Dienstag, 27. April 2010

Lebensläufe

Glaubst Du an Deinen eigenen Lebenslauf? Vermutlich hast Du auch ein Papier auf dem Dein Lebenslauf steht. Wo und wann Du geboren wurdest, auf welcher Schule Du warst und welche Abschlüsse Du erreicht hast. Dann vielleicht einzelne Stationen Deiner beruflichen Laufbahn und familiäre Daten, Zeugnisse und schließlich Deine postalische Adresse. Alles scheinbar eine logische Abfolge und eine bestimmte Ordnung.

Unser Lebenslauf ist die offizielle Version der Geschichte, wie wir von hier nach da gekommen sind. Diese offizielle Version unseres Lebens erzählen wir immer wieder und immer wieder. Anderen Menschen und uns selber.

Wir erzählen diese Version so lange, bis wir selber daran glauben.
....
Wenn wir dann unter spirituellen Freunden sind, erzählen wir eine weitere Version unseres Lebens. Wir erzählen von Krisen, von menschlichen Begegnungen und davon welche wundervollen Wendungen unser Leben immer wieder genommen hat. Wir erzählen davon, welche Bedeutung ein Buch, ein Lehrer oder eine Idee für unser Leben hatte. Vielleicht benutzen wir das Wort „Karma“ oder „Schicksal“. Als würde das etwas ändern...

Dann gehen wir zum Arzt und dort nehmen wir wieder eine neue Perspektive ein und erzählen unsere Krankengeschichte. Der Arzt nennt das Anamnese. Welche Bedeutung hatte diese oder jene Krankheit für unser Leben?

Wenn wir verliebt sind, dann schauen wir mit neuem Blick auf unser Leben: „Was wäre ich nur ohne Dich?“

An dieser Stelle wiederhole ich meine Frage: Glaubst Du an Deinen eigenen Lebenslauf? Oder anders: An welchen Deiner Lebensläufe glaubst Du?

Manche glauben daran, dass sie im Augenblick des Sterbens ihr ganzes Leben durch die Augen derjenigen Menschen sehen, die uns begegnet sind. Im Sterben würden wir dann fühlen, was „die Anderen“ fühlten, wenn sie mit uns zusammen waren. Ängstigt oder freut uns dieser Gedanke? Und: Sterben wir nicht unser ganzes Leben lang? Warum warten um durch die Augen „der Anderen“ zu schauen?

Oder wie wäre dieser Blick auf deinen Lebenslauf: Das göttliche Universum könnte nur das sehen, was in Deinem Leben wirkliche Liebestaten wären. Was würde bleiben von Deinem Lebenslauf?

Oder kannst Du Dir vorstellen, Deinen Lebenslauf durch die Augen des Glücks zu sehen? Wie viele Tage würden bleiben, wenn nur die glücklichen zählten?

Oder weitere Perspektiven: Wie rebellisch ist mein Leben? Gibt es einen Lebenslauf der Achtsamkeit? Wie heldenhaft verläuft mein Leben? Oder erzählen wir lieber eine Opferbiografie?

An welchen Lebenslauf glaubst Du? In welchen Lebenslauf steckst Du Deine Energie?

Meine These: Unter der Oberfläche unserer offiziellen Lebensläufe ist das Leben selbst. Wir können diesem Leben sowohl Bedeutung verleihen, als auch Bedeutung entziehen. Beides kann richtig sein.

Wir können dem Leben unendlich viele Etiketten ankleben – doch dahinter entzieht sich das Leben jeder Etikettierung. Was dann vom Leben bleibt, ist dieser Augenblick. Und dieser Augeblick...und dieser Augenblick...und dieser Augenblick....

Und selbst das ist ein Etikett. Leben ist unsagbar.

Kommentare:

manroe hat gesagt…

Ja, schöner Text Sebastian, der hätte auch von mir kommen können. Was mir fehlt ist der Umraum, in dem sich alles abspielt, der "Raum" in dem das alles da spielt von dem Du da schreibst und für wen das alles - und vor allem warum und wohin - ist. Das bezieht sich, so lese ich das, LEDIGLICH auf den Menschen, auf mich und Dich und alle anderen, mehr oder weniger. Ich bin der Ansicht, dass es bereits "Menschen", die man jetzt anders nennen müsste, gegeben hat, die das hier alles bereits hinter sich haben und mit größeren Pfunden "wuchern" können. Das, was Du zumeist schreibst, bezieht sich "NUR" auf uns Menschen. Sind Katzen denn auch Menschen und sie wissen es bloss nicht?? Was ist mit Tulpen? Ich will jetzt mal Engel etc. nicht erwähnen, möchte nur sagen, dass wir eben NICHT allein sind und NUR von Menschen umgeben.

Muss ein schöner Abend gewesen sein, auf dem Bild da :)

Avatar Devotee J. N. hat gesagt…

Ja, wir haben uns da sehr gepflegt mal die Kante gegeben...

Werner (Thomas) hat gesagt…

Herr Gronbach,

GLAUBEN Sie an Ihren Lebenslauf?

WISSEN Sie denn nichts davon?

Glauben Sie nur an den Weg, den der einst kleine Junge vom Kaulquappenteich zu info3 gemacht hat, nur weil Sie sich das immer wieder und wieder gesagt haben?

Haben Sie kein WISSEN davon?

Und:
Anthroposophisch gesehen gibt es ja EINEN Lebenslauf der sich zwischen Aufwachen und Einschlafen abspielt und EINEN Lebenslauf, der sich zwischen Einschlafen und Aufwachen abspielt.

Wie sehen Sie das mit Ihrer Erfahrung als Erleuchteter.

Können Sie das bestätigen?

Oder ist das für Sie auch so etwas Unwirkliches wie die geistigen Wesenheiten Luzifer, Ahriman und Christus?

Basti hat gesagt…

Ja, Leben ist un-sagbar, aber Sagen ist Teil des Lebens.

Ja, Leben ist nicht der Lebenslauf, aber der Lebenslauf ist Teil des Lebens.

Leben ist weniger dahinter, Leben steht darüber, Leben umschließt es, alles.

Beschreibungen, Gespräche, Lebensläufe, Momente, Beziehungen, Lachen, Weinen, Krieg, Frieden, auch das "Jetzt", der Augenblick, einfach alles das ist, ist TEIL, ist INHALT des Lebens.

Auch der Lebenslauf. Das ist seine Berechtigung. Er ist Teil. Teilsein.

Auch wir Menschen, wir sind Teil des Lebens.
Puzzelteil, und wie ich persönlich finde -> tolles Puzzelteil.

Werner (Thomas) hat gesagt…

Herr Gronbach,

am Ende dieses posts schreiben Sie:

"Leben ist unsagbar."

Wozu reden Sie dann darüber?

Und über was reden wir dann, wenn wir vom "unsagbaren Leben" reden?

Vom unsagbaren Lebenslauf?

Seltsam, seltsam ...

Werner (Thomas) hat gesagt…

Basti!

"tolles Puzzleteil."

Vorgeformtes, eingepasstes, unbewegliches Teil?

Oder lebendiges, freies, eigenständiges Puzzleteil?

Oder gar selbst Puzzle neben anderen Puzzles in einem großen Puzzle?
Beweglich, lebendig, wachstumsfähig, entwicklungsfähig.
(So etwa stelle ich mir das vor)

Ja, könnte man da natürlich sagen: Wo kämen wir da hin, wenn jedes Puzzleteil gerade machen würde was es wollte?

Dieser Gedanke könnte wirklich Angst machen.

Wenn die Teile aber wirklich frei und eigenständig wären und zudem noch liebevoll und verantwortungsbewusst wären, dann hätten wir ganz sicher ein wunderschönes Puzzle.

Oder?

JANET hat gesagt…

enjoy :o)

http://www.youtube.com/watch?v=sKKl1bybZKg

Conny hat gesagt…

Des Menschen eigener Werdegang ist eben nur zu begreifen, wenn man in Betracht
zieht, daß er mit Wesen zusammen sich entwickelt, deren Bewußtsein in anderen
Welten, als seine eigene ist, liegen. Was sich in seiner Welt abspielt, hängt von
solchen Wesen anderer Bewußtseinsstufen mit ab, kann daher nur in Verbindung damit
verstanden werden. 11.140

Bernhard Albrecht hat gesagt…

@ Sebastian

Wir müssen nicht warten, bis wir am Ende unseres Lebens durch die Augen des anderen Menschen auf unser gegenwärtiges Leben zurückschauen können.
Dies können wir in jedem Augenblick unseres Lebens tun, wenn wir "erwachend am anderen Menschen" auf gegenwärtige Situationen unseres Lebens hinschauen, sie erlebend uns vergegenwärtigen wollen.
Einzig die Angst kann uns daran hindern nicht in diese Augenblicke hineinzugehen und sie uns erlebend zu vergegenwärtigen, sie für die weiteren Lebensschritte fruchtbar zu machen.
Dies Angst allerdings tritt auf die vielfältigste Weise bestens maskiert auf und das gerade dort, wo wir sie überhaupt nicht vermuten.
Wer weis, vielleicht ist es gerade das Bier, dass Du Dir mit anderen zusammen genüsslich hereinziehst, das Dich just von der Möglichkeit tieferen Erwachens am anderen abzieht. Bier und Erwachen muss sich nicht ausschliessen, aber es will, muss ein jedes auf seine Weise für sich beobachtend erfasst und in seinen jeweiligen Konsequenzen erlebend weitergeführt werden.
Kennst Du diesen inneren Tätigkeitsvorgang nicht, den aus meiner Sicht Mensch immer wieder in Gang setzt, um sich durch diverse Verschleierungen das Leben zu vereinfachen, für den gegenwärtigen Augenblick erträglicher zu gestalten?!
Erleuchtung ist kein Garant dafür, dass derartige Ausflüchte nicht mehr geschehen, im Gegenteil, sie werden gerade dann erst wirklich virulent.

Bernhard Albrecht