Dienstag, 10. November 2009

Am Ende kommen Touristen

...und weil ich in diesen Tagen auch den Novemberprogromen gedenke, empfehle ich Euch dazu einen Film. Ich habe diese DVD vor einiger Zeit für die Zeitschrift info3 besprochen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Film wirklich gut ist, aber seit über einem Monat springt er mir fast täglich in den Kopf und ich frage mich eben dies: Ist dieser Film gut oder daneben – was sagt er mir?
Ein Film, der einem nicht aus dem Kopf geht, ist ein Ereignis, welches ich mit Ihnen teilen will.

Vielleicht haben Sie eine Antwort. Der Inhalt: Der 19-jährige sympathische, aber auch nicht sonderlich liebenswerte Wehrdienstverweigerer Sven (Alexander Fehling) wollte eigentlich seinen Zivildienst in Amsterdam ableisten, findet aber nur im polnischen Städtchen Oswiecim eine Stelle.

Unter dem Namen Auschwitz wurde es als größtes deutsches Vernichtungslager zum Symbol für den Holocaust.

Neben seiner Arbeit an der Jugendbegegnungsstätte soll sich Sven um den KZ-Überlebenden Krzeminski (Ryszard Ronczewski) kümmern – eine intime, dann wieder flache und persönlich-historische Beziehung entsteht, zerreist, entsteht neu.

Der Film hinterlässt Fragen bei mir, aber keine Zweifel habe ich über die ausserordentliche darstellerische Leistung von Ronczewski und Fehling – wenn das Wort Authentizität einen Sinn macht, dann hier.

Auschwitz ist in dem Film des Regisseurs Robert Thalheim zwar der Ort des Verbrechens, den er aus völlig neuen und jungen Perspektiven zeigt. Es ist aber auch die polnische Stadt Oswiecim. Ein Dorf mit den normalen Sorgen des Postsozialismus, mit schönen Sommertagen, lauten Rockkonzerten und Liebesgeschichten.
Aber immer vibriert dieser andere Name durch die Liebe, den Sommer und in allen Beziehungen. Der Film ist in jedem Fall ein bemerkenswerter Baustein für eine neue Kultur der Erinnerung, die sich von einer berechtigten Schuldfrage zu einer tiefen Lebensweisheit transformiert.

Am Ende kommen Touristen setzt kein Schlusspunkt, verzichtet auf äusserliche Dramatik und erhobene Zeigefinger – irgendwie ist er auch ein Film über Europa und er geht mir nicht aus dem Kopf.

Kommentare:

MonikaMaria hat gesagt…

Auf Arte lief am letzten Freitag dieser Film:
12 heißt: Ich liebe Dich

Zutiefst berührend und beschreibend, was Liebe alles beinhalten könnte und kann.

Rabbi Krishna hat gesagt…

Namaste

…auch ich gedachte in einer kleinen, aber intensiven rituellen Prozession an die Pogrom-Nacht.
In einer solchen Versenkung in die Tiefen des menschlichen Daseins vermischen sich die zusammenhängenden Schatten der Seele der Menschheit.
So gedachte ich in diesem Zusammenhang an die leidenden Seelen in Auschwitz (als Synonym für die industrielle Vernichtung von Menschen…KörperSeeleGeist)…ich dachte an Hiroshima, Nagasaki, WTC, Guantanamo, Abu Graib…etc…
…in letzter Konsequenz ein Gedenken an viele Orten und Zeiten in denen GEIST von menschlicher Omnipotenz überschattet wird.
Ein hineinspüren, wo gerade im Augenblick die Schreie zu hören sind und diese Stille eines letzten Atemzuges, der tiefe Narben in unsere lautes Dasein reißt.

…als vor kurzem Jürgen Rieger (googeln) starb, habe ich nicht gejubelt, wie Viele…aber ich atmete mit Einigen befreit auf…auch dieser Seele wünsche ich Gesundung…
…ja es ist schön, wenn es keine Mauern mehr gibt…
…aber es ist noch eine Menge Arbeit, die körperlichen (physischen), seelischen und geistigen Mauern einzureißen…und in unserem Denken, Fühlen und Handeln keine Mauern aufzubauen…

…warum Großdeutschland wieder einen Reichstag hat, ist mir noch immer nicht so klar…(zudem ist Deutschland für mich als Identifikationsobjekt einfach zu klein…nehme lieber diese Kugel, die wir Erde nennen, das Sonnensystem in dieser Galaxie mit der wir durch den Raum reisen…usw…)

…warum Pogrom und Einheit auf das gleiche Datum fallen, ist mir bewusst:
Wir müssen! wenn wir dem Einen (Licht, Freiheit, Einheit, Freude) Gedenken auch unausweichlich dem Anderen (Schatten, Unfreiheit, Zerrissenheit, Schmerz) Gedenken. Wir dürfen beides, Pogrom (Auschwitz) und Einheit nicht vergessen. Daraus lernen heißt Erinnern – daran wachsen heißt Entwickelung…

…habe den o. g. Film noch nicht gesehen…werde ihn mir aber genau anschauen, wenn er zu mir kommt…

ShalOmShanti

Kristian
terristrischer terrourist

JANET hat gesagt…

info3 ist verschwunden oder ich fange wieder an verrückt zu werden.. oder auf normal. Der link geht nicht!

Nene hat gesagt…

@Rabbi Krishna
:))

JANET hat gesagt…

wir sollten mal einen internen DVD Verleih eröffnen..hier wird man ja arm! ..ist natürlich Spaß aber in jedem Spaß steckt ein Fünkchen Ernst! Ich mag Schindlers Liste.. auch ein schöner Erinnerungsfilm.

Oskar Schindler hat gesagt…

09.10.1974 gestorben