Freitag, 17. Dezember 2010

Die kosmozentrische Perspektive

Wie siehst Du Dich jetzt? Jetzt, wenn Du diese Zeilen liest? Ich meine nicht, welche Meinung Du von Dir hast. Ich meine Deine Perspektive. Siehst Du Dich von hinten? Von oben? Von der Seite? Oder siehst Du Dich gar nicht? Fühlst Du Dich eher von innen? Oder beides zusammen?

Kannst Du Dich – wie in einem Film – von aussen sehen und kannst Du Dich dabei gleichzeitig von innen fühlen? Wie nah steht die Kamera? Welche Perspektive hast Du auf Dich?

Anthroposophie ist einer von verschiedenen spirituellen Bewegungen, die mit solchen Fragen nicht nur temporär und theoretisch umgehen, sondern nachhaltig und praktisch.

Ich stelle mir jetzt vor es wäre ein Kameramann bei mir und ich stünde mit ihm über Funk in Verbindung. Ich hätte einen Bildschirm und könnte sehen, was er filmt. Ich würde ihm sagen, er solle mich mit einem Meter Abstand filmen – von allen Seiten. Nur ich wäre auf dem Bildschirm zu sehen. Nennen wir es mit einem integralen Wort die egozentrische Perspektive.

Und dann stelle ich mir vor, ich würde ihn bitten, soviel Abstand zu nehmen, dass (ausser mir) auch meine Familie, meine Freunde, meine Stadt und mein Land filmen würde. Ich stehe immer noch hier, aber auf meinem Bildschirm erscheinen alle die anderen Mitmenschen. Nennen wir es integral die ethnozentrische Perspektive.

Tritt der Kameramann jetzt (auf mein Geheiss) noch weiter zurück, nimmt er (ausser mir, meiner Familie, meinen Freunden, meiner Stadt und mein Land) zusätzlich auch noch alle anderen Länder, Völker und lebendige Wesen auf seine Kamera auf. Ich bin immer noch ganz bei mir, aber ich habe den ganzen Globus im Bewusstsein. Es ist eine globale Perspektive. Können wir noch einen Schritt weitergehen?

Schicken wir unseren Kameramann in das Weltall. Die Erde, die Planeten, Sonne, Mond und Sterne – alle sind auf unserem Schirm und in unserem Bewusstsein – ohne dass wir uns selbst und unsere Nächsten verlieren müssen. Wir sind gleichermaßen ausgedehnt und konzentriert. Wir entspannen uns in die Konzentration. Wir konzentrieren uns auf die Unendlichkeit. Nennen wir es die kosmozentrische Perspektive.

Die kosmozentrische Perspektive ist eine Perspektive der Gleichzeitigkeit von Weltenall und Seelengrund.

Sie hört das Pochen unseres eigene Herzens. Sie hört das Pochen des Herzens unserer Kinder, Freunde, Mitbürger und  Weltbürger. Die kosmozentrische Perspektive hört das pochende Herz jedes lebendigen Wesens und wenn Sterne so etwas wie ein Herz haben, dann hören wir aus dieser Perspektive auch dieses Herz. (Wie es wohl klingt?)

Wir fühlen in uns das ganze Universum. Und das Universum fühlt uns. Und wenn wir uns aus dieser kosmozentrischen Perspektive wahrnehmen, dann erwacht in uns eine spirituelles Selbstvertrauen: ES ist ICH. Und es ist richtig, dass ich hier bin. 

Wie handelst Du aus dieser Perspektive? Wie ernährst Du Dich? Wie hast Du Sex? Wie denkst Du? Wie bist Du Mutter oder Vater? Was ist Deine Ethik? Was ist Dir wirklich wichtig - aus kosmozentrischer Perspektive? 


ICH BIN in Weltenweiten -
und weit ist das eigene Sein -
Mein Auge ist der Himmelsraum -
Und der Lebensfäden(Nerven)Ende -
das sind die Sterne -
Die Sterne in meinem Weltenauge -
und meine Pupille ist der Mond -
Ich sehe - Ich sehe das Firmament -
Und ein Punkt -
ist das Firmament
Das Firmament ist meine Seele -
Meine Ich-tragende Seele.
Rudolf Steiner