Montag, 14. März 2011

Ohr der Menschheit

Soll ich? Oder soll ich nicht? Spätestens seit den apokalyptischen Bildern aus Japan und auch schon bei den Schlachtszenen aus Libyen, bin ich unsicher. Soll ich als Anthroposoph weiter fröhlich die Geburtstagsfeiern zum Steiner Jahr kommentieren, oder aus anthroposophisch erweiterter Perspektive auf das blicken, was die Welt in Atem hält? Möglicherweise ist ein dritter Weg angemessen. 

Ich sage absichtsvoll „möglicherweise“, denn darin liegt für mich bereits der dritte Weg. Durch dieses Wort bewahre ich mir etwas, was ich mir als Schüler Rudolf Steiners hart erarbeitet habe: Mein Ungewissheit. Den bisweilen pausbäckig vorgetragenen Gewissheiten über spirituelle Wahrheiten, Wesen und politischen Konsequenzen, möchte ich in diesen Tagen die Ungewissheit entgegensetzen. 

Was ist heute das Richtige? Ich weiss es nicht! Ich erlaube mir, für einige Zeit das vollumfängliche Gefühl des Nichts-Wissens zuzulassen. 

Ich hüte mich einerseits davor, das Leid der Welt zu verdrängen und in eine heile Welt zu flüchten. Andererseits entsage ich der panischen Verfolgung jeder neuen Nachricht – und auch vor Flucht in politischen Aktionismus hüte ich mich. 

Es bleibt ein Nicht-Wissen. 

Ein Erleben des Schicksals, ohne sich an Rettungsringen aus Wissen zu klammern, eine Erleben des Schicksals ohne die feuerfeste Kleidung aus vergangenen Urteilen, ein Erleben des Schicksals ohne konditionierte Grundlagen unter den Füßen. 

Wie fühlt sich das an? Nicht mal das kann ich mit Sicherheit sagen – und doch verändert sich mein Verhältnis zu Schicksal & Welt: Mein „Ich“ verliert seine gemauerte Festigkeit. Dies führt dazu, dass ich Welt nicht länger als widerständiges Gegenüber erfahre. Ich stoße mich nicht mehr an der Welt und mein „Ich“ zerschellt nicht am Schicksal. 

Ich kann nicht mal mehr sagen, ob dieses „Ich“ ein Zentrum in mir ist, oder ob es jenseits des Kosmos lebt. Einerseits offenbart sich mir durch meine Sinne das Schicksal der Welt – in diesen Tagen im wahrsten Sinne des Wortes eine „Offenbarung“ – andererseits steigt das, was ich als mein „Selbst“ erlebe nicht nur aus meinem Inneren auf. Dieses Selbst steigt mir aus der Sinnenswelt auf. 

Ich finde mich selbst im Schicksal wieder.

Und wenn ich nach Libyen oder Japan schaue und in diesem Sinne das Echo eines Steiner-Wortes im Herz höre, wonach ich mich in der Welt finde und die Welt sich in mir selbst findet, dann scheint es mir mehr als angemessen, eine Weile ehrfürchtig und blass in diesem Ungewissen zu verweilen. 

Wenn Menschen-Ich und Welten-Ich nichts grundsätzlich verschiedenes sind, sondern aus der EINEN Substanz, dann ist jetzt vielleicht der Augenblick, einen Moment im Nicht-Wissen zu schweigen und zu lauschen. 
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Ich weiss nicht, ob ich die richtigen Wort gefunden habe – eher war es so, dass die Worte mich gefunden haben. Vielleicht ist das die Ahnung, die aus dem schweigenden Nicht-Wissen aufsteigt. Vielleicht steigt aus dem bodenlosen Ungewissen dieser Tage, ein tiefers Wissen auf:

Mensch, lass eine Weile das Suchen und Reden los und vertraue lauschend auf die Gnade des Gefunden-Werdens.

Vielleicht sehen wir uns in diesem Sinne in den nächsten Tagen:

- DRESDEN: 150 JAHRE RUDOLF STEINER: VIVA ANTHROPOSOPHIA!
150 Jahre Rudolf Steiner bedeuten nicht nur einen neuen Schritt nach außen in die öffentliche Wahrnehmung. Auch die Herausforderung einer eigenständigen Aktualisierung des spirituellen Weges, den Anthroposophie im Kern bedeutet, stellt sich heute neu. Der Vortrag im Dialog mit Sebastian Gronbach lädt dazu ein den Alltag zum ALL-Tag zu transformieren.
KulturHaus Loschwitz, Dresden, Friedrich-Wieck-Str.6, Mittwoch, 16. März, 20 Uhr

- LEIPZIG: RUND UM STEINER: DAS JUBILÄUMSPROGRAMM ZUR BUCHMESSE
Steiner ist noch lange nicht vorbei: Er wird zusehends unbequemer, radikaler und notwendiger. 150 Jahre Rudolf Steiner ist für die anthroposophischen Verlage eine Herausforderung, Ihnen diese schillernde Persönlichkeit in ihren verschiedensten Facetten näherzubringen. Sie werden sehen: Steiner bringt atemberaubend frischen Wind. Gespräche mit Sebastian Gronbach, vielen  verschiedenen Menschen, Veranstaltungen und Impulse und Rudolf Steiners Lieblingsessen. Herzlich Willkommen zur Leipziger Buchmesse!

- MÜNSTER: MISSION MANN – GEISTIGE ASPEKTE DES MANNSEINS
Anthroposophie ist eine spirituelle Bewegung die nicht vor der Welt flüchtet, sondern die Welt verwandelt. Der Weg zum erwachten Menschen führt nicht an unserer konkreten Geschlechtlichkeit vorbei, sondern mitten hindurch. Was bedeutet das für den Mann von heute. Um eine vertrauensvolle Atmosphäre unter Männern zu ermöglichen sind Frauen an diesem Abend ausnahmsweise nicht eingeladen. Vortrag im Dialog von Sebastian Gronbach.
Dienstag, 22. März, 19 Uhr, Gesundheitshaus Münster, Gasselstiege 13, Münster

- KÖLN: MISSION MANN – GEISTIGE ASPEKTE DES MANNSEINS
Anthroposophie ist eine spirituelle Bewegung die nicht vor der Welt flüchtet, sondern die Welt verwandelt. Der Weg zum erwachten Menschen führt nicht an unserer konkreten Geschlechtlichkeit vorbei, sondern mitten hindurch. Was bedeutet das für den Mann von heute? Ein Abend für Männer. Frauen sind willkommen. Vortrag im Dialog von Sebastian Gronbach.
Samstag, 26. März, 20 Uhr, Buchhandlung Stein Köln, Berrenrather Straße 203