück von ihrer Innenhaut und ihrer Aussenhaut. Einfach so. Als wäre nie etwas gewesen.

Wie neu geboren. Willkommen, Mensch, im Glück.
Glück
Glück
Und noch einen kleinen Buchtipp: Eckhart Tolle: MILTONS GEHEIMNIS.

Montag, 16. November 2009

Wenn das WIR erwacht

In den vergangenen Tagen, als Deutschland gemeinsam um den Tod von Robert Enke trauerte, habe ich intensiv dieses berührende Phänomen in mir leben lassen. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, gab es eine dermaßen große Trauerfeier. Ich erlaube mir (auch als Fußball-, und Enke-Fan) die Frage: Lag das alleine an Robert Enke? Anders gefragt: Als wir uns im FußballSommer 2006 Freudetrunken in den Armen lagen, war da Fußball die alleinige Ursache?

Und in diesem Zusammenhang: Warum sprechen wir von der neuen Volkskrankheit Depression? Rund 10 Prozent aller Männer und rund 20 Prozent aller Frauen in Deutschland leiden nach Experten-Meinungen unter Depressionen. Warum fühlen wir uns kollektiv depressiv, also im wörtlichen Sinne niedergedrückt und alleine?

Bei aller Unterschiedlichkeit ist doch eines allen diesen Phänomene gleich: Es sind kollektive Erscheinungen. Und anders als in früheren Zeiten, erscheint mir dieses Kollektiv transparenter, harmonischer und gesünder. Ein Kollektiv mit menschlichem Antlitz. Der Beginn eines neuen WIR?

Der Tod von prominenten Menschen, der Sieg einer Nationalmannschaft oder die Ernennung eines Präsidenten – das alles sind Geburtshelfer dieses neuen WIR. Noch brauchen wir den Anlass eines äusseren Ereignisses, um unsere Ich-Perspektive zugunsten einer höheren Wir-Perspektive zu transzendieren.

Durch die Augen dieses WIR, schauen wir anders auf Freude und Trauer. Es ist die Paulus-Perspektive: „So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so ein Glied leuchtet, so leuchten alle Glieder mit.“

Unsere bisherige Konditionierung lautet: „Ich bin Teil eines Wir“. Das beginnt sich gerade zu ändern. Was gerade beginnt, dass ist die „Entwicklung von einer Ich-Ich-Gesellschaft zu einer Wir-Gesellschaft.“ (Thomas Hübl).

Diese Wir-Gesellschaft schließt immer mehr Menschen ein. Wir fühlen neu, was in alten Zeiten die Paulus-Perspektive war: „Es gibt die verschiedensten Arten des Dienens, aber sie gelten alle einem und demselben Herrn. Und es gibt die verschiedensten Kräfte, aber es ist dieselbe Gottheit, die in allen diesen Kräften die eine umfassende Kraft ist.“

Immer mehr Menschen haben das Empfinden, dass sie nichts verlieren, wenn sie in Gemeinschaft aufgehen. Sie fühlen sich noch mehr dafür verantwortlich ihr Bestes zu geben – weil sie ahnen, dass sie im buchstäblichen Sinne „ein Leib und viele Glieder“ sind.

Sie blühen erst wirklich in ihrer charakteristischen Menschlichkeit auf, wenn sie sich als Organe eines einzigen und unteilbaren WIR verwirklichen können. Und „dieses Aufgehen in der Gesamtheit (ist) eine Stählung, eine Kräftigung unserer Organe. Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken.“ (Rudolf Steiner, 23.11.1905, Berlin).

Der Nebel beginnt sich zu lichten und im WIR erlebt man, dass dieses WIR im letzten Sinne eben keine Ansammlung von getrennten Ich-Einzelwesen ist. Im WIR gibt es ein Erwachen zum EINEN und EINZIGEN Menschen. Zu der einen INDIVIDUALITÄT.

lichT
Individualität bedeutet „Ungeteiltheit“. Jeder Mensch ist ein Aspekt dieses einen MENSCHEN. Das was wir als individuell in uns fühlen, ist gerade nicht das, was getrennt ist, nicht das, was uns unterscheidet. Das Individuelle an uns, das ist das, was uns mit ALLEM vereint.

Jeder Mensch ist, im tiefsten Sinne, diese eine und einzige Individualität. In einer bestimmten Konditionierung kann man das „den Christus“ nennen. Darum spreche ich davon, dass die Summe aller Iche EINS ist. Wir sind ein einziges Wesen.
Sonne
Unsere Individualität umfasst alle Menschen, Tiere, Pflanzen, die Erde, alle Sterne, den Kosmos. Das All. Alles geboren werden, alles Sterben, alles ereignet sich in diesem Kosmos des Ich.
WIR
Das fühlen WIR.

Es ist nur natürlich, dass sich am Beginn dieses gemeinsamen Erwachens zum EINEN Menschen viele einzelne Menschen niedergedrückt fühlen.
WIR
Denn wir beginnen zu ahnen, dass wir tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes die gesamte Verantwortung für die Evolution tragen und wir ahnen auch: Diese Verantwortung ist nicht aufgeteilt auf verschiedene Schulter es ist die Schulter des einen Menschenkindes.
WIR
Wir fühlen das Christophorus-Gefühl: "Als hätte ich die Last der Welt zu tragen".
WIR
Wir sind von der Last niedergedrückt, wir sind deppressiv weil wir uns der tatsache bewusst werden, dass wir tatsächlich alleine sind.
WIR

Wir ahnen: Ich kann mich nicht vor der Last drücken. Wo ich mich auf verstecke – die Verantwortung ist einfach da, weil es niemanden gibt ausser mir.
wir

Ich – die Individualität. Das fühlen wir im neuen WIR. WIR sind EINS. Darin steckt so viel Hoffnung, dass sie Angst macht.
WIR
„Ich kann einfach nicht mehr schlafen, Herr Dr. Steiner. Jede Nacht wälze ich mich im Bett umher, nicke ein und wach schweissgebadet wieder auf und habe das panische Gefühl, dass die gesamte Verantwortung der Weltgeschichte alleine auf meinen Schultern liegt – ich fühle mich von dieser alleinigen Verantwortung völlig niedergedrückt. Haben Sie nicht einen hilfreichen Ratschlag, Herr Dr. Steiner?“
WIR

Rudolf Steiner, so will es diese Anekdote, schaute den Bekannten kurz an und sagte dann freundlich aber nachdrücklich: „Lernen sie damit zu leben, denn genau so ist es – sie alleine tragen die Last.“
WIR
Aus der selben Perspektive fragt der Lehrer für evolutionäre Spiritualität Andrew Cohen: „Was würdest du tun, wenn dir klar würde, dass alles von dir abhängt? Was würdest du tun, wenn du plötzlich begriffst, dass die Evolution der gesamten Menschheit allein auf deinen Schultern ruht? Was würdest du tun?“

Geistiges Erwachen kann einhergehen mit einem monströsen Gefühl der Einsamkeit.

Wen trifft diese traurige Einsamkeit besonders, wer lebt in dieser „dunklen Nacht der Seele“? Warum sind gerade sensible, wache, mitfühlende und starke Menschen depressiv? Warum ist erwachen oft mit dieser Qual verbunden?
WIR

„Die dunkle Nacht ist die Zeit, nachdem man das universale Sein geschmeckt hat, aber noch nicht in ihm Zuhause ist, denn man hat das Paradies gesehen...und man hat es verblassen sehen,“ so Ken Wilber.
WIR
Und weiter: „Aller Trost ist dahin, der Totenschädel wird irgendwann doch beim Festschmaus hereingrinsen, das Trivial hat seine sedierende Wirkung verloren.“
WIR
Diese Menschen ahnen, dass sie nach dem Erwachen ein heroisches und integres Leben verwirklichen müssen. In Anlehnung an eine alte Symbolsprache nennt man im anthroposophischen Kontext dieses heroische Zeitalter, das „Michaelische Zeitalter“.

Was ist das Heroische, das Michaelische? Wir erleben jenseits dieses Erwachens eine neue Freiheit – eine Freiheit ohne Option.

„Pflichten und Verantwortung“ erscheinen uns als etwas „das der Mensch auf einer Stufe des Lebens übernehmen muss“, wie Steiner sein Kapitel über den „Hüter der Schwelle“ schließt.

Dort stecken viele von uns fest – wie in einem Türrahmen. Dort gibt es kein Zurück mehr – aber noch gibt es für viele auch kein stürmisches, unzweideutiges und konstantes Vorwärts.

„Ist Robert Enke auch im Türrahmen stecken geblieben? Ich glaube er steckte zu lange drin, dass er einen Richtung wählen musste.. er wählte wahrscheinlicht den Raum der größer war.“ (Janet Netzer)
LICHT
Ich glaube, wir ehren in Robert Enke etwas, was viele in ihrer Seele spüren. Manche Menschen sagen vorwurfsvoll, Enke sei unverantwortlich gewesen, denn er habe Frau und Kind alleine gelassen und dem Zugfahrer einen unheilbaren Schmerz zugefügt.

Wie unverantwortlich handeln wir, wenn wir es uns erlauben im Türrahmen stecken zu bleiben? Wen traumatisieren wir, wenn wir uns weigern, alles dafür zu tun wirklich zu erwachen?
wir

Es liegt so viel Potential in diesem WIR. So viel Freude und ekstatisches Glück. Welche Namen tragen die Menschen, die das alles starten dürfen? Welchen Namen tragen die Menschen, die den Segen haben, dieses Projekt ins Leben zu rufen? Sie tragen Deinen Namen, meinen und unsere Namen. WIR sind ES. Es gibt keine anderen.
WIR
Wenn in vielen Jahren die erwachte Menschheit zurückblickt, dann wird sie vielleicht sagen:

„Schaut: So verwirrend, so zart und doch so machtvoll, hat das neue WIR damals begonnen. Schaut: Damals standen die Menschen in der dunklen Nacht der Seele und heute trinken wir das Licht der Sonne, welches aus unserem eigenen Herzen fließt.
WIR
Lasst uns niederknien und den Helden von damals gedenken. Es waren Seelen an der Schwelle. Sie feierten, sie starben, versagten und siegten...in der Morgenröte einer neuen Zeit. Damals begann die Mission Mensch“

Damals ist heute. Was bedeutet das für uns?

ICH BIN in Weltenweiten -
und weit ist mein eigenes Sein.
ICH BIN von der ganzen Welt frei –
weil ich die ganze Welt bin.

Sonntag, 15. November 2009

Volkstrauertag

Auf dem Bild kannst Du eine Erkennunsmarke der Bundeswehr sehen, auf der die Dienstnummer, Blutgruppe und persönliche Angaben des Soldaten eingeprägt sind. Soldaten nennen sie "Hundemarke". Beim Tod eines Soldaten, wird der untere Teil abgetrennt und einer der Kameraden nimmt diesen Teil an sich. Der obere Teil der Marke verbleibt am Hals des gestorbenen Soldaten.
trauer
Zum heutigen Volkstrauertag veröffentliche ich den Ausschnitt eines Textes von Rudolf Steiner. Geschrieben für eine Mutter, deren Sohn im Krieg gefallenen war.
TRauer
Dein Geist wachet über das Meine,
Denn es ist auch das Deine:
So will ich wachen mit Dir,
Durch dich, in dir,
Was du beschlossen mit dem Deinen.
Ich will stark sein, zu erkennen,
Dass es Weisheit sei.

trauer
In einem weiteren kleinen Text, kannst Du Dich meditativ in einen Toten hineinversetzen. Rudolf Steiner schrieb diesen kleinen Text und nannte ihn "Der Tote spricht".
trauer
Wenn Du magst, kannst Du den Text stehend sprechen. Fühle dabei, wie Dein ganzer Körper angenehm warm und leicht ist. Spüre, das dasjenige was Du in Dir fühlst das LEBEN ist. In jeder Stelle Deines Körpers. Und nimm an, das dieses LEBEN kein Gegenteil hat. Nur verschiedene Formen. Manche Formen kannst Du jetzt sehen, manche fühlen und andere sind Dir noch verborgen.
Trauer
Wenn Du mit der Stimme des Totes sprichst, dann stell Dir vor, dass Du jetzt JENSEITS der Formen bist. Dort, wo das LEBEN ohne Form ist. Auch Du bist dort keine Form mehr, sondern reines LEBEN.
Trauer
Irgendwann stirbt etwas von dem formlosen LEBEN in eine einzigartige Form hinein...wir nennen das Geburt.
trauer
Und wenn auf der Erde etwas stirbt, dann wird es wieder in das eine LEBEN hineingeboren.
trauer
In früheren Zeiten sagte man es so - nutze ruhig dieses Bild für Deine kleine Meditation:
trauer
"Wenn ein Mensch stirbt, wird er Engel.
Wenn ein Engel stirbt, wird er Mensch."
trauer
DER TOTE SPRICHT:
trauer
Im Leuchtenden,
Da fühle ich
Die Lebenskraft.
Der Tod hat mich
Vom Schlaf erweckt,
Vom Geistesschlaf.

Ich werde sein,
Und aus mir tun,
Was Leuchtekraft
In mir erstrahlt.
Liebe
Wenn Du um einen Toten weinst, dann fühle die Trauer in ihrer ganzen Tiefe. Verschiebe nicht die Trauer. Gib ihr Luft. Nimm sie an. Lass sie leben, die Trauer.
Lass zu, dass das Skalpell der Trauer, aus Dir eine tiefe Weisheit herausschält.
Was ist der Grund für diese Trauer? Und: Wo ist der Tod?
trauer
Wie tief reicht Deine Antwort?
Tod
Zu dem oberen Satz mit der Geburt und dem Tod und den Engeln, gibt es auch einen schönen Sinnspruch des großen Romantikers NOVALIS, der dieses klassische Bild aufgreift:
LEBEN
"Sollte es nicht auch drüben einen Tod geben,
dessen Resultat irdische Geburt wäre?
Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch,
Wenn der Mensch stirbt wird er Geist."

Freitag, 13. November 2009

Licht & Wärme



Das Herz aller Religionen und spirituellen Bewegungen ist das Ein und das Selbe. In diesem Sinne, gebe ich als spiritueller Aktivist in der Tradition Rudolf Steiners nicht die Asche weiter, sondern das Feuer. Das Feuer, was in jeder wahren spirituelle Bewegung oder Religion brennt.

„Es ist das Brennen selbst und nichts weiter als das Brennen. Und das, auf dem die Flamme ruht, das wird vom Feuer zerstört.“ (Christian Grauer) Jeder Versuch, die Flamme festzuhalten, sie in die Tasche zu stecken und nach Hause zu tragen muss scheitern.

Nein, in die eigene Hosentasche kann man die Flamme nicht stecken, aber man kann sie in die persönliche Lampe stellen. Man kann sie in ein Glas stellen und man kann, das Glas schmücken oder mit Transparentpapier einfärben. Das persönliche Glas ist nicht die überpersönliche Flamme.

Je nach Anlass, Jahreszeit oder Ort der beleuchtet werden soll, wählt man ein anderes Transparentpapier.
licht
Jede Zeit, jeder Ort, jeder Mensch, verlangt nach einer anderen Färbung, nach einer anderen Lichtstärke, nach einer anderen Ausleuchtung, nach einer anderen Antwort – manche Zeiten verlangen sogar nach einem Feuer ohne Feuerglas.
Flamme
Manchmal muss die Flamme einfach wüten und verbrennen. Doch es ist immer diese eine Flamme.
steinerlicht
Ein spiritueller Aktivist in der Tradition Rudolf Steiners zu sein, das bedeutet nichts anderes, als aus dieser schlichten Wahrheit heraus zu leben. So lebte auch Steiner. So lebte er Anthroposophie - die Weisheit die aus dem wahren Menschen kommt.

Anthroposophie gibt Ein und die Selbe Flamme wieder – und Anthroposophen sind Menschen, welche alles dafür tun, diese Flamme in einer angemessenen Weise leuchten zu lassen. Gemessen an Zeit und Ort und an konkreten Menschen.


Was gestern angemessen war, kann heute unangemessen sein. Früher hat man zum Beispiel traditionelle geistige Wesenheiten und religiöse Figuren auf die Lampengläser geklebt um damit Schatten zu werfen, die die Menschen kennen und darum besser verstehen.

Manchmal ist das – zum Beispiel im Umgang mit Kindern – auch heute noch wichtig.

Oft funktionieren diese alten Bilder nicht mehr. Andere Bilder, andere Ausleuchtungen, andere Einfärbungen bringen heute mehr Verständnis, mehr Nähe zu dem, was hinter allen Bildern leuchtet und brennt.

Als spiritueller Aktivist in der Tradition Rudolf Steiners, weiss ich, dass auch meine Worte jetzt gelten und gleich nicht mehr. Darum versuche ich oft radikale Bilder und Konturen zu wählen, weil sich das Licht dahinter besonders deutlich und konturiert abzeichnen. Man sieht förmlich den schwarzen Schattenriss und wird dadurch schneller auf das Licht dahinter verwiesen.
Licht
Jedes Wort ist immer nur ein Hinweis auf das Unsagbare. Jeder Begriff ist Gleichnis.

Schau nicht auf die Wörter, blicke daran vorbei, durch sie hindurch. Wörter und Begriffe, das sind nur Schattenrisse oder Transparentpapier. Versuch auch nicht die Wörter und Begriffe von aussen zu beleuchten. Erlebe einfach die Flamme dahinter. Diese Flamme ist Ein und die Selbe Flamme, welche durch die schönen Schablonen Deiner eigenen Augen leuchtet.

Ich mag diese unterschiedlichen Augen, Schablonen und farbigen Fenster – sie machen das Leben bunt.

Aber die Vielfarbigkeit und Multiperspektiven, sie sind alle nur dazu da, uns zu erfreuen & zu beglücken & uns neue Perspektiven zu eröffnen & uns farbig zu beleuchten.
licht
Wir kennen die bunten Fenster in den Kirchen. Durch alle scheint die selbe Sonne - doch welche wundervolle Farbigkeit im inneren einer Kirche. Ein Kirche ist im besten Sinne ein Kino für Gott.

Wenn wir die Augen schließen (oder weit öffnen), wenn wir uns der Flamme in uns und in allem nähern, wenn wir wirklich ein paar Schritte auf die Flamme zugehen, dann können wir auch mit geschlossenen Augen die Wahrheit erleben: Sie ist hell und sie wärmt.


Du musst näher kommen. Keine Angst vor der Flamme. Nur Mut. Das was verbrennen könnte, das was Angst hat, das bist nicht Du. Nur Ego. Ego ist Brennmaterial.

Du bist Flamme.

Wenn Du eine angemessene Flamme sein willst, dann lässt Du Dich hin und wieder hinter Glas stellen und leuchtest das buntem Papier aus und die lustigen Figuren an. Und manchmal brennst Du das nieder, was die Flamme einpacken, verdunkeln oder ersticken will.

Aber wenn Du die Augen schließt und einfach nur fühlst was ist, dann erlebst Du die Wahrheit nach der sich alle sehen: Wir sind eine Flamme. Ein Licht und eine Wärme.
LIcht
Wenn alle Gläser, Bilder, Schablonen, Perspektiven, Transparente und alle Schatten verschwunden sind, dann bleibt was immer ist: Licht und Wärme.

Wenn Du Licht und Wärme gemeinsam in Dir wahr nimmst, dann erscheint in Dir vielleicht ein Wort, welches für die Einheit von Licht und Wärme steht. Es ist nur ein Wort. Es verweist auf das, was Du in diesem Augenblick einfach so erleben kannst. Liebe ist das Wort was Du jetzt liest.

Das was Du fühlst ist einfach das was Du fühlst. Jetzt.

Mittwoch, 11. November 2009

Der Dirigent

Als ich gestern mit unseren Kindern, wie in jedem Jahr, zum Sankt Martinszug ging, kamen wir an einer der üblichen Blaskapellen vorbei. Seit meiner Kindheit liebe ich diese etwas brachiale und dennoch zu Herzen gehende Brass-Musik. Die Kapelle schmetterte Martinslieder und wurde dazu von einem gleichermaßen enthusiastisch, wie disziplinierten Dirigenten angetrieben.

Ich stand hinter dem Dirigenten – noch nie hatte ich einen Kapellmeister gesehen, der so genau die nahezu militärisch korrekte Note dieser Musik, mit der ihr innewohnende harmonischen Beweglichkeit verkörperte.

Ich war fasziniert, wie dieser untersetzte Mann seine Arme mit großem Schwung weit über den Kopf schwang ohne einen Moment die klare Linie der Musik zu verlassen. Ich blieb stehen und staunte darüber, wie jemand diese einfache Musik so sinnlich-übersinnlich manifestieren konnte.

Mit einem schwungvollen Dreh, führte er das kleine Orchester ins Finale, setzte einen knackigen Schlusspunkt, verneigte sich knapp und schlenderte anschließend mit charmanter Lässigkeit ein paar Schritte zur Seite.

Down-Syndrom, Trisomie 21, behindert. Das sind die Begriffe mit denen man in aller Regel Menschen etikettiert, die so sind wie dieser Dirigent. Als er sich umgedreht hatte, sah ich mit Erstaunen, dass dieser junge Mann ein Mensch war, den man mit diesen Wörtern zu charakterisieren versucht.

Ich kannte ihn von Karnevalsumzügen und anderen Festen – er war mitnichten der offizielle Dirigent dieser Brass-Gruppe. Er hatte sich, wie er es immer tut, vor „sein Kapelle“ gestellt und „spielte“ nun Dirigent. Ganz im Einvernehmen mit den Musikern.

In diesem Moment wusste ich wieder, wie richtig es ist, dass Anthroposophen nicht von „geistig behinderten“ Menschen sprechen. Vor mir stand der Beweis für den Satz, den wir immer wieder im anthroposophischen Kontext sagen: „Der Geist ist niemals behindert“.
geist
Geist ist nie dies oder jenes, Geist lässt sich nicht definitorisch einengen, Geist ist, um ein Bild aus dem Hinduismus zu nehmen, „neti neti – weder das noch das“. Begriffe können „es“ nicht festnageln, aber unser Herz kann „sie“ fühlen, unsere Seele kann „ihn“ erleben.

Es ist auch und nicht zuletzt, dem unermüdlichen Engagement von Anthroposophen zu verdanken, dass wir heute in eine Gesellschaft hineinwachsen, in der solche „Dirigenten“ ein inklusiver Teil unseres gemeinsamen „Orchesters“ sind.

Der „Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir alle wachsen können, wenn wir demütig erkennen, dass jede Seelen pflegebedürftig ist.

Wir können alle wachsen – aber GEIST wächst nicht und ist nicht bedürftig oder behindert. GEIST ist weder das noch das.
geist
Aber manchmal dirigiert er irgendwo in einer kleinen Stadt, eine kleine Blaskapelle. Neben dem Sankt Martinsfeuer.

Infos zum „Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit“

Dienstag, 10. November 2009

Am Ende kommen Touristen

...und weil ich in diesen Tagen auch den Novemberprogromen gedenke, empfehle ich Euch dazu einen Film. Ich habe diese DVD vor einiger Zeit für die Zeitschrift info3 besprochen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Film wirklich gut ist, aber seit über einem Monat springt er mir fast täglich in den Kopf und ich frage mich eben dies: Ist dieser Film gut oder daneben – was sagt er mir?
Ein Film, der einem nicht aus dem Kopf geht, ist ein Ereignis, welches ich mit Ihnen teilen will.

Vielleicht haben Sie eine Antwort. Der Inhalt: Der 19-jährige sympathische, aber auch nicht sonderlich liebenswerte Wehrdienstverweigerer Sven (Alexander Fehling) wollte eigentlich seinen Zivildienst in Amsterdam ableisten, findet aber nur im polnischen Städtchen Oswiecim eine Stelle.

Unter dem Namen Auschwitz wurde es als größtes deutsches Vernichtungslager zum Symbol für den Holocaust.

Neben seiner Arbeit an der Jugendbegegnungsstätte soll sich Sven um den KZ-Überlebenden Krzeminski (Ryszard Ronczewski) kümmern – eine intime, dann wieder flache und persönlich-historische Beziehung entsteht, zerreist, entsteht neu.

Der Film hinterlässt Fragen bei mir, aber keine Zweifel habe ich über die ausserordentliche darstellerische Leistung von Ronczewski und Fehling – wenn das Wort Authentizität einen Sinn macht, dann hier.

Auschwitz ist in dem Film des Regisseurs Robert Thalheim zwar der Ort des Verbrechens, den er aus völlig neuen und jungen Perspektiven zeigt. Es ist aber auch die polnische Stadt Oswiecim. Ein Dorf mit den normalen Sorgen des Postsozialismus, mit schönen Sommertagen, lauten Rockkonzerten und Liebesgeschichten.
Aber immer vibriert dieser andere Name durch die Liebe, den Sommer und in allen Beziehungen. Der Film ist in jedem Fall ein bemerkenswerter Baustein für eine neue Kultur der Erinnerung, die sich von einer berechtigten Schuldfrage zu einer tiefen Lebensweisheit transformiert.

Am Ende kommen Touristen setzt kein Schlusspunkt, verzichtet auf äusserliche Dramatik und erhobene Zeigefinger – irgendwie ist er auch ein Film über Europa und er geht mir nicht aus dem Kopf.

Kraftwerk Freiheit

„Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.“ Es passt, dass Friedrich Schillers 250. Geburtstag und der 20. Geburtstag des vereinten Deutschlands nahezu in einen Moment fallen. Den 9. und der 10. November feiere ich in diesem Sinne. Im Sinne der Freiheit. „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd' er in Ketten geboren.“

Gerechtigkeit? Klar, wollen alle! Gleichheit und Solidarität? Natürlich, ohne geht gar nichts! Aber Freiheit? Der heroische, stolze Ruf Schillers – wer kann ihn noch fühlen? „Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit!“

Tod oder Freiheit? Das klingt nach Taliban. Zwar nicht inhaltlich, doch der energetischen Habitus „Tod oder...?“ passt scheinbar nicht mehr in unsere Zeit. Wir leben in einer friedfertigen Gesellschaft und das gefällt uns allen. Mir auch.

Aber dieser Pazifismus hat seinen Preis: Es gibt keine Idee mehr, für die zu sterben sich lohnt.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, als nur politisch Rechte das Wort „Deutschland“ benutzen – die anderen Deutschen sagten „Bundesrepublik“. Es ist gut, dass sich die Deutschen wieder dieses Wort zurückerobert haben – einhergehend mit einem gesunden Patriotismus. (Wer ganz politisch korrekt sein möchte nennt es den „fröhlichen Patriotismus“). Deutschland könnte jetzt ein spirituelles Kraftwerk werden.

So wie damals die politisch Rechten manche Wörter und Gefühle missbrauchten und vereinnahmten, so geschieht das heute vornehmlich durch den Islamismus. Stolz, Ehre, Opfer, Zorn...das sind besetzte, missbrauchte Wörter. Besetzt und missbraucht von kranken Aspekten des Maskulinen.

Das dumme ist, dass sich das gesunden Maskuline davon anstecken lässt.
Im spirituellen Kontext werden diese harten und maskulinen Wörter allesamt mit einem einzigen Begriff gleichgesetzt: EGO. Stolz, Ehre, Zorn, das sind böse, böse Ego-Wörter.

Diese harten Wörter sollen nun durch weiche und egofreie Wörter transformiert werden: Mitgefühl, Gemeinsamkeit, Zärtlichkeit, Herzdenken und natürlich Liebe.

Oh was für eine Heuchelei! Was für eine Ego-Falle! Als wären diese Werte und Wörter davor gefeit vom Ego vereinnahmt zu werden.
freiheit
Das Ego im Wassermannzeitalter ist ein schmeichelndes Ego. Es fühlt sich so weich und warm und kuschelig an, ein einfühlsamer Mensch zu sein, oder?

Nichts gegen diese Werte und Wörter – im Gegenteil. Aber der Gordische Knoten der geistigen Gefangenschaft, kann nicht immer sanft gelöst werden – von Zeit zu Zeit braucht es das kalte Schwert um Freiheit zu gewinnen.

Schiller: „Sagt, wo soll das enden? Wer den Knäul entwirren, der sich endlos selbst vermehrend wächst? – Er muss zerhauen werden.“

Wer spricht von Freiheit? Wer von Zorn, von Ehre, gar von Stolz?

Stolz, abgeleitet von prächtig und stattlich, sei das Gefühl „einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten Ganzen,“ so die treffende Wiki-Definition.

Ist das weniger spirituell als einfühlsam zu sein? Kennen wir nur noch die kranke Version von Stolz?
freiheit
Der gesunde Stolz ist das Gefühl, welches aus freier Autonomie erwächst. Mitgefühl wächst aus liebender Kommunion. Beides zusammen ist das GANZE.

Wer fühlt denn noch Zorn in seinem Herz?
freiheit
Rudolf Steiner sprach von der „Mission des Zorns“: „Der Zorn hat die Mission, des Menschen ICH herauszuheben in die höheren Gebiete. Das ist seine Mission. Er ist ein Lehrer in uns selber.“

Ist das weniger spirituell als Mitgefühl?
frei
Das, was Peter Sloterijk die freie thymotische Dimension nennt, das fehlt uns. Der Zorn ist eine freie, eine heilge Triebkraft der Geistesgeschichte.

Ist nur Heilung wahr? Liegt nicht auch im Verletzen eine spirituelle Mission? Ist das Symbol des Erzengel Michael nur ein Bild für einen Drachenversteher, oder auch ein Zeichen für einen Drachenkämpfer?

Ist der Riss im Ego nur durch gutes Zureden zu erzeugen?


Das Ego ist ein geschlossener Kreis. In der Mitte will eine Kraftwerk der Freiheit ausbrechen. Wer das Ego kleiner macht, macht das Kraftwerk kleiner. Das Ego darf nicht kleiner werden – es muss aufgerissen werden, durchstoßen.

Dann kann das lebendige Nichts der Freiheit strahlen.

Die spirituelle und die anthroposophische Szene, ist in weiten Teilen eine spirituell korrekte Szene. Wir unterscheiden uns darin nicht von unserer
massendemokratischen Gesellschaft, die der Soziologe Bolz so beschreibt:

„Massendemokratische Gesellschaften werden durch die Furcht vor der Meinung der anderen zusammengehalten.
freiheit
Je weniger sich die Meinungen der Einzelnen in der massendemokratischen Öffentlichkeit zur Geltung bringen können, desto stärker wird der Druck der öffentlichen Meinung auf den Einzelnen und sein Meinen.
freiheit
Und da es auf Dauer zu anstrengend ist, anders zu denken als man redet, denken die meisten auch schon politisch korrekt. Heute dürfen die meisten Menschen sagen und schreiben, was sie wollen, weil sie ohnehin alle das Gleiche denken.
freiheit
Luther predigte spirituelle Freiheit in politischer Knechtschaft; wir haben heute spirituelle Knechtschaft in politischer Freiheit.“

Wer das Thema Erleuchtung und Erwachen aus dem spirituellen Leben ausklammern will, der klammert die Freiheit aus.

Wer daran glaubt, dass diese Freiheit ohne Verletzung, ohne Opfer und ohne Tod zu erringen ist – der glaubt ein liebvolles, zärtliches und emphatisches....Ego.

Das Thema Erleuchtung und Erwachen in den Mittelpunkt der geistigen Diskussion zu stellen ist ein Akt spiritueller Reformation.

Diese spirituelle Reformation des geistigen Erwachens, fordert jedes geistige Opfer.
freiheit
Am Ende bleibt kein geistiges Wesen übrig, keine spirituelle Strömung und keine Anthroposophie und keine Person, kein Ich-Gefühl. Nichts bleibt in dieser „übergeistigen Welt“, nichts als die absolute Freiheit dessen, was Steiner dort das „wahre Ich“ nennt. (GA 17)
freiheit
Erwachen & Erleuchtung soll die letzte Mythologie sein. Sie reisst als Anti-Mythologie alle anderen Mythologien mit den Abgrund und einfaches, kraftvolles & glückliches So-Sein erscheint.

Erwachen & Erleuchtung ist das Kraftwerk der Spiritualität. Ohne diese Wörter und alle Aspekte die damit zu tun haben, ohne die Würdigung dieser alles befreienden Erfahrung, wird Spiritualität herzlos. Ehrlos. Sinnlos. Geist ohne Eier.

Manchmal reicht es, jemanden freundlich die Hand zu reichen und er tritt aus dem Ego in die Freiheit. Und manchmal muss man die Hand zur Faust ballen, um einen Riss in das Ego zu schlagen. „Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit!“

Erwachen & Erleuchtung schaffen vor allem eines: FREIE SICHT! Die Freiheit davon, jemand sein zu müssen der schaut. Das ist die freie Perspektive: A-Perspektive!
Geist
Wir brauchen eine spirituelle Piratenpartei. Ein paar Rebellen, die vor allem eines auf ihren Fahnen stehen haben: FREIHEIT statt Angst!

Wenn ich sage, dass Du nichts tun musst um Freiheit zu verwirklichen, wenn ich sage, dass Freiheit anstrengungslos in Deiner Mitte leuchtet, und Dein persönliches Ich eine flüchtige Erscheinung von Freiheit ist, wenn ich sage, dass alles bereits vollkommen ist und nie etwas anderes war als Freiheit, wenn ich sage, dass Freiheit einfach so sichtbar wird, wenn Du vollkommen aufhörst Dich zu bewegen, wenn ich sage, dass Du in jedem Augenblick frei bist und Du absolut nichts zu tun hast, wenn ich sage, dass Freiheit Dich küsst, wo Du Dich aufgibst, wenn ich das alles so sage, dann war das nie eine Liebeserklärung an das Ego. Es war eine Kriegserklärung.

Jean-Claude Lin, mein Verleger vom Verlag FREIES Geistesleben, eröffnet das neue Buch „Kraftwerk Schiller“, mit diesem Schillerzitat:

„Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert
“.

(Foto: Che Wilber, by Dennis Wittrock)

Freitag, 6. November 2009

Deine Aufgabe


Warnung! Dies ist ein gerader und rücksichtsloser Text über Erwachen/Erleuchtung. Es geht um nichts anderes. Er ist frei von moralischen oder politisch korrekten Überformungen. Frei von romantischen oder religiösen Vorstellungen und frei von anthroposophischen oder sonstigen geistigen Weltanschauungen. Auch frei von evolutionären Ansprüchen. Wenn Du lieber an Engelslilien schnuppern willst, solltest Du diesen Text über Erwachen/Erleuchtung nicht lesen. Du bist gewarnt. Beschwer Dich nicht. Nicht beschweren ist ein Weg zum Erwachen.
Jed McKenna bringt es auf den Punkt:

„Es geht um Erwachen, nicht darum , seinen Dr. phil in Erwachologie zu machen. Kurz gesagt: Das Erwachen steht an allererster Stelle. Wenn man dann immer noch Ambitionen hat, die Welt zu erlösen, für den Frieden einzutreten, oder die Wale zu retten – super! Schön für die Welt, schön für den Frieden, schön für die Wale. Aber unterm Strich geht es nur um das eine: Entweder du bist erwacht – oder du bist es nicht.“

So, wenn Du zu denen gehören willst, die wie Laie P´ang für alle Ewigkeit und ohne einen winzigen Hauch von Einschränkung oder Zurückhaltung sagen: „Ich bin ein ganz normaler Typ, der mit seiner Arbeit fertig ist“, dann hat Aristoteles hier eine Botschaft für Dich:

„Das Nützlichste, was man fürs Leben lernen kann: Alles zu verlernen, was nicht wahr ist.“
Wenn es Dir um das Erwachen geht, dann mach’s wie Meister Jesus: Verlass alle und alles – sie werden Dir hinterher rufen, dass Du ein Verräter bist und umkehren sollst. Bla-bla-bla...

Dabei hast Du zum ersten mal getan, was alle immer von Dir verlangt haben. Du hast Deine Aufgabe erfüllt.

AUFGABE. Erfüllt.

Deine Aufgabe ist AUFGABE. Befrei Dich von allen Programmierungen.

Gib alles auf, was nicht wahr ist. Schau immer wieder auf den Schrotthaufen der Unwahrheiten. Solange dort nicht jemand liegt, der Du bist, solange hast Du noch eine Aufgabe.

Solange Du dabei bist diese Aufgabe zu erledigen, empfehle ich Dir, die Welt zu retten, für den Frieden einzutreten und die Wale zu schützen – aber verwechsele das bitte nicht mit Erwachen/Erleuchtung.

Wenn Deine AUFGABE erledigt ist, kannst Du einfach weiter Welt-Friede-Wale retten. Es ist dann einer weniger da, der gerettet werden muss, denn Du bist schon mal weg. Raus aus dem falschen Spiel. 
Eine andere Aufgabe hattest Du nie. Und bei dieser Aufgabe kannst Du auch nicht scheitern. Es ist völlig lächerlich und narzisstisch das zu denken. Es liegt nicht in Deiner Macht an dieser Aufgabe zu scheitern.

Früher oder später wirst Du erwachen. Sterben ist erwachen.

Und dann wirst Du Dich zuerst ziemlich albern finden. Vielleicht wird es die Hölle sein. Egal. Du wirst sehen, dass sich niemals etwas bewegt hat.

Ausser ein fieberndes Kind in einem kleinen Bettchen.


Krankenstation der fiebernden Geister
Ein Bettchen neben dem anderen,
ein Kind neben dem anderen.
Die einen still, die anderen sich prügelnd.
Nach ihrer Mami rufend.
Nach Gott.

Eins richtet sich auf, öffnet die Augen, fragt.
Ich trete zu ihm, setze mich, antworte.
Es nickt, lässt sich wieder fallen, ist wieder weg.

Auch ich habe mal in einem solchen Bett gelegen – fiebernd verwirrt.
Jetzt sitze ich in einem Stuhl – ich glaube das ist besser.
Ein Zimmer voll mit Bekloppten.

Ich wende mich wieder meinem Kreuzworträtsel zu.
Bis sich das Nächste im Bettchen aufrichtet, fragt.

Jed McKenna

Donnerstag, 5. November 2009

Knie nieder, Mensch

Es gibt ein großes Dilemma auf dem modernen spirituellen Weg. Die meisten Menschen durchschauen heute ihre egozentrischen Reaktionen. Manche ansatzweise, andere bereits sehr klar. Und das Dilemma besteht darin, dass sie trotzdem nicht fähig sind sich zu ändern.

Wie kann man das ändern? Die schlechte Nachricht ist, dass wir ein Leben lang trainieren müssen um in unsere persönlich Bestform zu kommen. Die gute Nachricht ist, das wir heute über hervorragende Trainingsmethoden verfügen. Ich selber durfte durch das Trainingsprogramm der Anthroposophie gehen und nutze bis heute verschiedene Module und Techniken dieser Tradition – neben diversen anderen Techniken einer integralen Lebenspraxis.

Immer wenn ich diese „Anthropotechniken“ (Peter Sloterdijk) in Seminaren oder Vorträgen darstelle, kommen wir an einen Punkt, wo fast alle Teilnehmer sich eingestehen müssen, dass sie eigentlich alle wüssten was sie zu tun haben, aber eben den Arsch nicht hoch bekommen.

Und hier kommen wir zu dem Dilemma.

Denn die Postmoderne hat – neben ihren großen Errungenschaften – auch etwas fatales mitgebracht. Sie hat uns eingeredet, dass wir auf diesem Weg zwar Hilfe annehmen dürfen – sogar von einem spirituellen "Coach" – aber dann kommt schon das große postmoderne Credo, was viele hoffnungsvolle Ansätze zunichte macht und das ganze schreckliche Dilemma hervorbringt.

Wir bestehen nämlich darauf, auf gleicher Augenhöhe mit unserem "Coach" zu sein.
LICHT
Die Postmoderne hat uns zu aufrechten Menschen gemacht – und das ist gut so. Aber die Postmoderne hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sie hat uns der Fähigkeit beraubt, den Blick zu senken.
Wir müssen wieder mühsam lernen, die Potenz in dem Satz "Knie nieder, Mensch" zu erkennen.

Wir senken zwar noch den Blick – aber letztlich nur vor den Dingen, die unserm Ego nicht zu nahe kommen. Wer und was dem Ego zu nahe kommt, das wird (mit dem Verweis auf Autonomie) auf gleiche Augenhöhe gestutzt.

Irgendwann kommen wir in den Seminaren oder Gesprächen an den Punkt, der zum Wendepunkt werden kann.
Es ist die demutsvolle Selbsterkenntnis des stolzen Egos, dass es Instanzen über ihm gibt, die ihm etwas zu sagen haben. Von oben herab.

Von Gott als mahnende DU-Instanz haben sich viele spirituelle Sinnsucher bereits völlig entfernt. Wenn diese Instanz als ein konkreter Mensch erscheint, dann läuft das postmoderne Ego Amok.
licht
Es wendet seine gesamte Intelligenz auf, um zu beweisen, warum die Zeit der Lehrer, Meister und Gurus abgelaufen ist, oder warum man zumindest selber keinen braucht und warum wir alle gleichermaßen Lehrer sind...

Beobachte Dich selber. Schau einmal ehrlich auf diese intelligente Stimme in Dir. Wie spricht sie in diesem Moment, wenn Du diese Zeilen liest?

Hör einmal, wie diese Stimme es hasst, wenn jemand „von oben herab“ redet, anstatt auf gleicher Augenhöhe zu reden.

Ist es wirklich Deine wahre Würde die dort spricht?

Das natürliche und absolute Recht eines jeden Menschen auf die Respektierung seiner Würde und darauf, dass er sich von niemandem etwas sagen lassen muss, hat eine Pervertierung erfahren, die unsere wahre Würde gefährdet und uns in das erwähnte Dilemma führt.

In Wirklichkeit zählen wir Kinder des 21.Jahrhunderts alles zu unserer Würde, was mit Würde rein gar nichts zu tun hat.

Selbstverliebte Neurosen, egomanische Triebe oder einfach nur asoziale Tyrannei. Das ist nicht unsere Würde, das ist unter unserer Würde.

Wie befreiend können da Menschen wirken, die dieser Pervertierung Einhalt gebieten. Die uns helfen können eine Beziehung zu unserer wahren Würde zu bekommen. Dies geht im wahrsten Sinne des Wortes nur von oben herab.

Sicherlich: Das ist ein vermintes Gebiet - aber anstatt es zu meiden, könnten wir modernen Menschen die Minen räumen. Denn es ist auch heiliges Land - wenn wir es segnen.

Bei Kindern bilden wir als Eltern einen gesunden Egoismus zu einem Altruismus um, der sich niemals gegen die Persönlichkeit richtet, sondern die ganze Welt in die Persönlichkeit einbezieht - dann ist Altruismus ein transzendierter Egoismus.

Ich durfte als Kind die Gnade erfahren, was ich heute als Vater vermittele und was Rudolf Steiner so formuliert:
Steiner
„Wer in der richtigen Weise hat beten gelernt, bei dem wandelt sich das, was er innerlich an dem Verehren lernte, im Alter in segnende Kräfte, in die Kräfte, durch die er eine Wohltat für seine Umgebung sein kann. Und ich möchte sagen, um es möglichst bildlich-persönlich auszudrücken: Derjenige, der nie gelernt hat, die Hände zu falten als Kind, um zu beten, der kann auch niemals in seinem Leben die Kraft entwickeln, die Hände zum Segnen auszubreiten. (GA 218)

Um mir die grundsätzlichen hierarchischen Beschaffenheit des Kosmos immer im Bewusstsein zu bewahren, schlafe ich bis heute nie ein, ohne mich in die große Du-Meditation (die ohne Ich-Perspektive auskommt) des Christentums zu versenken.
Gott
Das Vater-Unser, gelehrt vom Ich-Bin (Christus), ist für mich eine erstklassiges Modul, um die Hierarchie von ALLEM zu akzeptieren. Ich schlafe in dem Vertrauen ein, dass ein unerreichbar Großes über mir ist.

Nur in der Anerkenntnis von Hierarchie ist Entwicklung möglich. (Ja, es ist auch Unterdrückung möglich. Aber wenn wir wieder lernen, dass Hierarchie neben dieser kranken Seite der Unterdrückung auch die gesunde Seite des Wachstums hat, dann erst sind wir wirklich von der Unterdrückung erlöst.)

Höhere Erkenntnisse und wahre Würde lassen sich nur aus dieser hierarchischen Perspektive erwerben.

Es gibt eine Geste, die wir als Bürger des 21. Jahrhunderts neu und ganz anders als bisher erfinden müssen.

Die ehrliche Geste der Demut. Diese Demut ist uns abhanden gekommen. Und unser Ego tut alles, damit dies so bleibt. Und wenn es so bleibt, wird dies unser größtes Hindernis sein, den großen Sprung zur nächsten Höhe zu machen.

Ich weiss: Das sind ein paar unangenehmen Wahrheiten, die zu entsprechenden Reaktionen führen werden. Aber als Schüler Rudolf Steiners fühle ich mich nicht nur den angenehmen Seiten dieser Tradition verpflichtet. So einfach ist das.

Denn, wie Steiner sagt, „niemand kann sich höhere Erkenntnis aneignen, der sie nicht empfängt... Höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird.“ (GA 10)

Das größte Wachstumspotenzial liegt da, wo Du Dein Ego in die Knie zwingst.
geist
Schau einfach hin und frage was Dein Ego wirklich, wirklich niemals zulassen würde. Was kommt Deinem Ego so nahe, dass es Amok läuft?
geist
„Wenn wir eine Ich/Du-Beziehung mit dem Geist eingehen, hat das Ego plötzlich keine andere Wahl als auf die Knie zu fallen.“ Andrew Cohen


Vater unser, der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Mittwoch, 4. November 2009

Mehr. EROS. !

„Eros“, so schreibt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift EnlightenNext, „Eros“ ist die kreative Energie und Intelligenz, die den evolutionären Prozess auf allen Ebenen der Existenz antreibt.“ Eros erschafft, aus der immerwährenden Gegenwart der inhaltlosen Leere, die harmonische Ordnung und Schönheit des ganzen Kosmos.

In der Mythologie ist EROS das Kind der Aphrodite und des Ares – also ein Mischwesen aus den femininen Venus-Kräften und maskulinen Mars-Kräften.

Egal ob man bei Plato oder modernen Forschern nachfragt, immer wird EROS als etwas drängendes, verlangendes und sehnsüchtig-dynamisches beschreiben. Dem schloss sich auch Rudolf Steiner an, der EROS das „Verlangen nach dem Schönen und Guten“ nannte. Und weiter: „Er steht zwischen dem Mensch und Gott.“ (GA8)

Auch Ken Wilber – dessen mächtiges Werk den deutschen Titel „Eros – Logos – Kosmos“ trägt – sieht in EROS „den Drang der über Dich hinaus geht“.

EROS lebt heute ein vergiftetes Schattendasein.

Der große Friedrich Nietzsche machte das Christentum dafür verantwortlich: „Das Christentum gab dem EROS Gift zu trinken - er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster.“

Jeder Mensch der sich verliebt – in dem also das Sehnsuchtsdrängen des EROS auflebt – versteht sofort, warum manche Menschen diesen Drang verbieten wollen. Er erscheint als Dämon – und das ist er auch. Aber ein Dämon, der – im Bild Steiners – ein „Mittler zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen“ sein will. (ebnd.)

Heute haben viele Menschen Angst vor diesem Dämon. Besonders das Alte hat Angst. Weil dieser Drang und dieses Verlangen unzähmbar ist und immer das Neue will. Sein Pfeil schießt in die Zukunft...

Darum sagt man uns oft, dass man Dinge nüchtern betrachten soll. Man solle erst mal sachlich darauf blicken, abwägen und dann – nach guter und reiflicher Überlegung – sich an die Arbeit machen.

Etwas daran ist gesund. Etwas daran ist krank.

Krank ist es, wenn EROS in uns nie in Erscheinung kommen darf. Krank ist, wenn man uns nicht zugesteht, uns restlos zu verlieben. Verlieben: In einen Menschen, aber auch in eine Vision, in einen Gedanken, in eine Arbeit, in einen Körper, ein Bild, oder in eine Philosophie.

Wenn der EROS in uns vergiftet und krank ist, dann ist unsere Seele der Kraft beraubt, die sie zu Gott, zum Wahren, Guten und Schönen führen kann.

Wenn EROS in uns vergiftet ist, dann erschlaft unsere Ekstase. Ekstase ist der Turbo, der uns aus dem Trott der Gewohnheit reisst – in die Richtung, die sonst weit ausserhalb unserer Normalwelt liegt.

Wenn EROS vergiftet ist, lassen wir unseren Körper vergammeln. Wir hören auf uns zu pflegen, zu schminken, Sport zu treiben und uns schön zu machen. Uns zu lieben und uns zu feiern.

Wenn EROS vergiftet ist, dann werden unsere seelischen Kräfte schlaff. Wir können keine Lustschreie mehr beim Sex stöhnen – vielleicht schämen wir uns gar für unsere sexuellen Leidenschaften – wir haben keine Freude mehr an Erektion und feuchter Haut.

Im gleichen Atemzug lässt auch unser Sehnen nach großen Gefühlen nach. Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude, Mitempfinden nach – das alles funktioniert nur noch nach moralischen Forderungen, aber nicht mehr einem inneren Liebesdrang. Für Rudolf Steiner ist das der Sündefall des Menschen.

Wenn der EROS vergiftet ist, hört unser Menschengeist auf diesen unbändigen Drang zu entfalten, sein Wissen zu mehren, neue Bewusstseinsräume zu betreten, neue Gedanken, zum ersten mal zu denken, neue Musik spielen oder schlicht und einfach sich mit dem ewig göttlichen zu vereinen.

Wenn der EROS in uns vergiftet ist, fühlen wir nicht mehr diesen tiefen Antrieb in uns, der untrennbar mit dem Antrieb verbunden ist „der den ganzen 14 Millionen Jahre währenden Prozess initiiert hat und ihn auch in diesem Moment lenkt und antreibt.“ (Andrew Cohen)

Wenn der EROS vergiftet ist, dann vergessen wir das Wichtigste: Ernst macht Spaß!

Ich bin dafür, dass wir den EROS in uns wieder zum Leben erwecken. Die gesunde Seite dieser lebendigen Kraft.

Ich bin dafür, dass wir uns wieder mehr verlieben. Denn EROS ist unser erster Helfer auf dem Weg der Erkenntnis – so sah es Platon. Und der verliebte Mensch ist für Platon der freiere Mensch, denn er ist empfänglicher für den Geist.

Denn „erst dann hat der Mensch ein Ding begriffen, wenn er es mit dem Herzen erfasst hat.“ (Rudolf Steiner, Esoterische Schule)

Ich will mich in Menschen (auch in mich), in Idee, Visionen, spirituelle Bewegungen, Gedanken und in alles was ist und sein könnte, verlieben können – als ersten Schritt. Als Turbo, der aus dem gewohnt Alten in das ultimativ Neue hineinexplodiert.

Als Tatendrang – zum Wohle aller Wesen.

Ich will EROS fühlen. Sein Verlangen. Seinen Trieb. Seine Lust und seine unbändige Freude daran uns von EntwicklungsHöhepunkt zu EntwicklungsHöhepunkt zu treiben – bis wir die „mystische Vision der ewigen, der letztlichen Quelle aller Schönheit erreicht“ haben. (Richard Tarnas).

Und noch einen Gedanke. Ein Gedanke der immer gilt. In jedem Treiben. In jeder sexuellen Ekstase, in jedem gedanklichen, moralischen, spirituellen oder sonstigen Fortschritt.

Bei aller evolutionären Entfaltung: Es ist bereits in jedem Moment alles perfekt. Es ist vollendet, bevor wir angefangen haben.

Tritt ein in das göttliche Gesicht und siehe was Gott sah: Gott sah, dass es gut war.

Diese Paradoxie treibt Dich entweder in den Wahnsinn oder in den Zynismus.

Oder Du lässt es zu, dass sie Dein Herz bricht und erkennst darin eine eigene Schönheit. Eine berauschende Fülle und eine friedliche Leerheit.

Wenn Du Dich völlig und widerstandlose dieser Paradoxie hingibst – also im selbem Moment dem Drang der berauschenden Fülle und der stillen, friedlichen Leerheit – dann erscheint, was in alten Lehren die Unio mystica genannt wird.

Manche nennen es Erleuchtung.