Donnerstag, 9. September 2010

Eine Geschichte vom Sterben

Ich sprach einmal mit einer Frau, die über zehn Jahre Altenpflegerin in einem anthroposophischen Altenheim gewesen war. Sie ist selber eine Freundin der anthroposophischen Bewegung. Und sie erzählte mir diese Geschichte: Sie habe viele Menschen sterben sehen.

Sie habe Erfahrungen mit sterbenden Menschen aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen gehabt. Auch Erfahrungen mit sterbenden Anthroposophen.

„Niemand starb so schrecklich wie die Anthroposophen. Je mehr sie sich mit Anthroposophie befasst hatten, desto heftiger wurde ihr Todeskampf.

Es war ein Krampfen und ein Krallen an ihr Leben - und sie waren doch so alt geworden! Während andere Menschen irgendwann losließen, in den letzten Tagen mit dem Tod Frieden schlossen, lächelten und in Würde starben, dauerte der heftige Widerstand der alten Anthroposophen oft viele Tage.

Es war einfach entzeitlich mit zu erleben, wie sie nicht in den Tod gingen, sondern in den Tod gezerrt wurden.

Und seltsam: Zu Lebzeiten hatten gerade diese Menschen immer davon gesprochen, dass man über die Schwelle in die geistige Welt ginge. Sie hatten von Karma, von Christus, von Wiedergeburt und davon gesprochen, dass ihr individuelles „Ich“ nicht stürbe.

Ihr ganzer Kopf war voller Weisheiten über das Leben und die geistige Welt und den Tod. Und am Ende starb niemand so schrecklich...wie diese alten Anthroposophen.“

Kommentare:

Barbara hat gesagt…

Das wundert mich nicht. All diese feine Anthroposophiererei füttert doch fleissig das Ego und ist letztlich verkappter Narzissmus. Nichts ist wirklich (!) größer als "Ich". Wahre Hingabe sieht anders aus...

elke hat gesagt…

hallo sebastian
was willst du damit sagen??
auch elisbeth kübler ross und karlfried graf dürkheim haben sich sehr schwer getan mit dem sterben, beide haben sich viel mit dem danach beschäftigt - ist nicht immer jedes schicksal unergründlich und was wissen wir lebenden von dem, was das sterben "bewirkt"

Christine G. B. Rau hat gesagt…

... den Begriff 'die alten Anthroposophen' als Verallgemeinerung für einzelne Menschen zu benutzen und das auf der Aussage einer Person zu pauschalisieren, finde ich unfair; auch wenn ich ahne, dass es hier ja nicht um Fairness gehen soll, oder ?
... und das schreibe ich als 'glaubenssystem-freier' Mensch, der sich keiner bestimmter 'Richtung' unter- oder zuordnet ...
herzlich Christine

kuhkuhk hat gesagt…

Ja das könnte mir auch passieren, muss ich mal ganz ehrlich sagen.
Vielleicht ist der Hauptgrund, dass ich mich mit spirituellen Gedanken beschäftige, der, dass ich eine riesengroße Angst vor dem Sterben und dem Tod habe und diese irgendwie in Schach halten möchte.

Ich kann mir das so gut vorstellen, wie die alten Anthroposophen immer verzweifelter wurden. Hoffentlich war jemnd da, der ihnen Mut zusprach.

Aussen und Innen hat gesagt…

Hallo Sebastian,
ich habe bisher einige (wenige) Menschen begleiten dürfen bzw dabei geholfen und muss sagen, dass pauschale Aussagen überhaupt nicht greifen. Ich meine, Anthroposoph zu sein ist keine Garantie für irgendwas.

Eine Dame starb in einem Camphill, langjährige Mitarbeiterin in Rente, ein ganzer Zodiak von Freunden und einem Priester umgab sie, das Bildnis des Christus wünschte sie sich neben dem Bett zu stehen. Eine sehr würdige gefasste Frau, die ich mit einem Lächeln im Gesicht in Erinnerung habe inmitten der schweren Zeit.
Auch sonst ist der Ausdruck des Gefasstseins mit einer Gelassenheit und Freude das was mich am meisten beeindruckt hat. Wenn es bei mir selbst einmal soweit sein wird, hoffe ich dasselbe Glück wie sie zu haben und alles in Würde tragen zu können.

Dennoch: wenn du dich ein Leben lang mit Gedanken vom Tod trägst, macht es nichts, aber auch gar nichts "leichter"! Du wirst dir vielmehr immer klarer, worum es sich dabei handelt, und lernst nciht nur den Ernst und die Würde von Menschen, sondern auch des Todes kennen. Du lernst: der Tod setzt wahr und wahrhaftig eine Schlusspunkt. Derjenige Mensch, der du bisher warst, ist dann für immer gegangen.

Reinkarnation ist etwas sehr sehr ernstes! Eie großartige Leistung, etwas Neues schaffen zu können!

Barbara hat gesagt…

Ich erinnere mich, dass mir der (Kino-)Film über E. Kübler-Ross damals noch lange sehr schwer im Magen gelegen ist. Auch, weil eben sehr deutlich klar wurde, dass ein "sich mit dem Tod beschäftigen" auf diese Art, - intellektuell oder mit dem Tod der Anderen-, zwar inhaltlich vorbereiten kann, im Kern jedoch nichts, aber auch überhaupt nichts von seinem Schrecken nimmt, - dann wenn er zu einem selbst kommt.

Kann das auch aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen. Habe sehr früh mit Sterbebegleitung begonnen, dachte wohl insgeheim (bei allen anderen, durchaus lauteren Motiven), damit etwas "bannen" zu können, im Griff zu behalten, den Überblick wahren zu können. Jetzt aber, wo ich älter werde, altere, die Bedeutung des "nie wieder" mich ergreift, mir das Leben auch so schon einige Abschiede beschert hat, sieht die Sache schon anders aus. Damals war das einfach, jetzt erst fängt das große Bibbern an.

Gerade denen, die meinen im Griff zu haben, vorgesorgt zu haben, die das Leben in Verstehens- und Erklärungs-Systeme packen, die glauben zu wissen, die vor allem an die alleinige Macht des Wissens glauben, wird es im Tod und in der langen vorbereitenden Zeit davor ganz schön den Boden weg ziehen. Dann fängt entweder das Klammern an oder das Verdrängen oder die große Panik.

Denn: Wer bist du, wenn alles Wissen von dir fällt, auch das, was du über dich selbst angesammelt zu haben glaubst? Alle Selbstdefinitionen auf einmal nicht mehr zutreffen? Wenn auf einmal alles ganz anders ist, nichts mehr so vertraut (funktioniert), wie du es gewohnt warst?

Ich erlebe gerade ähnliches durch eine Krankheit, so wie ich es mir nie hätte vorstellen können, alles weg, alles anders. Auch alles neu: Da hilft nur Springen ins Unbekannte und Vertrauen. Hingabe. Und die sieht jedesmal anders aus, fühlt sich anders an, fordert anderes von mir. Auch in diesem Punkt ist nie wirklich eine sichere, alles garantierende Basis zu erlangen, auch wenn man es sich doch so gerne glauben machen würde. Nichts worauf man sich je ausruhen könnte. Nur das Wissen tief in innen drin, - hinter allem Wissen...

Barbara hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.