Donnerstag, 17. Juni 2010

Unsere Wahrheit

„Sebastian, wenn Du als spiritueller Diensteister etwas zum Erwachen beitragen willst, muss Du die Menschen dort abholen wo sie sind.“ Das ist ein gut gemeinter Ratschlag – allerdings ein fataler. Und doch befolge ich ihn bisweilen. Warum? Nicht aus Liebe zur erwachten Wahrheit. Sondern weil ich in der Tradition der Anthroposophie stehe und die liebt etwas anderes noch mehr, als die Wahrheit.

Wenn einem das spirituelle Erwachen und der Fortschritt der Menschheit am wichtigsten sind, dann darf man die Menschen nicht abholen wo sie sind. Man muss sich dort mit ihnen treffen, wo wir bereits immer schon alle wach sind. Und sich an diesen Ort zu begeben, kann sehr stressig sein. Und man darf nicht zimperlich sein. Manchmal muss man vielleicht sogar ein harter Hund sein.

Menschen freundlich dort abzuholen wo sie sind, heisst, sich mit ihnen schlafen zu legen. Es sieht sehr friedlich aus - aber es ist kein Friede, sondern Kapitulation.

Der Teil der Anthroposophie, den ich als gescheitert betrachte, ist der Teil der zum Erwachen hätte führen können.

Das ist misslungen – letztlich, weil Steiner die Menschen dort abholte, wo sie standen. Wir stehen immer da, wo unsere Seele steht. Wir können nicht weiter blicken, als die Aussicht, die unser Seelengipfel uns gewährt. Unsere Seele entwickelt sich und wächst. Und je nach Entwicklungsgrad, braucht sie andere Impulse um weiter zu wachsen.

„Die Seele hat eine ganz bestimmte Gesetzmäßigkeit. Sie muss in einer bestimmten Richtung wirken, um über sich hinaus zu schaffen. Auf der mythologischen Stufe tut sie das in Bildern; aber diese Bilder sind nach Maßgabe der Seelengesetzmäßigkeit gebaut“, so Steiner.

Und so malte Steiner eben Bilder – nach Maßgabe der Seelen seiner SchülerInnen. Mythologische Bilder. In der Hoffnung, die Seelengipfel würden wachsen. Was vor allem wuchs, dass waren die Bilder. Irgendwann verstellten sie als Vorstellung die Sicht auf das Reich ohne Horizont.

Während die Anthroposophie auf der geistig-esoterischen Seite verwelkte, wuchs und gedieh sie auf der Seite des alltäglichen Lebens.

Oder anders: Da wo Menschen leben, da entfalteten sich die schönsten Blüten dieses spirituellen Impulses.


Keine andere spirituelle Bewegung der Neuzeit, hat so viele schöne, vielfältige und heilsame Lebensblüten nach aussen erschaffen, wie die Anthroposophie.

Vielleicht nicht obwohl, sondern gerade weil sie auf die erwachten Blüten im Inneren-geistig-esoterischen verzichtet hat. Manchmal reicht die Kraft nur für eine Mission.

Während die Mission anderer spiritueller Lehrer und Meister das Erwachen, des reinen Geistes und das Bewusstsein des Bewusstseins über alles stellt, ging Steiner dazu über, sich immer weiter zu den konkreten Menschen zu beugen:

Seelenpflegebedürftige Kinder gab er kleine Übungen mit großer Wirkung, für sozial benachteiligte Menschen entwickelte eine praktische Pädagogik, Bauern lehrte er den Boden mit den Sternen in Beziehung zu bringen, ringenden Künstlern verhalf er durch Vorbild und Nachahmung zu mutiger Innvoation, für Krebskranke hatte er Rezepte und auch wer an Durchfall oder Stottern litt, konnte darauf hoffen, einen hilfreichen Fingerzeig zu erhalten.

Steiners Mission hatte damit zu tun, dass er den Strom der kosmischen Liebe, nicht vornehmlich in Erkenntniswahrheit, sondern zunehmend in Menschenleben strömen lies. Auch und gerade, wenn diese klein, nicht perfekt, egozentrisch oder schwach waren.


Im Zweifel für den Menschen - so wie er ist. Im Vertrauen darauf, dass aus der Hingabe an das Gegebene, evolutionär-transformative Kräfte aufbrechen können.

Am Ende liebte er die Menschen mehr, als die erwachte Wahrheit. Und letztlich ist es das, was ich an der Anthroposophie schmerzhaft liebe.
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Mission Mensch.
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Wir lieben Menschen. Über alles. Das ist unsere Wahrheit.

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