Montag, 14. Dezember 2009

Die Krönung

Als ich nach meiner zwölfjährigen Waldorfschulzeit auf ein städtisches Gymnasium wechselte, um dort mein Abitur zu machen, hatte ich das Glück einen wundervollen Philosophielehrer zu haben. „Darf man beim Beten Sex haben?“ fragte er uns eines Tages. „Nein“, waren wir uns nach einiger Zeit einig. Beten, das sei eine Handlung zur Würdigung Gottes und weil Gott das Absolute sei, beanspruche er die absolute Hinwendung.

„Ok“, sagt der Philosophielehrer und lächelte. „Und jetzt diese Frage: Darf man beim Sex beten?“ Ich erinnere mich noch genau, wie verwirrt wir alle waren und wie glücklich zugleich.

„Ja“ waren wir uns einig. Denn Gott, also das Absolute, ist selbst im Relativen existent. Und in allem was ist, ist auch immer Gott. Beim Sex zu beten, das bedeutet, auch im Profanen das Sakrale zu erkennen und zu ehren. Beim Sex zu beten, sei ein Bild dafür, dass man selbst im Niedersten das Höchste würdigt.

Am Ende der Stunde formulierten wir eine Art Credo für den gläubigen Menschen: „Jede Deiner Handlungen, soll immer auch Gebet sein.“

Unser Philosophielehrer gab unserer Klasse dafür eine 1 und ich habe diese Stunde – wie man sieht – nie vergessen.

Manche Menschen fragen mich sehr kritisch: „Darfst Du denn als Anthroposoph dies oder das tun, denken oder fühlen?“ Wenn sie selber Anthroposoph sind, antworten sie oft mit einem langen Verbotskatalog, was ich alles nicht dürfte, wenn ich Anthroposoph sein wollte.

Ich stelle mir aber diese Frage: „Darf ich es es aufgeben, während ich dies tue, denke oder fühle, ein Anthroposoph zu sein? Ist Anthroposophie ein Katalog mit Geboten oder Verboten, oder eine Haltung zum ganzen Leben?“
Steiner
Rudolf Steiner hat mich ermutigt so zu fragen. Er sagt mir, dass dieses Leben ein Geheimnis nach dem anderen öffnet, wenn ich meine Angst überwinde und mich dem Hingebe, was das Leben mir zeigt. Er sagt, dass ich wach, aufmerksam, liebevoll, unbefangen, lernend und unorthodox auf das blicken soll, was das äussere und innere Leben mir schenken will.

Mein Geschenk an das Leben, besteht dann darin, dem Leben meine Bewusstheit zu schenken. Das ist die Krönung, durch den Menschen.

Nichts, was durch Bewusstheit gekrönt wurde, bleibt was es vorher war. Oder anders: Es ist das Gleiche – aber mit Krone.

Der Mensch bringt das Göttliche nicht nur dadurch auf die Erde, dass er das Göttliche in die Welt einfließen lässt, sondern vor allem dadurch, dass er die Welt in die Sphäre des Göttlichen hebt.

Im Bewusstsein des Menschen, wird sich die Göttlichkeit ihrer selbst bewusst. Der Mensch wurde vom Kosmos mit Bewusstheit beschenkt, um den Kosmos mit Bewusstheit zu erleuchten.
Der Mensch empfängt nicht nur von oben (wie in der traditionellen Religion), sondern er gibt auch nach oben - und in alle Richtungen.

Dieser Kultus von unten nach oben, macht vor nichts halt und hört nie auf. Das ist der neue Kultus.

Es ist für mich nicht so sehr die Frage, was ich tue. Ich frage mich mehr, wie ich es tue. Gelingt es mir, mich ohnmächtig der lust-, und schmerzvollen Lebendigkeit des prallen Lebens hinzugeben und dabei meine wache Bewusstheit aufrecht zu erhalten?

Ich lebe das Leben 100% – ich identifiziere mich mit NICHTS.
Wenn mir das gelingt, dann erlebe ich: Bewusstheit und Liebe sind eins.

„Der Gott war zum Menschen geworden,
um den Menschen zum Gott zu erheben.“
Rudolf Steiner, GA, Kunst & Kunsterkenntnis.

Kommentare:

axel.doerken hat gesagt…

Hai Sebastian!

Ich bin der Meinung, dass alles was wir denken, meinen und tun stets ein Gebet zu Gott ist.

Schließlich sind wir, als ein Teil seiner/ihrer Schöpfung, im direkten Dialog mit anderen Teilen seiner/ihrer Schöpfung.

Also ist mein Sein für mich Gottsein. Und anderes Sein auch.

Für mich erübrigt sich daher also die Frage ob beten während des Sex´s in Ordnung ist. Beides sind, für mich, Gebete. Das eine direkt verbal, das andere auf anderer Ebene und/oder indirekt, über meinen Sexualpartner an Gott gerichtet, verbal.

Ob ich während des Gebets Sex machen würde, bezweifle ich allein schon aus der Haltung heraus, dass ich mich jemandem ganz hingeben möchte, wenn ich denn bete. - Doch vielleicht ist meine Einstellung zum Sex hinterfragungswürdig. Oder die zum Gebet, bzw. zu Gott selbst...

Ich erlebe, dass ich auf immer mehr Menschen treffe, die sich von einem Gott, wie er in Religionen vorkommt gelöst haben.

Gott sei dank?
Für mich, ja.

Liebe Grüße

Anak hat gesagt…

lieber axel, schoen dich hier zu treffen :-)...
du schreibst: "Ob ich während des Gebets Sex machen würde, bezweifle ich allein schon aus der Haltung heraus, dass ich mich jemandem ganz hingeben möchte, wenn ich denn bete. - Doch vielleicht ist meine Einstellung zum Sex hinterfragungswürdig"
und hinterfragst es gleichzeitig, das finde ich gut: denn gibt man sich nicht auch im sex vollkommen hin? ist dies nicht die hingabe an das goettliche im anderen? namaste?
erkenne ich nicht im anderen meine eigenen goettlichkeit? dann bete ich das goettliche im anderen an. dann bete ich, also steht sex und gebet gleichzeitig nichts im wege.
ich finde eigentlich auch die formulierung bei dir sebastian sehr schade, denn warum muss ich das sexuelle als das niedere beschreiben? vielleicht ist es das hoechste ueberhaupt?
die reine hinwendung, hingabe an das goettliche im anderen? sicher nicht in die person, sondern das goettliche in der person. dies erfordert sicher eine andere form der liebe, die nicht mehr auf der ebene der persoehnlichkeit definiert wird, sondern in tiefere ebenen des seins geht.
herzlich
anka