Freitag, 26. März 2010

Uneingeschränktes "Ja"


„Ich will wissen, ob Du mit Unzulänglichkeiten leben kannst – meiner und Deiner eigenen – und immer noch am Seeufer stehst und der silbrigen Scheibe des Vollmondes ein uneingeschränktes „Ja“ zurufst“. (Oriah Mountain Dreamer)

Einmal – ich saß abends auf einer kleinen Mauer, vor einem der ungezählten Krankenhäuser meiner Jugend und trank eine Cola aus dem Getränkeautomaten der im Aufenthaltsraum der neonbeleuchteten Klinik stand – da ging eine junge Frau an mir vorbei.

Sie trug eine kurzes, weisse Sommerkleid. Das Kleid spannte sich fest um ihren Hintern und die nackten Beine steckten in hochhackigen, roten Schuhen. Ich hatte den Kopf gesenkt und konnte nur diesen Teil der Frau sehen. Mein Blickfeld war eingeschränkt.

Ich sah nur zwei, drei Schritte von diesem Hintern im weisen Kleid und diese Bein in hochhackigen roten Riemchenschuhen.

Doch diese wenigen Schritte genügten. Die dünnen Absätze stachen mitten in mein Herz.

Ein paar Sekunden war ich zornig: „Gott! Hallo! Das ist eine Leid-Zone! Lass, verdammt noch mal, dieses sexy Leben woanders vorbeilaufen! Hier ist kein Platz für Sex, denn hier wohnt Schmerz!!“

Ungerührt von meinem Selbstmitleid und dem daraus resultierenden moralinsauren Zorn, traf mich der nächste Schritt noch tiefer. Der stramme Hintern im weissen Kleid, scheuerte mit elegantem Rhythmus an meiner wunden Seele.

In diesem Moment spürte ich, dass ich eine Gabe hatte. Die Gabe, eine Wunde zu sein, die niemals heilt. Das ist die Gabe, die unser Herz offen lässt.

Heute weiss ich, dass diese Gabe jedem Mensch gegeben ist. Ich weiss auch, dass die Versuchung groß ist, diese Wunde heilen zu wollen. Aber diese Wunde zu schließen, würde bedeuten, sich dem Leben zu verschließen.

Ich ziehe es vor offen für das Leben zu sein. Für den Schmerz und eben gleichzeitig für die Freude. Für die Abgründe und gleichzeitig für die Oberfläche. Für den wachen Geist. Vom Kopf bis in die verführerischen Beine, die unten in roten Schuhen und oben in einem sexy Hintern enden.

In diesem Moment vor der Klinik, teilte mir das Universum, in seiner unverschämten Art mit, dass es nur eine Lektion für mich bereit hält: Das uneingeschränkte „Ja“ zu erlernen. Denn alles, alles erscheint, verweilt und verschwindet in diesem JA.

Diese uneingeschränktes „Ja“ bedeutet aber nicht, dass wir dumm sein müssen und es bedeutet nicht, Unterschiede zu leugnen. Wenn Dein Mann Dich schlägt, dann verlass diesen Mann. Sofort. Und dann sag „Ja“ zum nächsten Mann. Zu einem besseren & edleren Mann.
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Es ist schlau, aus Fehlern zu lernen und aus Schaden klug zu werden – aber wir können nicht gleichzeitig ganz lebendig sein und dabei ganz auf Fehler verzichten.

In den langen und dunklen Zeiten meines Lebens, in denen viel Weinen war und mein Platz am Krankenbett, in der physischer Schmerz meinen Körper beherrschte – in allen diesen Jahren, folgte ich intuitiv einem einzigen Wort: „Ja“. ....
Für dieses „Ja“ können wir uns entscheiden. Einfach so. Plötzlich.
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Es ist ein „Ja“ welches die Schwere eine Klink ebenso umarmt, wie die Leichtigkeit eines sexy Hintern. Mit diesem „Ja“ verpflichten wir uns, die Verantwortung anzunehmen, auch dann für unsere Kinder zu sorgen, wenn wir gerade erst aus einer ekstatischen Nacht erwachen.

Es ist ein „Ja“, welches ein Mysterium umfasst, dass größer ist als wir selber.

„Ich bin dazu geboren, den Drachen zu reiten. Ich bin Teil der Idee, die ich liebe.“ (Oriah Mountain Dreamer)