Mittwoch, 11. November 2009

Der Dirigent

Als ich gestern mit unseren Kindern, wie in jedem Jahr, zum Sankt Martinszug ging, kamen wir an einer der üblichen Blaskapellen vorbei. Seit meiner Kindheit liebe ich diese etwas brachiale und dennoch zu Herzen gehende Brass-Musik. Die Kapelle schmetterte Martinslieder und wurde dazu von einem gleichermaßen enthusiastisch, wie disziplinierten Dirigenten angetrieben.

Ich stand hinter dem Dirigenten – noch nie hatte ich einen Kapellmeister gesehen, der so genau die nahezu militärisch korrekte Note dieser Musik, mit der ihr innewohnende harmonischen Beweglichkeit verkörperte.

Ich war fasziniert, wie dieser untersetzte Mann seine Arme mit großem Schwung weit über den Kopf schwang ohne einen Moment die klare Linie der Musik zu verlassen. Ich blieb stehen und staunte darüber, wie jemand diese einfache Musik so sinnlich-übersinnlich manifestieren konnte.

Mit einem schwungvollen Dreh, führte er das kleine Orchester ins Finale, setzte einen knackigen Schlusspunkt, verneigte sich knapp und schlenderte anschließend mit charmanter Lässigkeit ein paar Schritte zur Seite.

Down-Syndrom, Trisomie 21, behindert. Das sind die Begriffe mit denen man in aller Regel Menschen etikettiert, die so sind wie dieser Dirigent. Als er sich umgedreht hatte, sah ich mit Erstaunen, dass dieser junge Mann ein Mensch war, den man mit diesen Wörtern zu charakterisieren versucht.

Ich kannte ihn von Karnevalsumzügen und anderen Festen – er war mitnichten der offizielle Dirigent dieser Brass-Gruppe. Er hatte sich, wie er es immer tut, vor „sein Kapelle“ gestellt und „spielte“ nun Dirigent. Ganz im Einvernehmen mit den Musikern.

In diesem Moment wusste ich wieder, wie richtig es ist, dass Anthroposophen nicht von „geistig behinderten“ Menschen sprechen. Vor mir stand der Beweis für den Satz, den wir immer wieder im anthroposophischen Kontext sagen: „Der Geist ist niemals behindert“.
geist
Geist ist nie dies oder jenes, Geist lässt sich nicht definitorisch einengen, Geist ist, um ein Bild aus dem Hinduismus zu nehmen, „neti neti – weder das noch das“. Begriffe können „es“ nicht festnageln, aber unser Herz kann „sie“ fühlen, unsere Seele kann „ihn“ erleben.

Es ist auch und nicht zuletzt, dem unermüdlichen Engagement von Anthroposophen zu verdanken, dass wir heute in eine Gesellschaft hineinwachsen, in der solche „Dirigenten“ ein inklusiver Teil unseres gemeinsamen „Orchesters“ sind.

Der „Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir alle wachsen können, wenn wir demütig erkennen, dass jede Seelen pflegebedürftig ist.

Wir können alle wachsen – aber GEIST wächst nicht und ist nicht bedürftig oder behindert. GEIST ist weder das noch das.
geist
Aber manchmal dirigiert er irgendwo in einer kleinen Stadt, eine kleine Blaskapelle. Neben dem Sankt Martinsfeuer.

Infos zum „Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit“

Kommentare:

JANET hat gesagt…

Einer gibt immer den Ton an. Meistens steht er vor Einem.

So geschehen... hat gesagt…

...eine musik-gruppe einer heilpädagogischen einrichtung gab eine öffentliche präsentation ihres könnens. Nach dem begeisterten beifall spricht die dame neben mir den jungen mann am akkordion (eben auch einer dieser besonderen wie im text) an, wie schön und beeindruckend sie das konzert fand und dass sie selbst so nie spielen könnte - er darauf voller selbstbewusstsein: "Ha, wärsch halt au behindert!" ;-)

Anonym hat gesagt…

:-)
;-)
:-)
wunderbar

JANET hat gesagt…

"Hä, wärsch halt au behindert!"

Wir sind behindert...geistig behindert! körperlich behindert und seelisch kaputt... einer mehr der andere weniger! zumindestens sehe ich das so..Aber vielleicht ist das auch nur ein Programm in mir, das dies sagt.

Ich bewundere Menschen, die ein Instrument spielen können. Warum ich das nicht kann? Weil ich behindert bin, es zu lernen.

MonikaMaria hat gesagt…

Lieber Sebastian
Kommt mir vor, wie wenn Du den Link für meine Tochter schickst. Vor zwei Tagen hatte sie die Frage danach.

Im Moment macht sie ein Praktikum an einer anthroposophischen, heilpädagogischen Schule.

Sie ist sehr überrascht, mit welcher Klarheit und Bewusstheit diese Kinder sprechen, wenn man ihnen wirklich zuhört und da holt sie die Kinder auch ab, wenn sie merkt, dass der Körper dieser Kinder wieder gebeutelt wird.

Dies nimmt sie mit großen Erstaunen wahr: Der Geist ist klar, einige sind sogar hellsichtig und hellfühlend, aber der Körper reagiert völlig anders, teilweise hoch aggressiv und selbst das können sie aussprechen, wenn sie darauf angesprochen werden. Es ist, wie wenn «etwas» entgleitet und nicht greifbar ist.

Die Kinder erfahren wie eine Erlösung – so empfindet es meine Tochter – wenn sie diesen klaren Geist im Kinde anspricht und nicht darauf achtet, wie der Körper sonst noch reagiert.

Auf einmal beginnen sie Dinge zu tun, die sie bis anhin verweigert hatten. Wie alle Kinder möchten auch sie in ihrem wahren Wesen erkannt werden.

BURGHARD hat gesagt…

Damals war ich ganz schön aufgeregt.
> Gleicht kommt Herr Meereborg
mit seinem Kollegen, beide
Heilpädagogen. Wir wollen
gemeinsam Bilder für eine
Ausstellung aussuchen.

Jedes Bild wird befragt. Bild?
Im inneren Blick der
Heilpädagogen, da hüpfen
die Kinder der Schule,
in der die Bilder hängen sollen.

Ein Bild im Blick, werden die
Kinder gefragt, gefragt:
“Wollt ihr das Bild sehen?“

Obwohl jedes Bild sich
bemüht, Schönheit auszustrahlen,
fällt doch so manches
unter den Tisch.

Dabei wird mir Frage, welche
Erwägungen im Spiel richten
den Daumen gen Himmel oder
gen Erde.

Der Frage nachgehend wird
erlebbar, die Kinder, sie sind den
Heilpädagogen nahezu heilig.

Ich denke, eigenartig.
Früher, da wollte man
auf Bildern Heiler sehen.
Hier geht es wohl um die
Frage, wie Heiler sehen. <