Sonntag, 22. Mai 2011

Die Mission von Stolz & Zorn

Ist Friedrich Schiller unspirituell, weil er diese harten Worte schrieb: „Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit!“ Im spirituellen Kontext werden harte und maskuline Wörter allesamt mit einem einzigen Begriff gleichgesetzt: EGO. Stolz, Ehre, Zorn, das sind böse Ego-Wörter. Was für eine Heuchelei! 

Diese harten Wörter sollen nun durch weiche und egofreie und feminine  Wörter transformiert werden: Mitgefühl, Gemeinsamkeit, Zärtlichkeit, Herzdenken und natürlich Liebe. Oh was für eine Heuchelei! Was für eine Ego-Falle! Als wären diese Werte und Wörter davor gefeit vom Ego vereinnahmt zu werden.

Das EGO ist schlau – schlauer als wir denken. Es spielt jetzt ein neues Spiel: Spiritualität. Das Ego hat sich umgestellt.

Es wird nett. Es spielt WassermanzeitalterEgo.

Wer spricht da von Tod oder Freiheit? Wer von Zorn, von Ehre, gar von Stolz?
Stolz, abgeleitet von prächtig und stattlich, ist das Gefühl „einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten Ganzen.“

Gibt es gar keinen göttlichen Stolz? Ein Stolz frei von jeglicher Arroganz, von Demut durchdrungen und gehalten von einer unerschütterlichen Hingabe an eine Intelligenz, die unermesslich größer ist als man selbst.

Ist das weniger spirituell als einfühlsam zu sein? Kennen wir nur noch die kranke Version von Stolz?

Der gesunde Stolz ist das Gefühl, von radikaler, freier Autonomie und Selbstbestimmung. Mitgefühl wächst aus liebender Kommunion. Beides zusammen ist das GANZE.

Wer fühlt denn noch Zorn in seinem Herz?  Rudolf Steiner sprach von der „Mission des Zorns“: „Der Zorn hat die Mission, des Menschen ICH herauszuheben in die höheren Gebiete. Das ist seine Mission. Er ist ein Lehrer in uns selber.“ Ist das weniger spirituell als Mitgefühl?

Das, was Peter Sloterijk die freie thymotische Dimension nennt, das fehlt der spirituellen Welt bisweilen. Der Zorn ist eine freie, eine heilige Triebkraft der Geistesgeschichte.

Ist nur Heilung wahr? Liegt nicht auch im Verletzen eine spirituelle Mission? Ist das Symbol des Erzengels Michael nur ein Bild für einen Drachenversteher, oder auch ein Zeichen für einen Drachenkämpfer?

Ist der Riss im Ego nur freundliche Worte herbeizureden?

Das Ego ist ein geschlossener Kreis. In der Mitte will ein Kraftwerk der Freiheit ausbrechen. Wer das Ego kleiner macht, macht das Kraftwerk kleiner. Das Ego darf nicht kleiner werden – es muss aufgerissen werden, durchstoßen.

Dann kann das lebendige Nichts der Freiheit strahlen.

Wenn ich sage, dass Du nichts tun musst um Freiheit zu verwirklichen, wenn ich sage, dass Freiheit anstrengungslos in Deiner Mitte leuchtet, und Dein persönliches Ich eine flüchtige Erscheinung von Freiheit ist, wenn ich sage, dass alles bereits vollkommen ist und nie etwas anderes war als Freiheit, wenn ich sage, dass Freiheit einfach so sichtbar wird, wenn Du vollkommen aufhörst Dich zu bewegen, wenn ich sage, dass Du in jedem Augenblick frei bist und Du absolut nichts zu tun hast, wenn ich sage, dass Freiheit Dich küsst, wo Du Dich aufgibst, wenn ich das alles so sage, dann war das nie eine Liebeserklärung an das Ego. Es war eine Kriegserklärung!

„Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert“. Ja, Herr Schiller!