Freitag, 10. Dezember 2010

JA

Sicherlich kennen Sie den wunderbaren Satz Rudolf Steiners über die wirksamen Erziehungsmittel: "Es gibt nur drei wirksame Erziehungsmittel: Furcht, Ehrgeiz und Liebe. Wir verzichten auf die ersten beiden." Und wenn Sie anthroposophische Einrichtungen kennen, dann werden Sie wissen, dass man - bei allen Schwierigkeiten - immer wieder neu bemüht ist, den Kindern diese Liebe zu schenken.

Die Betonung in diesem Satz liegt auf "den Kindern". Ich habe im vergangenen Jahr in keiner einzigen anthroposophischen Einrichtung diese Liebe zu den Kindern vermisst. Und wieder liegt die Betonung auf "den Kindern."

Auf eine seltsame Weise nämlich scheinen sich die LehrerInnen die ich kennen lernte, untereinander mit angezogener Handbremse zu lieben. Und wer mit angezogener Handbremse fährt, kommt nicht nur langsamer vorwärts, er verbraucht auch mehr Energie.

Und genau das schilderten mir die KollegInnen an vielen Schulen. Wenn wir mit den Gesprächen anfingen, gab es oft Klagen, es gab Wut, Frust und nicht selten das Gefühl, dass es an einer tiefen Verbundenheit fehlt. Auch die gemeinsamen, inneren Ziele schienen aus den Augen verloren zu sein. Nach einer längeren Zeit des Gesprächs kam hinter diesen Schilderungen etwas hervor, was ganz anders klang.

Der enorme Kraft- und Energieverlust sei oft mit dem Gefühl verbunden, dass man "sich den Brustkorb aufreißen möchte, um endliche frei lieben zu können."

Jeder dieser Menschen war schon einmal von Eltern (im Stress) oder von KollegInnen (im Stress) verletzt worden. Und so begannen sie sich zu schützen - nur zu verständlich. Aber was sie nun allmählich fühlten, war, dass wir uns nicht gleichzeitig schützen und lieben können. Das geht einfach nicht. Wir können nicht ein bisschen lieben und uns dabei ein bisschen vor Verletzungen schützen. Wir fühlen uns immer enger, stumpfer und immer weniger lebendig.


Wenn Rudolf Steiner auf die Erziehungsmittel Furcht und Ehrgeiz verzichten wollte und alleine auf die Liebe setzte - könnte das nicht auch für uns Erwachsene gelten? Aber wie soll das gehen? Natürlich ist das kompliziert - aber es ist auch einfach.

Einfach ist es, wenn wir uns erlauben dies zu fühlen:
Das, was die Zusammengezogenheit unseres Herzens fühlt, ist frei von Zusammengezogenheit. Das was Wut und Verzweiflung fühlt, ist frei von Wut und Verzweifelung. Das, was Schmerz und Frust fühlt, ist frei von Schmerz und Frust. Das, was Angst fühlt, ist frei von Angst. Und das, was frei ist, kann einfach und bewusst JA sagen. Auch zu der Wut, der Angst und dem Schmerz. In diesem bewussten JA findet alles seinen Platz.

Leben mit offenem Herzen ist nicht leicht - aber es ist die einzige Art wirklich lebendig zu sein.

Und das bedeutet letztlich zu lieben. Und das ist für uns das einzige Mittel, auf welches wir in unserer Selbst-Erziehung niemals verzichten dürfen - bei allen Verletzungsrisiken: Das offene Herz. Die Liebe. Das bewusste JA.