Samstag, 16. Januar 2010

Diskretion wird zur Meditationskraft

In meinem Biologiebuch gibt es klägliche Bilder. Dargestellt sind die Entwicklungsstadien eines Hühnerembryos. Das klägliche ist, dass die Fotoserie aus echt aufgeschnittenen Hühnereiern besteht. Schon drei Tage, nachdem eine Henne ein befruchtetes Ei gelegt hat, sind die ersten Blutäderchen zu erkennen und das Herz des Embryos schlägt. Bald sieht man zwei dunkle Flecken die zu Augen werden und nach acht Tagen haben sich die inneren Organe und der Kopf entwickelt. Am 21. Tag ist es dann soweit.

Das Küken hackt ein Loch in die Schale und schlüpft. Bereits am ersten Tag, war als Potenz alles in dem Hühnerei angelegt, aber die Fotoserie entlarvt was passiert, wenn man die Lebensflamme, zu früh in den Wind hält: Sie erlischt.

Alles was werden will ist als Energie innerhalb dieser Schale enthalten – aber ohne die Schale, wird nichts daraus. Die Schale hält die schützende Spannung aufrecht, grenzt ab und ermöglicht, dass sich aus weicher Formlosigkeit eine konkrete Gestalt entwickelt, die das Leben halten kann.

Die Eierschale weiss, wie man dicht hält.
PSSSST
Ich kenne das Gegenteil und musste erfahren, dass ein lebendiger Gedanke – der groß und kraftvoll hätte werden können – durch zu frühes Aussprechen verstarb. Er flog aus meinem Mund und stürzte ab. So kläglich wie die Embryonen in den aufgeschnittenen Hühnereier lag er da und musste sich gefallen lassen, dass er ausgelacht wurde: „Du willst ein großer Gedanke sein und in den Himmel fliegen? Lächerlich!“

Diskretion ist die Eierschale um unsere Seele. Worüber wir nicht reden können, darüber sollen wir schweigen – wer aber nie das wissende Schweigen lernt, dessen Gedanken, Ideale und heiligen Empfindungen werden zur Frühgeburt.
PSSSSSTTT
Diskretion kann man jederzeit übern. Nicht nur indem man Klatsch und Tratsch meidet, sondern zum Beispiel auch, wenn man nach einem Kinobesuch nicht sofort über das Erlebte spricht. Nicht zu Freunden, aber vielleicht nicht einmal in Gedanken zu sich selber – spannen sie die Eierschale der Diskretion darüber und vertrauen sie darauf, dass sich das Leben seinen Weg bahnt.

Diskretion in Form von Zurückhaltung und Ruh ist kein Widerspruch zu Engagement und Kraft – Rudolf Steiner bringt sie so in Beziehung: „Ich trage Ruhe in mir, ich trage in mir selbst, die Kräfte, die mich stärken.“ Für ihn lebt „die Ruhe als Kraft“ im Menschen. Herbert Witzenmann nennt disretes Schweigen „ein Kräftesammeln.“

Viele Menschen sind genervt, weil sie nicht das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Sie sind immerzu beschäftigt, haben aber trotzdem das Gefühl das Wesentliche nicht zu berühren – Diskretion ist ein Schlüssel zur Lösung dieses Problems.

Die Tugend des wissenden Schweigens, welche selbst das Denken zu Schweigen bringt, führt dazu, dass in uns die ewigen Kräfte gestärkt werden.
PSSSSSTTT
Wer im Sprechen und Denken – und auch im Gefühl – Diskretion und Zurückhaltung übt, der wird allmählich merken, wie das Unwichtige und das Seichte an ihm abtropften. Diskretion kommt von „discernere“ und bedeutet „unterscheiden“.

Das Sortieren von Wichtigem und Unwichtigen. Mit dem Denken lässt sich manchmal schwer das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden – denn das Unwichtige macht sich gerne wichtig. Nur einem hält das Unwichtige nicht stand: Dem Schweigen.
PSSSSSTTT
Am Ende bleibt, was ewig ist: Die Stille.

Durch immer wieder ausgeübte Diskretion wird unser Seeleninhalt so komprimiert, dass sich das was wirklich wichtig ist zu einem explosiven und evolutionären Wesenskern zusammenballt. Wie aus Kohlenstoff durch Druck und Hitze Diamanten werden, so wächst das was in uns als diffuse Möglichkeit lebt durch die Diskretion und Zurückhaltung zu einer wirklichen Fähigkeit.

Die Stille schweigt nicht mehr. Die Stille spricht. Diskretion wird zu Meditationskraft.

Die Meditationskraft wird eine evolutionären Kraft, die mich zum Gestalter über die formlosen Kräften des Ewigen macht – die Kraft der Meditation durchdringt mein Denken und Fühlen und wird in jedem Handgriff sichtbar.

Je stärker sich diese Kraft in mir entfaltet, desto mehr wird mein Alltag von dem durchdrungen, was über diesen Alltag hinaus geht.

Wenn ich aber den trivialen Alltag mit den heiligen Kräften der Bewusstheit und der Liebe durchleuchte – was ist dann noch trivial?

Die Tugend der Diskretion ist das bewusste Schweigen über das, was noch nicht selbstbewusst ist. In der Stille wächst die Kraft und wenn die Zeit reif ist, wird sich das selbstbewusst Leben seinen Weg durch die Eierschale der Diskretion bahnen.

Seien Sie tugendhaft.
PSSSSSTTT
Dies ist eine der zwölf Monatstugenden, die von Rudolf Steiner entwickelt wurden. Du kannst diese Januar/Februar Tugend von heute an, einen Monat meditieren und leben. Schau doch einfach mal, was daraus wächst. Viel Spaß damit.
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Kommentare:

MonikaMaria hat gesagt…

O Tugend (Areta), mühvoll dem Staubgebornen,
Der Jagd des Lebens schönster Preis,
Für deine Schönheit, o Jungfrau,
Ist selbst Sterben, in Hellas, beneidet Schicksal,
Und der Arbeit Müh unermüdet ertragen.
Also herrlicher Frucht zu
Lenkst du den Sinn, die unsterblich, besiegt des Goldes
Werth, und edlen Geschlechts und süßer Ruhe…




Die Entfaltung des wahren Wesens durch die innerliche Aneignung des Schönen wird bei Aristoteles in dem Hymnus auf die Göttin Areta (Tugend) zum Gedenken an den ermordeten Freund Hermias ins Heroische gesteigert: Arete wird zu kriegerischer Mannesehre und Standhaftigkeit im Schmerz. Wer sein wahres, höheres Selbst liebt wird „lieber ein einziges Jahr für ein hohes Ziel leben als ein langes Leben führen für nichts“.

aus Wikipedia

manroe hat gesagt…

Lieber Sebastian,

hab Dank für diese Darstellung, möge sie von möglichst vielen durchdacht, erkannt und ins Leben imaginiert und integriert werden. Das inspiriert.

Manfred

Jasna Caluk hat gesagt…

Es ist so ruhig geworden :-)!
Dann sag ich mal (indiskreterweise) was:

Mir ist heute augefallen, dass "Mut wird zu Erlöserkraft" laut Steiners Monatstugendenden noch bis zum 01.02. meditiert wird und gleichzeitig die "Diskretion wird zu Meditationskraft" ab dem 21.01. zu meditieren ist und somit 11 Tage gemeinsam meditiert werden.

Das finde ich paradox (vielleicht von Steiner auch so gewollt), denn abgesehen von anderen Mutproben verstehe ich unter Mut zB auch das Aussprechen der eigenen Gedanken und Empfindungen, was ja ein Stehen zu sich selbst darstellt, oder?

Und ein solcher Mut überkreuzt sich dann mit der Diskretion in den Tugendmonaten.

Vielleicht geht es ja auch darum mutig unterscheiden zu lernen?