Am Wochenende war ich auf einer so genannten „Monatsfeier“. Eine Monatsfeier ist ein Fest in einer Waldorfschule, welches alle paar Monate gefeiert wird. Die einzelnen Klassen führen sich gegenseitig Ausschnitte aus der künstlerischen Arbeit vor. Jeder zeigt wo er gerade steht.
Ich erinnerte mich an meine Waldorfschulzeit und die Monatsfeiern: Als Erstklässler konnte ich kaum glauben, dass ich später mal mit tiefer Stimme, spannende Balladen auf der Bühne sprechen würde – so wie diese riesigen Zwölftklässler. Ich sah nicht nur die erste, zweite,...elfte, zwölfte Klasse. Ich sah meine eigene Zukunft.
Als Sechstklässler war ich erstaunt, wenn ich die Erstklässler sah und bemerkte, wie viel weiter ich nun schon war – und gleichzeitig sah ich, wie weit ich noch zu gehen hatte. Als Zwölftklässler dann, blickte ich nicht nur auf die Mitschüler der Klassen Eins bis Elf, ich blickte in meine eigene Vergangenheit.
...
Ich sah die Richtung meiner Entwicklung und ahnte was ich heute weiss: Evolution = Entwicklung + Richtung.
Als Zwölftklässler konnte ich mich noch an die Erstklässler-Perspektive erinnern: Sie war damals nicht besser oder schlechter, aber sie war enger.
...
Als Zwölftklässler hatte ich eine höhere, weitere und umfassendere Perspektive. Ich war nun der Erstklässler plus der Zweitklässler, plus der Drittklässler....plus der Elftklässler.
Als ich jetzt wieder in der Monatsfeier saß, kam mir ein Wort in den Sinn, welches im spirituellen Kontext immer wieder gesagt wird. Das Wort heisst „Überwinden.“ Oft höre ich Menschen sagen „dass haben wir doch überwunden“ und es klingt nach „das ist doch etwas niederes, das habe ich nicht mehr nötig, das habe ich hinter mir gelassen, das betrifft mich nicht mehr, ich bin weiter“.
...
Hatte ich als Zwölftklässer in diesem Sinne die elf Klassen überwunden? Hatte ich mein „inneres Kind“ sitzen gelassen und war nun weitergegangen? Ich sehe das anders.
Überwinden ist nicht ausschließen, abspalten, verdrängen oder hinter sich lassen. Überwinden im guten Sinnen bedeutet, dass ich mein So-Sein auf einer bestimmten Entwicklungsstufe umarme und dann auf eine umfassendere Ebene mitnehme und es dort neu verstehe. Überwinden bedeutet, dass ich alles in meinem bewussten Herz nehme was ich war und bin. Mein bewusstes Herz transformiert alles.
Überwinden bedeutet, dass ich mein bewusstes Herz immer weiter öffne.
...
Überwinden ist immer zuerst Integrieren und erst dann Transzendieren.
....
Wenn ich mich nicht einmal liebevoll meinem inneren Kind zugewendet habe, es verstehe und umarme, dann wird dieses Kind in mir immer nur eines tun: Es rennt mir hinterher und will Zuwendung, Verständnis und will in den Arm genommen werden. Erst dann beruhigt es sich und lässt mich frei. Das dachte ich, als die Schüler auf der Waldorfbühne standen.
Und ich dachte noch etwas: So unterschiedlich die verschiedenen hierarchischen Lebensstufen und konzentrischen Entwicklungsringe auch sind, so verschieden jedes dieser Kinder auch ist – etwas ist gleich: Das Leuchten in den Augen. Es ist ein und dasselbe Leuchten, welches auch damals in meinen Augen leuchtete. Es ist ein und dasselbe Leuchten aus allen Wesen.
Es ist das selbe Leuchten, welches jetzt beim Schreiben in meinen Händen pulsiert. Und es ist ein und dasselbe Leuchte, welches in diesem Augenblick aus ihren Augen heraus diese Zeilen liest.
Dieses Leuchten ist ohne Entwicklung. Es wird nicht mehr oder weniger. Es ist. Das ist ALLES.
Die Liebe ist nicht stückweise hereingekommen in die Welt.
Sondern es strömt die Liebe als eine Art Gabe der Gottheit herein in die Menschheit.
Die wahre Liebe ist nicht fähig der Verminderung oder der Vermehrung.
Als fertig abgeschlossenes fließt die Liebe in die Menschheit;
der Mensch aber kann nach und nach den Impuls aufnehmen.
Rudolf Steiner
...
Wenn wir öffentlich meditieren, dann sind wie dieses Leuchten.
Wir sind einfach da. Wir sind. Das ist ALLES.