Donnerstag, 28. April 2011

Das Sakrament der unpersönlichen Begegnung

Wenn Du eine Liste mit Deinen drei persönlichsten Wünschen und eine Liste mit Deinen drei persönlichsten Ängsten erstellen würdest, dann könntest Du nach genauer Betrachtung einen befreienden Schock bekommen. Denn Du würdest feststellen, dass Deine persönlichsten Empfindungen und Erfahrungen gänzlich unpersönlich sind.

Um das zu erkennen, nimm einfach den Dir höchst möglichen Standpunkt ein und betrachte Deine persönlichen und scheinbar ganz eigenen Gedanken und Empfindungen.

Und jetzt schau auf die Menschen rechts und links von Dir. Wenn Du genau hinschaust, wirst Du sehr ähnliche, gleiche und letztlich in ihren Mustern identische Wünsche und Ängste sehen.

In meiner Arbeit ist es immer ein erstaunlicher Moment, wenn wir über die scheinbar intimsten und persönlichsten Wünsche und Ängste sprechen.
Denn je tiefer wir in unsere Persönlichkeit hinabsteigen, desto mehr stoßen wir in den Bereich des Unpersönlichen, Ungetrennten und Allgemeinen vor.

Für das Ego ist das ein großer Schock. Denn das Ego lebt davon sich einzigartig und getrennt zu fühlen. Gleichzeitig ist dieser Schock enorm befreiend.

Denn in Wahrheit bedeutet es für uns eine voluminöse Anstrengung, ständig die Illusion von Getrenntheit und Einzigartigkeit aufrecht zu erhalten. Wenn wir die unpersönliche Natur unserer Persönlichkeit erkennen, dann sehen wir, was unsere eigenen Erfahrungen in Wirklichkeit sind: Der eine Entwicklungsprozess der Evolution selbst.

Wir sind der vorläufige Endpunkt eines Prozesses, der eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat – aber immer der eine Prozess des Lebens ist.

Das Universum dreht sich nicht um Dich – es entwickelt sich aus Dir. Deine persönlichsten Wünsche und Ängste sind Urwünsche und Urängste, die Du mit allen lebendigen Wesen teilst, die jemals gelebt haben und heute leben.

Und das heiligste in Dir, nenn es reines Bewusstsein, Ich, absolutes Selbst, Christus oder Atma, ist das persönlich?

Reines Bewusstsein, Ich-Individualität, absolutes Selbst, Christus oder Atma, existiert nur in der Einzahl. Es gibt davon keinen Plural. Wie immer wir es nennen: Das intimste Heilige in mir, ist identisch mit dem heiligsten in Dir.

Wir können es gleichzeitig fühlen. Du und ich fühlen es jetzt in diesem Augenblick.

Wenn Du mich jetzt anschaust, dann schaut das Heiligste mich aus Deinen einzigartigen Augen an und das Heiligste schaut Dich aus meinen einzigartigen Augen an – und unsere Blickrichtungen sind verschieden – doch dasjenige was aus den Augen schaut, ist das Eine, das ungeteilte Selbst.

Mein tiefstes Gefühl zu existieren, ist identisch mit Deinem tiefsten Gefühl zu existieren. Und alles, was existiert, teilt dieses eine Gefühl da zu sein.

Vollkommen unpersönlich. Befreit. Freiheit.

Freiheit erscheint - als Bogart. Und Freheit erscheint - als Bergmann. Bogart und Bergmann schauen aus ihren einzigartigen Augen in ihre einzigartigen Augen - doch dasjenige was wirklich sieht, ist das EINE. Freiheit selbst.

Wie schön, dass dieses EINE die Gelegenheit hat, die Welt durch Deine einigartigen Augen & Hände und Glieder zu erfahren – doch erinnere Dich immer daran: Dasjenige was wir erfahren, dasjenige dem wir begegnen, ist letztlich immer dieses eine, ungeteilte SELBST. Das Individuum – das Unteilbare.

Und wenn wir uns in diesem unpersönlichen Sinne, sowohl von unseren Wünschen und Ängsten erzählen, als auch in diesem einen Geist, diesem einen Herz, diesem reinen Bewusstsein begegnen, dann wird diese Begegnung selbst zu einem Sakrament: Bewusstsein vom Bewusstsein.

„Alle freie Religiosität, die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird, wird darauf beruhen, dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde. Dann wird die Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen von vornherein eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein.“ (Rudolf Steiner)