Samstag, 10. April 2010

Ganz werden. Ganz sein.

Gerade sitze ich über den letzten Vorbereitungen für meinen heutigen Vortrag bei der Alanus Hochschule. „Ganz werden. Ganz sein. Neue Aspekte durch Anthroposophie und zeitgenössische Spiritualität“. Was verdient eigentlich den Namen „zeitgenössische Spiritualität“?

Mein Lehrer, Rudolf Steiner, beschrieb einmal folgendes Bild: Stell Dir einen Berg vor: Unten beschäftigen sich die Materialisten, mit der Nase auf dem Boden klebend und erdsüchtig, mit der Materie. (Ken Wilber würde das die „Absteiger“ nennen.)

Dann sie mal nach oben: Ganz auf dem Gipfel recken sich die Theologen in den Himmel und sehnen sich als Erdflüchtige in den fernen Himmel. (Ken Wilber würde das die „Aufsteiger“ nennen.)

Und jetzt schau an, wo ich stehe: Hier – auf halber Höhe. Ich stehe zwischen Himmel und Erde. Ich kann von hier aus genau beobachten, was auf der Erde vor sich geht, habe einen festen Stand und bin in Beziehung zu allen lebendigen Wesen auf der Erde.

Und gleichzeitig kann ich in den Himmel greifen und fühle mich verbunden mit allen kosmischen Bewegungen.

Ich spüre – hier in der Mitte, hier zwischen Himmel und Erde – dass ich gleichermaßen ein vollkommenes himmlisches Wesen bin, wie auch ein werdendes Menschenkind.

Ich bin nicht von dieser Welt und dennoch ganz in der Welt. Ich bin 2 x 100 Prozent.

Ich bin das große Sowohl-als-auch-Wesen. Stünde ich nicht hier, würde das Universum langsam ausbluten und die Erde hätte nichts wohin sie aufstreben könnte.

Um den Himmel zur Erde zu bringen, muss ich nichts tun ausser reine, voraussetzungslose & vollkommene Ich-lose-Offenheit zu sein. Mit einem einzigen, großes, anstrengungslosen & ekstatischen Liebes-JA strecke ich dem Himmel meine Arme entgegen und lasse mich von dem beschenken was immer ist: Die Soheit jedes Augenblicks. Vollkommene Erleuchtung ist möglich im Moment radikaler Leerheit. Ich fühle: Ich bin ganz und gar vollkommen. Ich bin Leerheit, die erfüllt ist.

Und dann der Teil mit Blut, Schweiss & Tränen: Um die Erde zum Himmel zu bringen (was Steiner den „umgekehrten Kultus“ nennt, Wilber als „vertikale Erleuchtung“, und Andrew Cohen als „Erleuchtung als evolutionären Prozess“ bezeichnen würde), muss ich immer weiter werden, werden & werden...und ich werde Utopia nie erreichen...

Im Grunde bin ich immer ein krankes Mangelwesen – aber alles, wirklich alles verändert sich, durch die Erkenntnis, dass diese Unvollkommenheit, diese Vorläufigkeit meines Menschseins, gerade die Mission Mensch ausmacht.

Sein Leben als Mission zu leben, bedeutet für mich, dass man sich bei den Gefühlen der unausgeglichen Gegensätze, nicht länger schlecht, unreif und dumm fühlt, sondern gut, kraftvoll und zutiefst als glücklicher Mensch. „Du fühlst Dich unausgeglichen und voller Gegensätze? – Willkommen im Leben und herzlichen Glückwunsch! Du bist auf dem besten Weg, Deiner Mission zu entfalten!“

Um das wirklich zu begreifen, reicht es nicht, das nur zu denken. Du musst, Dich ergreifen und in der eigenen Aktivität spüren: „Ich bin der GEIST der sich ergreift.“

So fühle ich mich krank – auf eine gesunde Weise. Ich fühle mich unvollkommenen und das macht mich glücklich. Denn ich spüre in mir das WERDEN der ganzen Erde. Und ich werde am Ende an diesem Job kaputt gehen – ich werde sterben.

Und bis zum letzten Atemzug wird auch das Sterben ein Job sein, den ich aktiv vollziehe. So wird selbst das Sterben ein Lächeln auf meine Liebe zaubern: Denn ich werde nicht gestorben – ich sterbe. In das Leben ohne Gegenteil.
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Und mein eigener Tod, wird ein Ereignis im ewigen Leben – und dieses ewige Leben bin ich auch. Ich sterbe in mein eigenes Geheimnis.


Was verdient also den Namen „zeitgenössische Spiritualität“? Jede Spiritualität die zum menschlichsten Ort zwischen Himmel Erde weist - zur Mitte. Jede Spiritualität, die ihre Hütte auf halber Höhe des Berges baut.

„Eine Wegbeschreibungen, deren Gestus sich weder einem sich allem und jedem anpassenden Hinunter beugte und auch kein verklärendes Hinauf behauptete, sondern ein ständiges Dazwischen-Sein, zwischen Geist und Materie, Idee und Erfahrung, Egoismus und Altruismus provozierte.“ (Walter Kugler).

In diesem Sinne: Ganz werden. Ganz sein.

Kommentare:

Christine G.B. Rau hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Frank Meyer hat gesagt…

Soviel steht fest - das hier ist ein ekstatischer Absteiger:
http://tinyurl.com/Absteigerman :-)

Werner (Thomas) hat gesagt…

Herr Gronbach,

Sie schreiben:
"Ich bin nicht von dieser Welt und dennoch ganz in der Welt. Ich bin 2 x 100 Prozent."

Wie verbinden Sie diese Dualität mit dem Monismus von Rudolf Steiner?
Ihr hier genanntes großes "Sowohl-als-auch-Wesen" ist keine Antwort auf meine Frage.
Das löst die Dualität nicht auf, sondern verschiebt sie nur.

Und Sie schreiben, dass Sie sich spüren als ein:
"vollkommenes himmlisches Wesen" und auch als ein:
"werdendes Menschenkind".

Wenn ich ein "vollkommenes himmlisches Wesen" bereits BIN, was ist dann nach Ihrem Verständnis das "werdende Menschenkind"?

Und dann schreiben Sie:
"Ich fühle: Ich bin ganz und gar vollkommen. Ich bin Leerheit, die erfüllt ist."

Dann wären wir also wieder bei dem ALLEINS und dem NICHTS.

Der Mensch ist LEERE, ist NICHTS, und das ALLEINS ist ALLES.

Die Mission des Menschen ist ja nach Ihrem Verständnis:
zu erkennen, dass die Menschen als Individualitäten nicht existieren, sondern lediglich eine Möglichkeit darstellen, damit sich das ALLEINS in ihnen erleben kann, um dann wieder in sich selbst zurückzukehren.

Der Mensch ist NICHTS - das ALLEINS ist ALLES.

Dass das die Nichtexistenz des Menschen bedeuten würde ist ja ganz eindeutig zu erkennen. Und was nicht existiert, kann ja auch nicht sterben. Der Tod, von dem Sie in Ihrem post schreiben, wäre also dann keine Realität, sondern eine Illusion.

Dass das nicht Inhalt der Anthroposphie ist, das ist ja wieder ganz offensichtlich.

Werner (Thomas) hat gesagt…

Hallo Christine,

wissen Sie, was bei Rudolf Steiner Inhalt des Begriffes ist:
der „umgekehrte Kultus“.
Und was bei Ken Wilber als:
„vertikale Erleuchtung“ bezeichnet wird.
Und was Andrew Cohen nennt:
„Erleuchtung als evolutionärer Prozess“.

Kennen Sie die Inhalte der jeweiligen Lehre so gut, dass Sie auch die Begriffe inhaltlich erfasst haben und diese vergleichen können.
Können Sie von sich aus sagen, dass die drei Begriffe deckungsgleich, also identisch sind?

Werner (Thomas) hat gesagt…

Herr Gronbach, Sie schreiben wieder so schön klingende Worte, wie:
"Um die Erde zum Himmel zu bringen ..., muss ich immer weiter werden, werden & werden...und ich werde Utopia nie erreichen..."

Und von einem "Werden", kann hier bei Ihren Auslegungen ja gar nicht gesprochen werden.
Nur von einem "Zurückgehen".

Das ist Inhalt Ihrer Lehre:
Zurück zum ALLEINS - ohne den Menschen.
Denn der wird auf dem Weg dahin geopfert.

Das Ziel wird er nie erreichen ...

Stefanie hat gesagt…

Hallo Werner(Thomas),
heute habe ich in meinem blog ein Gedicht von Ernst Jandl benutzt.
Ich schreibe es Ihnen mal hin:

wir sind die menschen auf den wiesen/
bald sind wir menschen unter den wiesen/
und werden wiesen, und werden wald/
das wird ein heiterer landaufenthalt


Ich kann nun die Position einnehmen (beim Lesen des Gedichts) eines Materialisten und sage dann: Ja, Herr Jandl, so sehe ich es auch, der Mensch lebt eine Weile und dann zerfällt er wie alle Materie.-
Ich kann aber auch etwas von grüner Lebenskraft wissen, die der Mensch, die Wiese und der Wald gemeinsam haben; ein Lebensbereich, "ein heiterer landaufenthalt".
Drittens: Ich kann die Frage haben und habe sie auch, wer mich gestern dazu gebracht hat, ausgerechnet dieses Gedicht auszuwählen. In meinem Umkreis gibt es eine Frau, die in ihrem irdischen Leben den Namen Wiese trug. Ich habe sie im Verdacht...

So gibt es sicher noch unzählige Positionen, aus denen heraus ich diese hingestellten Worte anhören kann.

Für mich ist dieses Gedicht Anthroposophie, Weisheit vom Menschen. Und der einzige, bei dem ich mich für diese mögliche Zumutung entschuldige, ist Ernst Jandl.

Vor etwa einer Stunde habe ich den Vortrag Rudolf Steiners vom 20. April 1924 in GA 233a gelesen. Da hatte ich noch nicht hier im blog diesen post gesehen. Lesen Sie mal darin von der Mondengeburt und der Sonnengeburt des Menschen. Das sind für mich z.B. die 2x100 Prozent, Notwendigkeit und Freiheit, sowohl als auch; befreiende Sonnenkräfte, die in sich Impulse haben, die mondigen Notwendigkeiten zu zerschmelzen; das kranke Mangelwesen, das von der Sonne (oder dem Christus) die Kraft bekommt, das Kranke zu sehen, zu bejahen.

Ich erlebe kein pauschales Alleins, sondern jeden auf seinem Platz ringend, den einen luftiger, den anderen schwerer; das ist ja wieder das Mondgepäck.
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Ich hatte einige Jahre zu einem Menschen eine ähnliche Beziehung, wie ich Sie an Ihnen gegenüber Sebastian Gronbach erlebe: Dieser Mensch konnte sagen, was immer er wollte (und er war in einer öffentlichen Position), ich fand es immer falsch und vermittelte es jedem, der es hören wollte oder nicht, dass es eine Unmöglichkeit sei, was und wie dieser Mensch das und das tue. Jetzt nach Jahren kann ich zurückblicken und sagen: Er tat seine Dinge, wie er sie tat, und sie waren nicht besser oder schlechter als andere. Es ging ihm umgekehrt mit mir genau so, wie sich später herausstellte. Wir waren ein rotes Tuch füreinander, das wir zunächst ziemlich verknoteten (oder schon verknotet vorfanden) und aus dem wir nun nach einigen Jahren eine ganz passable Schleife gebunden haben.

Ich kann als nicht persönlich Betroffene und doch Betroffene an Ihren Kommentarreaktionen meine damaligen Verhaltensmuster wiedererkennen.
Finden Sie doch mal eine winzige Spur auch Ihrer Anthroposophie in diesem post, das hilft vielleicht.

manroe hat gesagt…

Vielleicht hat ja der Frank Meyer gar nicht so Unrecht mit seinen Empfindungen, die in untenstehendem Filmchen so rüberkommen: Denn DER ist ja auch gerade am Absteigen, der Filmheld hier und braucht seine Vorbereiter(?) →bitte klicken → Achtung, er kommt --- und die Art seiner Ekstase, an der man ihn auch erkennen kann, kommt dem, was ich bei Steiner darüber so gelesen habe, recht nahe.

Aber auch völlig unabhängig davon würde ich jene Ekstase als eine NICHT förderliche erleben. Und von zeitgemässen Anthroposophen würde ich und tue es weiterhin, erwarten, dass sie zu beschreiben versuchen, woran man ihn heute erkennen könnte, den, dem man gerne in Scharen hinterherläuft.

Das sind wirklich aufrichtige Fragen die ich hier habe und die ich schon lange verfolge, begleite.
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"Mein Lehrer, Rudolf Steiner, beschrieb einmal folgendes Bild:" -- DAS ist zumindest sprachlich völlig falsch dargestellt! Er war NICHT Dein Lehrer, sondern Du hast bei ihm vielleicht etwas gelernt!
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"Und jetzt schau an, wo ich stehe:" --- nicht einmal Steiner hätte sich SO ausgedrückt, weil, je näher man an der Wahrheit ist, desto bescheidenenr wird man, wenn man gesund sich entwickelt.

"Und gleichzeitig kann ich in den Himmel greifen und fühle mich verbunden mit allen kosmischen Bewegungen." --- mit allen kosmischen Bewegungen, mit allen(?) Wie blind muss ich sein, dass ich mich immer noch nicht vor Dir verneige. Einer von beiden zumindest scheint es zu sein, der in der wirklich wirksamen Innerlichkeit verschattet ist.(?)

"Ich bin nicht von dieser Welt und dennoch ganz in der Welt. Ich bin 2 x 100 Prozent." --- bestenfalls!!!! 1x100%, BESTENFALLS, der Rest mag vielleicht kommen ...
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Ansonsten verstehe ich schon, was Du hier beschreibst und meinst. Aber, wie gesagt, würdest Du es nicht nur meinen, würdest Du dies anders formulieren. Vielleicht überbewertest Du lediglich Deine Leerheitserfahrungen? Wirklich grosse Künstler, wirklich grosse, waren IMMER bescheiden.

Werner (Thomas) hat gesagt…

ichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum!

Liebe Stefanie,

so wie dieses Gedicht von Ernst Jandl, so kommt mir das meiste von dem Geschriebenen von Herrn Gronbach vor.
Nur der schreibt das nicht so bewusst verdreht, wie Ernst Jandl das tut.

Meine Interpretation der Sache, frei nach Ernst Jandl:
„kneiernzuck“ - „schtzngrmm“


Sie zitieren das Gedicht:

wir sind die menschen auf den wiesen/
bald sind wir menschen unter den wiesen/
und werden wiesen, und werden wald/
das wird ein heiterer landaufenthalt

Und Sie schreiben dazu:
"Für mich ist dieses Gedicht Anthroposophie, Weisheit vom Menschen."

Wenn das Gedicht von einem Anthropsophen geschrieben ist, dann mag man sagen: - ja!

Wenn das Gedicht aber von einem Atheisten geschrieben ist, dann sieht die Sache anders aus.

Und so wird es auch von einem Anthroposophen anders interpretiert, als von einem Atheisten.

Was wollte Ernst Jandl selbst mit dem Gedicht sagen?
Das ist hier doch ausschlaggebend.

Und so ist es auch mit der Anthroposophie.
Nicht wie sie interpretiert wird ist wichtig.
Dass sie erfasst und verstanden wird. Das ist das Wichtige.

Und wenn es eine wahre Anthroposophie gibt, dann ist der Inhalt für Sie der selbe, wie für mich und Herrn Gronbach.
Und wenn es keine wahre Anthroposophie gibt, dann brauche ich auch keine Interpretationen davon.

Stefanie, Sie raten mir:
"Finden Sie doch mal eine winzige Spur auch Ihrer Anthroposophie in diesem post, das hilft vielleicht."

Ich habe gesucht, aber nichts greifbares gefunden.

Und, wie oben schon gesagt, es geht mir nicht um meine Anthroposophie und um seine oder Ihre Anthroposophie, sondern um DIE Anthroposophie.

Und: vielen Dank für Ihre Gedanken und Anregungen. Sie werden nicht spurlos an mir vorübergehen.

Schwester hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Schwester hat gesagt…
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