Freitag, 30. April 2010

Mauer des Wissens

Vor ein paar Tage hielt ich mal wieder einen Vortrag für Menschen aus dem Umfeld der Anthroposophie. Auf der einen Seite beglückte es mich erneut, wie direkt es in dieser Umgebung möglich ist, die Dinge anzusprechen, die uns tief in unserer Seele berühren. So viele großartige Menschen! Andererseits sah ich wieder, was der Schatten der Anthroposophie ist.

Da war dieser Mann. Er erzählte eindrucksvoll von einem Erlebnis, welches ihn emotional geschockt hatte. Er stand tatsächlich vor einem inneren Abgrund.

Während er von dieser Erfahrung sprach, konnte ich wahrnehmen, wie er auf seinen eigenen Abgrund zuging. Schritt für Schritt ging er in die schmerzvolle Schwärze seiner eigenen Abgründigkeit.

Sein Gang in die vermeintliche Dunkelheit hatte etwas wunderschönes – denn aus erwachter Perspektive ging er direkt ins Licht. Ein paar Schritte durch die Dunkelheit fehlten noch...aber dann passierte es.

Der Mann stieg aus dieser tiefen Erfahrung aus und wählte den Notausgang. Ein Notausgang in den erneuten Dämmerszustand des Bewusstseins.

Und das ging so: Anstatt weiter in den Schmerz zu gehen, anstatt weiter auf den eigenen Abgrund zuzugehen und anstatt noch intensiver in die Illusion seines Selbstbildes einzutauchen - um es von innen zu sprengen - trat er die Flucht an. Die Flucht in die Interpretation, das Wissen, die Deutung und die Projektion.

Die Flucht in die „geistige Welt“.

Plötzlich wurde aus seiner eignen Erfahrung ein fremdes „geistiges Wesen, welches sich „aufopfert“ hat. Aus der Grundlosigkeit seines Schmerzes, formte sich ein mythisches Erklärungsmuster. Der Abgrund wurde mit Zitaten aufgefüllt. Und anstatt in das unbegreifliche Geheimnis hineinzusterben und im höchsten Zustand des Nicht-Wissens zu erwachen, schlief dieser Mann wieder ein. In seinem Wissen-Kissen.

Das vermeintliche Wissen um alle möglichen „geistigen Wesen und Welten“ lässt viele Anthroposophen (und natürlich auch andere Anhänger von Weltanschauungen) im Vorhof wirklicher geistiger Erfahrungen stehen.
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Denn erst „wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen... dann fliegt vor Einem geheimen Wort, das ganze verkehrte Wesen fort.“ (Novalis)

Aus erwachter Perspektive ist so eine Flucht in das sichere Wissen-Kissen ein betrüblicher Anblick - anstatt tiefer in die Erfahrung zu sinken, beginnen die Menschen Geschichten über diese Erfahrung zu erzählen. Im Modus des StoryTelling fühlen wir uns wieder sicher.
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Andererseits kann es natürlich sein, dass in jedem Menschen eine gesunde Mauer vor dem wirklichen Erwachen gebaut ist (Steiner nennt das den „Hüter der Schwelle“).

Denn Erwachen ist nicht weniger als ein gewaltiger, geistiger Zusammenbruch. Erwachen ist der Großvater aller Zusammenbrüche.

Die Mauer des Wissens ist voller bunter Bilder – doch solange wir noch etwas „wissen wollen“, solange wir noch etwas „begreifen wollen“, solange wir noch „sehen und verstehen“ wollen, solange sind wir noch im Modus der getrennten Persönlichkeit: Hier das Subjekt, welches etwas „begreifen“ will und dort das Objekt welches zu „begreifen“ ist. Doch Hinter der Mauer existieren diese Kategorien nicht mehr.

Es ist ein kosmischer Witz, dass das vermeintliche „Wissen von der geistigen Welt“, die Mauer vor dieser Welt darstellt.

Es ist ein kosmischer Witz, dass die immer wiederholte Nennung des sog. „Mysteriums von Golgatha“ gerade dieses Mysterium verhindert. Und zwar dort, wo es hingehört: Im eigenen Herzen.

Ich bin sicher, dass jeder Mensch seine Zeit hat und sein Tempo. Sein Weg und seine Tür. Insofern ist das alles auch kein Drama. Eher ein kosmischer Witz. Irgendwie kann ich trotzdem nicht darüber lachen.

Mittwoch, 28. April 2010

Kein Schicksal

Wir erschaffen unser Schicksal auf verschiedenen Ebenen. Durch das, was wir denken, sagen und tun. Nicht nur wir sind in der Welt, die Welt ist in uns. Wir haben ES im Kopf, ES im Wort und ES in der Hand.

In diesem Sinne gibt es kein Schicksal der Menschheit.


Unser Schicksal ist, kein Schicksal zu haben. Unsere Bestimmung ist bestimmungslos. Unser Schicksal ist, dass wir entscheiden können, was unser Schicksal sein wird.

Das nämlich ist die Antwort auf die größte Frage. Die Frage nach dem Warum, nach dem Ziel, nach dem, worauf wir hinwirken.

Das große Wieso? Weshalb? Warum? Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und die Antwort ist das schönste, wertvollste und größte geschenkte Abenteuer, welches uns gegeben ist.


Die Antwort ist: Es gibt keine Antwort - keine Bestimmung. Kein Schicksal. Schicksal ist, was wir tun.

Wir können die Antwort geben - wir sind so frei.

Das Menschenleben, so Steiner, "hat nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm gibt."

"Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse
und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen."
Rudolf Steiner
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Und was ist mit dem, was einem widerfährt?
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Du meinst "Warum gerade ich?"
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Nun: "Warum nicht?" lautet die heilsame und unegoistischste Antwort. Shit happens!
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Wenn man dann aktiv und liebevoll annimmt, was einem widerfährt, wird man vom Spielball zum Spieler und merkt plötzlich: "Ich bin der Ball, der Spieler und das Spiel."

Oder mit Steiner:

"Man kann auch im Schicksal noch sich selbst als wirksam erleben. Sie gibt in dem unegoistischen Betrachten des Menschenschicksals ein Erleben an, in dem man nicht nur das eigene Dasein, sondern die Welt lieben lernt.
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Statt in die Welt hineinzustarren, die in Glück und Unglück das Ich auf ihren Wellen trägt, findet man das Ich, das wollend das eigene Schicksal gestaltet.
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Statt an die Welt zu stoßen, an der das Ich zerschellt, dringt man in das Selbst ein, das sich mit dem Weltgeschehen verbunden fühlt."
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Dienstag, 27. April 2010

Lebensläufe

Glaubst Du an Deinen eigenen Lebenslauf? Vermutlich hast Du auch ein Papier auf dem Dein Lebenslauf steht. Wo und wann Du geboren wurdest, auf welcher Schule Du warst und welche Abschlüsse Du erreicht hast. Dann vielleicht einzelne Stationen Deiner beruflichen Laufbahn und familiäre Daten, Zeugnisse und schließlich Deine postalische Adresse. Alles scheinbar eine logische Abfolge und eine bestimmte Ordnung.

Unser Lebenslauf ist die offizielle Version der Geschichte, wie wir von hier nach da gekommen sind. Diese offizielle Version unseres Lebens erzählen wir immer wieder und immer wieder. Anderen Menschen und uns selber.

Wir erzählen diese Version so lange, bis wir selber daran glauben.
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Wenn wir dann unter spirituellen Freunden sind, erzählen wir eine weitere Version unseres Lebens. Wir erzählen von Krisen, von menschlichen Begegnungen und davon welche wundervollen Wendungen unser Leben immer wieder genommen hat. Wir erzählen davon, welche Bedeutung ein Buch, ein Lehrer oder eine Idee für unser Leben hatte. Vielleicht benutzen wir das Wort „Karma“ oder „Schicksal“. Als würde das etwas ändern...

Dann gehen wir zum Arzt und dort nehmen wir wieder eine neue Perspektive ein und erzählen unsere Krankengeschichte. Der Arzt nennt das Anamnese. Welche Bedeutung hatte diese oder jene Krankheit für unser Leben?

Wenn wir verliebt sind, dann schauen wir mit neuem Blick auf unser Leben: „Was wäre ich nur ohne Dich?“

An dieser Stelle wiederhole ich meine Frage: Glaubst Du an Deinen eigenen Lebenslauf? Oder anders: An welchen Deiner Lebensläufe glaubst Du?

Manche glauben daran, dass sie im Augenblick des Sterbens ihr ganzes Leben durch die Augen derjenigen Menschen sehen, die uns begegnet sind. Im Sterben würden wir dann fühlen, was „die Anderen“ fühlten, wenn sie mit uns zusammen waren. Ängstigt oder freut uns dieser Gedanke? Und: Sterben wir nicht unser ganzes Leben lang? Warum warten um durch die Augen „der Anderen“ zu schauen?

Oder wie wäre dieser Blick auf deinen Lebenslauf: Das göttliche Universum könnte nur das sehen, was in Deinem Leben wirkliche Liebestaten wären. Was würde bleiben von Deinem Lebenslauf?

Oder kannst Du Dir vorstellen, Deinen Lebenslauf durch die Augen des Glücks zu sehen? Wie viele Tage würden bleiben, wenn nur die glücklichen zählten?

Oder weitere Perspektiven: Wie rebellisch ist mein Leben? Gibt es einen Lebenslauf der Achtsamkeit? Wie heldenhaft verläuft mein Leben? Oder erzählen wir lieber eine Opferbiografie?

An welchen Lebenslauf glaubst Du? In welchen Lebenslauf steckst Du Deine Energie?

Meine These: Unter der Oberfläche unserer offiziellen Lebensläufe ist das Leben selbst. Wir können diesem Leben sowohl Bedeutung verleihen, als auch Bedeutung entziehen. Beides kann richtig sein.

Wir können dem Leben unendlich viele Etiketten ankleben – doch dahinter entzieht sich das Leben jeder Etikettierung. Was dann vom Leben bleibt, ist dieser Augenblick. Und dieser Augeblick...und dieser Augenblick...und dieser Augenblick....

Und selbst das ist ein Etikett. Leben ist unsagbar.

Montag, 26. April 2010

Anthroposophie und ihr Schatten

Gerne gebe ich an dieser Stelle einen Wortwechsel mit dem Magazin MENSCHNKLANG wieder. Da ich in der Anthroposophie Zuhause bin, ist es mein Job in meinem Haus auch nach den Schatten zu schauen. Ich halte auch dort den „3-2-1-meins-Prozess“ für den Königsweg: „Face it, talk to it, BE it.“
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"Waldorfwelt - Heile Welt. Die Schatten der Waldorfschulen und was wir von ihnen lernen können!". So lautet der Titel eines Vortrages, den Sebastian Gronbach am Mittwoch in Mainz in der Waldorfschule halten wird. Nicht nur in seinem Buch „Missionen“ und einem Kinofilm über Anthroposophen, setzt sich Sebastian Gronbach kritisch mit seiner eigenen spirituellen Tradition auseinander.
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Wir sprachen mit dem Redakteur der Zeitschrift "info3" darüber, was eigentlich ein „Schatten“ ist. Und wir fragten ihn nach der dunklen Seiten der Anthroposophie. Weiter im Text bei MENSCHENKLANG...

Freitag, 23. April 2010

Ein Schlüssel zu wichtigen Lebensrätseln

„Vorläufig ist es nicht erlaubt, den Schleier, der über dieses Geheimnis gebreitet ist, hinwegzuheben...“ Den Schleier, den Rudolf Steiner (1861-1925) hier meint, ist der Schleier des Femininen und des Maskulinen. Rudolf Steiner bezeichnet ihn als „der Schlüssel zu wichtigen Lebensrätseln...und für alle Geheimwissenschaft von großer Bedeutung.“

Was damals nicht an der Zeit war, ist heute dringend notwendig. Wer bereit ist, sich dem Geheimnis des Femininen und des Maskulinen von einer neuen und manchmal erschütternden Perspektive zu stellen, wird mit ungeahnten Kräften gesegnet sein.

Die schlechte Nachricht: Die Not vieler Beziehungen, sozialer Prozesse und kultureller Missverständnisse wird nicht gewendet, wenn dieser Schlüssel zu den wichtigen Lebensrätseln achtlos liegen bleibt.

Die gute Nachricht: Es macht extrem viel Spaß sich diesem aufregenden Prozess zu stellen.

Das Problem: Du kannst nicht einfach darüber reden. Über „geistige Welten“ kann man Jahrzehnte schwadronieren – ohne jemals das Gewicht seiner eigenen Persönlichkeit in die Waagschale werfen zu müssen.

Sobald Du Dich aber mit wachem Geist und weitem Herz diesem Lebensrätsel zuwendest, spürst Du eine tiefe und persönliche Betroffenheit.

Du kannst versuchen sie durch schlaue Sprüche von Dir zu weisen. Du kannst sagen, „Ach, diese ganze Mann-Frau-Gerede...Hauptsache wir sind Menschen...“....aber Du spürst, dass Du eigentlich nur auf der Flucht bist.

Auf der Flucht vor Deinen besten Kräften. Auf der Flucht vor Deinem eigenen Lebensrätsel.

Ich bin sehr glücklich, mit Cordula Mears-Frei eine authentische und professionelle spirituelle Lehrerin an meiner Seite zu haben. Mit ihr werde ich auch in Zukunft Seminare und Workshops anbieten um diesen Schleier weiter zu heben.

Mit Euch. Als Frauen und als Männer.

Ich freu mich drauf.
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Großes Herz - Großer Geist.
Große Liebe - Große Freiheit.
Das Leben ist schön.
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Alle Zitate Steiner aus: GA11

Donnerstag, 22. April 2010

Niemandsrose


Als ich so da lag, da kam Niemand herein. Niemand setzte sich ans Bett und Niemand hielt meine Hand. Niemand wischte mir den Schweiss von der Stirn und gab mir zu trinken. Gelobt seist du, Niemand. Dir zuliebe will ich wieder blühen. Dir entgegen.

Niemand kommt immer näher, während ich gehe. Langsam aber sicher gehe ich und meine Hinterlassenschaft ist Erde für die Niemandsrose.

Wenn alles gegen mich spricht, dann spricht Niemand für mich.

Ich merke, wie ich immer mehr ein Nichts werde, immer schon war und bin. Bleibend. Blühend. Ich bin die Nichts-, die Niemandrose.

Seit meinem Verschwinden, kann mich Niemand sehen. Und schmecken. Der Geschmack erinnert an Meerwasser. Oder an Tränen. Je nachdem.

Ich werde Erde und Niemand knetet mich wieder aus Erde. Niemand bespricht meinen Staub. Niemand.

Gelobt seist du, Niemand. Dir zuliebe will ich wieder blühen. Dir entgegen.

Und auf meinen Blütenblättern liegt der Tau der Nacht. Und der Tau der Nacht erinnert an Meerwasser. Oder an Tränen. Je nachdem.

(Diese biografischen Notizen sind inspiriert von: „Psalm“ by Paul Celan.)

Mittwoch, 14. April 2010

Das Feminine

Heute will ich - nach einer weiteren tiefen Begegnung mit David Deida und meiner Frau - nur wenig sagen. Über das Feminine. Wenn Du ein maskuliner Mann bist und Du bist mit einer femininen Frau zusammen, dann solltest Du folgendes wissen: 90 Prozent der Gefühlsprobleme einer femininen Frau bewegen sie daher, dass sie sich nicht geliebt fühlt.

Wenn Du mit einer feminnen Frau streitest, stress und Ärger hast, dann stelle ihr (still und für Dich) folgende Frage: "Möchtest Du jetzt noch tiefer geliebt, oder noch besser analysiert werden?"

Du wirst die Antwort bekommen. Unmissverständlich.

Und wenn Du Dich fragst, wann die unaufhörlichen Forderungen, Proben und emotionalen Auf-und Abs Deiner femininen Frauen aufhören. Wenn Du Dich fragst, wann sie endliche zufrieden ist, dann kommt hier ein Geheimnis:

Es hört nie auf. Sie sind nie zufrieden. Das ist das Geheimnis. Und wenn Du mit ganzem Herzen vor allem anderen ein freier Mann sein willst, dann bist Du genau dafür unendlich dankbar.

Alles was Du tun kannst, ist in Deiner grundlosen Freiheit zu stehen. Unerschütterlich. Als ein Mysterium der Liebe.

Sonntag, 11. April 2010

Ist die Welle getrennt vom Meer?

Wenn Du kapierst, dass sich tief in Deiner Persönlichkeit, großartige überpersönliche Rätsel verbergen, die ganz viele Menschen betreffen, dann kann das Dein Bewusstsein enorm weiten.

Eigentlich gibt es gar keine singulären, persönlichen Probleme – wenn Du das erfahren kannst entspannt sich unglaublich viel und gleichzeitig erlebst Du eine machtvolle Verantwortung für wirklich alles.

Dein persönlichen Probleme werden leiser und plötzlich hörst Du wie die Kuh, der Baum, Dein Partner und der Kosmos in Dir ihre Stimmen erheben.

Sie meinen Dich ganz persönlich – Du bist gefragt: Wie lebst Du Deine Mission Mensch?

Es gibt auch kein persönliches Erwachen - wenn Du erwachst, dann verschwindet einfach die Getrenntheit von den Anderen.

"Die Anderen", das ist dann einfach ein weiteres Wunder, einer entstehenden und vergehenden Welle im Meer der Ewigkeit.

Ist die Welle getrennt vom Meer? Ist die eine Welle von der anderen Welle getrennt? Die sprudelnde Schaumkrone ist so völlig anders als der tiefe, ruhende Meeresgrund! Jeder einzelne Tropfen ein Universum für sich...Und doch: Sind Schaumkrone und Meeresgrund getrennt?

Die Antworten geben Dir ein erstes Gefühl von Erwachen zum Einen.

Mantra


Bevor DAS AUGE sehen kann, muß es der Tränen sich entwöhnen.

Bevor DAS OHR hören kann, muss es seine Empfindlichkeit verlieren.

Bevor DIE STIMME in der Gegenwart der Meister sprechen kann, muss sie die Kraft verlieren zu verwunden.

Bevor DIE SEELE in der Gegenwart des Meisters stehen kann, muss ihres Herzens Blut die Füße netzen.

(Anthroposophisches Mantram von Mabel Collins).

Samstag, 10. April 2010

Ganz werden. Ganz sein.

Gerade sitze ich über den letzten Vorbereitungen für meinen heutigen Vortrag bei der Alanus Hochschule. „Ganz werden. Ganz sein. Neue Aspekte durch Anthroposophie und zeitgenössische Spiritualität“. Was verdient eigentlich den Namen „zeitgenössische Spiritualität“?

Mein Lehrer, Rudolf Steiner, beschrieb einmal folgendes Bild: Stell Dir einen Berg vor: Unten beschäftigen sich die Materialisten, mit der Nase auf dem Boden klebend und erdsüchtig, mit der Materie. (Ken Wilber würde das die „Absteiger“ nennen.)

Dann sie mal nach oben: Ganz auf dem Gipfel recken sich die Theologen in den Himmel und sehnen sich als Erdflüchtige in den fernen Himmel. (Ken Wilber würde das die „Aufsteiger“ nennen.)

Und jetzt schau an, wo ich stehe: Hier – auf halber Höhe. Ich stehe zwischen Himmel und Erde. Ich kann von hier aus genau beobachten, was auf der Erde vor sich geht, habe einen festen Stand und bin in Beziehung zu allen lebendigen Wesen auf der Erde.

Und gleichzeitig kann ich in den Himmel greifen und fühle mich verbunden mit allen kosmischen Bewegungen.

Ich spüre – hier in der Mitte, hier zwischen Himmel und Erde – dass ich gleichermaßen ein vollkommenes himmlisches Wesen bin, wie auch ein werdendes Menschenkind.

Ich bin nicht von dieser Welt und dennoch ganz in der Welt. Ich bin 2 x 100 Prozent.

Ich bin das große Sowohl-als-auch-Wesen. Stünde ich nicht hier, würde das Universum langsam ausbluten und die Erde hätte nichts wohin sie aufstreben könnte.

Um den Himmel zur Erde zu bringen, muss ich nichts tun ausser reine, voraussetzungslose & vollkommene Ich-lose-Offenheit zu sein. Mit einem einzigen, großes, anstrengungslosen & ekstatischen Liebes-JA strecke ich dem Himmel meine Arme entgegen und lasse mich von dem beschenken was immer ist: Die Soheit jedes Augenblicks. Vollkommene Erleuchtung ist möglich im Moment radikaler Leerheit. Ich fühle: Ich bin ganz und gar vollkommen. Ich bin Leerheit, die erfüllt ist.

Und dann der Teil mit Blut, Schweiss & Tränen: Um die Erde zum Himmel zu bringen (was Steiner den „umgekehrten Kultus“ nennt, Wilber als „vertikale Erleuchtung“, und Andrew Cohen als „Erleuchtung als evolutionären Prozess“ bezeichnen würde), muss ich immer weiter werden, werden & werden...und ich werde Utopia nie erreichen...

Im Grunde bin ich immer ein krankes Mangelwesen – aber alles, wirklich alles verändert sich, durch die Erkenntnis, dass diese Unvollkommenheit, diese Vorläufigkeit meines Menschseins, gerade die Mission Mensch ausmacht.

Sein Leben als Mission zu leben, bedeutet für mich, dass man sich bei den Gefühlen der unausgeglichen Gegensätze, nicht länger schlecht, unreif und dumm fühlt, sondern gut, kraftvoll und zutiefst als glücklicher Mensch. „Du fühlst Dich unausgeglichen und voller Gegensätze? – Willkommen im Leben und herzlichen Glückwunsch! Du bist auf dem besten Weg, Deiner Mission zu entfalten!“

Um das wirklich zu begreifen, reicht es nicht, das nur zu denken. Du musst, Dich ergreifen und in der eigenen Aktivität spüren: „Ich bin der GEIST der sich ergreift.“

So fühle ich mich krank – auf eine gesunde Weise. Ich fühle mich unvollkommenen und das macht mich glücklich. Denn ich spüre in mir das WERDEN der ganzen Erde. Und ich werde am Ende an diesem Job kaputt gehen – ich werde sterben.

Und bis zum letzten Atemzug wird auch das Sterben ein Job sein, den ich aktiv vollziehe. So wird selbst das Sterben ein Lächeln auf meine Liebe zaubern: Denn ich werde nicht gestorben – ich sterbe. In das Leben ohne Gegenteil.
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Und mein eigener Tod, wird ein Ereignis im ewigen Leben – und dieses ewige Leben bin ich auch. Ich sterbe in mein eigenes Geheimnis.


Was verdient also den Namen „zeitgenössische Spiritualität“? Jede Spiritualität die zum menschlichsten Ort zwischen Himmel Erde weist - zur Mitte. Jede Spiritualität, die ihre Hütte auf halber Höhe des Berges baut.

„Eine Wegbeschreibungen, deren Gestus sich weder einem sich allem und jedem anpassenden Hinunter beugte und auch kein verklärendes Hinauf behauptete, sondern ein ständiges Dazwischen-Sein, zwischen Geist und Materie, Idee und Erfahrung, Egoismus und Altruismus provozierte.“ (Walter Kugler).

In diesem Sinne: Ganz werden. Ganz sein.

Donnerstag, 8. April 2010

Amen

„Was geschieht mit allen Gebeten und Gesängen, die um ein neues Morgen bitten? Was geschieht mit der Kraft, die hier generiert wird? Sie wird beantwortet. Sie tritt wieder ein in die Welt der Erscheinungen. Die Kraft wird eine Antwort aus den übergeordneten, bewussteren Ebenen des Lebens anziehen, sogar die Möglichkeit fördern, eine größere Bewusstheit zu erlangen. Das nennt man Schwingungserhöhung.“ (Thomas Hübl)

Wie kannst Du selber etwas zur Schwingungserhöhung beitragen? Dazu, dass sich die Entfaltung Deiner besten Vibrationen auf das ganze System überträgt? Wie kannst Du selber ein Schwingungskörper werden, von dem gute, heilsame & erregende Schwingungen ausgehen? Wie können wir in unseren Familien, mit Freunden, im Beruf, aber auch jetzt hier im Internet, die Schwingung erhöhen. Eine Schwingung, die unsere alten Strukturen öffnet und tief in unser gewohntes Leben eindringt?

Sei Dir zunächst dieser Tatsache bewusst, der Tatsache nämlich, dass Du schwingst und Schwingungen aussendest. In diesem Moment.

Wende Dich als nächstes den inneren Schwingungen, also Gedanken, Gefühlen, Haltungen ethischen Errungenschaft und auch nicht benennbaren Sehnsüchten in Dir zu, die Du selber als besonders wertvoll, evolutionär, aber vielleicht auch als fragil erachtest.

Vollziehe diesen Prozess so konkret wie möglich. Teile ihn mit anderen Menschen. Mache keine Privatangelegenheit daraus, denn gerade das ist es nicht.

Deine Schwingungen sind nicht Deine Privatsache. Sie kommen aus Dir, aber sie gehen über Dich hinaus. Du bist verantwortlich für das Höchste in Dir und das verpflichtet Dich dazu, das Beste von Dir weiterzuschenken.

Das Internet zum Beispiel ist eine Form, wie das Universum uns ermöglicht uns miteinander einzuschwingen. Natürlich können wir dieses Netz auch dazu nutzen, die konventionellsten Schwingungen zu teilen – aber das Internet ermöglicht es uns auch, die fragilen und zugleich heroischen, die höchsten und zugleich tiefsten Schwingungen zu teilen und somit zu verstärken.

Facebook-Freunde zum Beispiel sind nicht die schlechteren Freunde – Du kennst viele dieser Facebook-Freunde zwar nicht persönlich, doch es geht nicht nur darum, ob wir uns persönlich kennen. Oft behindert der feste und etablierte Persönlichkeits-Körper sogar, wenn wir unsere höchsten Gebete, unsere neugeborenen Empfindungen & und unser heiligsten und dennoch unsicheren Gesänge teilen wollen.

Gerade filigrane Schwingungen, werden von fernen Freunden oft besser wahrgenommen, als von Menschen, mit denen wir den Alltag teilen. Gebete schickt man zunächst zum fernen Himmel – auf dem langen Weg werden sie gereinigt und treffen in aller Klarheit in das Herz unserer Nächsten.

Alle Deine Gebete um einen neuen Morgen werden erhöht. Denn weder senden wir diese Gebete in ein totes Universum, noch sind wir davon abhängig, dass sie Gebete von übernatürlichen Wesen erhört und erfüllt werden müssen.

Die Gebete um einen neuen Morgen, sind selber Teil dieses Morgens. Die Sonne, die sich erhebt, wird aus dem Glanz unseres eigenen, klaren und liebenden Geistes aufgehen.

Wenn wir die noch fragilen Schwingungen, unsere höchsten Gedanken, tiefsten Gefühle und unser bestes Wissen und Gewissen teilen, mitteilen und dem Himmel schenken, erhebt sich daraus der neue Morgen.

Beten und singen wir so, als wäre Gesang und Gebet bereits die neue Wirklichkeit. Denn so sei es.

Amen.

Sonntag, 4. April 2010

Kollektives Leid & Erwachen

Muss man durch das Leid gehen um zu Licht zu kommen? Oft ist es tatsächlich so, dass Leid ein Teil des Weges zum Erwachen ist. Doch heute ist der Leidensweg ein Weg, den immer weniger Menschen gehen müssen. Das ist die vielleicht größte evolutionäre Leistung der Menschheit.

Betrachte einmal die letzten Tausend Jahre, dann wirst Du leicht erkennen, dass die Menschheit an einem Punkt angelangt ist, an dem sie als Kollektiv unfassbar viel und unfassbar tief gelitten hat.

Das Grauen und der Horror, das nackte Leid hat unendlich viele Namen. Ich brauche Dir keine Namen, Bilder, Kriege, Keller, Orte und Lager zu nennen, denn Du wirst selber – in diesem Moment, sofort und unmittelbar – Orte, Namen, Lager, Keller oder Kriege vor Deinem geistigen Auge auftauchen sehen.

Ich nenne kein konkretes Leid der Menschheit und dennoch erscheint sofort ein Teil der menschlichen Leidensgeschichte in Dir.

Das ist das kollektive Leid. Wir sind als Menschheit durch das Leid gegangen. Wir sind verbrannt, gesteinigt, vergast und gefoltert worden. Wir sind in Keller gesperrt, vergewaltigt und missbraucht worden.

Je bewusster und mitfühlender wir sind, desto stärker lebt in uns auch das Kollektive.

Wenn Du bewusst die Leidengeschichte der Menschheit mitleidest, kannst Du ganz individuell an der vielleicht größte evolutionäre Leistung der Menschheit teilhaben: Du erkennst zunächst in einem absolut individuellen und innerlichen Prozess den Sinn dieses Leides.

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Und dann ereignet sich etwas, was ein Akt der Gnade, fast ein Wunder ist: Das Leid hat seinen Sinn erfüllt und erkennst, dass es somit keinen Sinn mehr hat - Du kannst die Vergangenheit loslassen.
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Die Vergangenheit loszulassen – nicht vergeben, nicht bereuen, nicht verzeihen – einfach loszulassen, das ist der Punkt, wo Freiheit in Dir erscheint. Und ein tiefer Friede.

Anstelle von Vergangenheit erscheint ein Moment ohne Namen.

Anstelle Deiner alten Identität, die mit einer Story, mit Karma, mit Etiketten und Identifikationen zu tun hatte, erscheint ein unbenennbarer Moment von Freiheit – ein Augenblick ewiger Liebe.

Das Ich-Gebäude aus Vergangenheit und Zukunft bricht zusammen und jenseits aller Manifestationen erscheint ein fundamental einfaches Gefühl von Befreiung und Erlösung.

Und „von dem Moment an, in dem du wirklich etwas davon erlebst, was im Buddhismus Befreiung und im Christentum Erlösung genannt wird, hast Du kein Interesse mehr an Ideologien, Konzepten, Schlagwörtern. Auch nicht an deinen eigenen, denn du bist über dich selbst hinaus gewachsen. Befreiung und Erlösung bedeuten in erster Linier Befreiung und Erlösung von dir selbst.“ (Frank Meyer)
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Auch weil die Menschheit den Weg des Leidens gegangen ist, können sich immer mehr Menschen bewusst werden, dass für sie der Weg des Leidens nicht mehr notwendig ist. Nötigt uns das nicht eine tiefe Dankbarkeit und ein Ehrfurchtsgefühl ab?

Wenn wir uns als einzelne Menschen, mitfühlend und helfend dem kollektiven Leid aus Vergangenheit und Gegenwart zuwenden, öffnen wir uns als einzelne Menschen für die Gnade der Befreiung und Erlösung.

„Mitleid wird zu Freiheit“ (Steiner) und Freiheit ist in erster Linie die Freiheit von uns selbst. Nur aus Freiheit von uns selbst, kann die freie Freude erwachsen, auch andere Menschen zu befreien.

So lange, bis wir als Kollektiv erkennen, dass wir immer frei waren. Ohne Leid.

Freitag, 2. April 2010

An alle Hinterbliebenen (Thomas D)

Das hier geht an alle Hinterbliebenen,
an alle über den Tod hinaus Liebenden.
Das hier geht an alle Hinterbliebenen,
an alle über den Tod hinaus Liebenden.

An jene, die am Leben geblieben sind,
um Trauer zu tragen.
So wahr wir verschieden sind,
ich möchte euch sagen,
dass ich weiß, wie ihr euch fühlt.
Da wird der Boden unter Einem einfach weggespült,
wenn etwas Großes wie der Tod
sich durch das Leben wühlt
und dennoch dauert es Tage,
bis man irgendwas fühlt,
bis man verletzt am Boden liegt.

Was soll dich jetzt noch berühren?
Du hast verloren, was du liebst
und diese Leere lässt dich spüren,
dass du lebst.
Wie grotesk.
Wie verzehrt sich Liebe in Schmerz,
zerfetzt dich und bricht dir das Herz.

Und du zitterst und frierst und
dir ist kühl von innen
und du kriegst das Gefühl,
nei wieder lieben zu können.
Auf diese Ohnmacht folgt Wut,
die kaum Grenzen kennt.
Das ist die Liebe,
die in deinem Herzen brennt.
Und obwohl du sie kennst, die Zeit
und ihre Regeln,
steht das dem Leid dem Moment
nicht entgegen.
Also lässt du es zu,
und es dringt in dich ein.
Du wehrst dich nicht mehr,
du lässt es herein.

Und dann begreifst du,
wenn du daran nicht zerbrichst,
dann reifst du.
Und dann entdeckst du,
wenn du das überstehst,
dann wächst du.

An alle Hinterbliebenen.
Das hier geht an alle Hinterbliebenen,
an alle über den Tod hinaus Liebenden.

Damit ihr mit den Schmerzen nicht
allein seid,
mein Beileid,
aus tiefstem Herzen,
mein Beleid.
Und bis ihr von den Schmerzen befreit seid,
aus tiefstem Herzen, mein Beileid.

Damit ihr mit den Schmerzen nicht
allein seid,
mein Beileid,
aus tiefstem Herzen,
mein Beleid.
Und bis ihr von den Schmerzen befreit seid,
aus tiefstem Herzen, mein Beileid.

Das hier geht an alle Hinterbliebenen,
an alle über den Tod hinaus Liebenden.
Das hier geht an alle Hinterbliebenen,
an alle über den Tod hinaus Liebenden.

An jene, die am Leben geblieben sind,
um Trauer zu tragen.
So wahr wir verschieden sind,
ich möchte euch sagen,
keine Schmerzen dieser Welt können von Dauer sein
und keiner ist mit seiner Trauer hier allein.


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