Montag, 23. Mai 2011

Meditation & Gebet

Meditieren ist in. Gut, dass diese spirituelle Kulturtechnik wiederentdeckt wurde. Ob mitten in derStadt als Guerilla-Meditierer, der kleinsten Meditationsschule der Welt, oder an welchem Ort auch immer. Kein Ort, der sich nicht eignete, um diese Technik zu praktizieren. Meditation ist leicht zu erklären.

Die ganze Welt ist voller Phänomene: Häuser, Bäume, Gefühle, Gedanken, Menschen, Sonne, Atomkraftwerke, Nasenbären. Meditation widmet sich nicht diesen Phänomen, sondern dem Raum, in dem diese Phänomene auftauchen: Dem Bewusstsein.


Bewusstsein selbst ist kein Phänomen – es ist der Raum, in dem alle Phänomene auftauchen, verweilen und wieder verschwinden (und das gilt für Atomkraftwerke ebenso, wie für die Sonne – und natürlich auch für den Nasenbären).

Letztlich ist der Meditierende selber ein Phänomen im Bewusstseinsraum. In der Meditation identifiziert der Meditierende sich nicht mit einem Phänomen – auch nicht mit sich – sondern mit dem Bewusstsein selbst: Bewusstsein vom Bewusstsein.

Sich nicht mit Phänomenen zu identifizieren bedeutet, von solchen Sätzen Abstand zu nehmen: „Ich bin wütend, ich bin glücklich, ich bin hier, ich bin dort, ich bin dies, ich bin das.“ Alles was in der Meditation bleibt ist das einfache, nüchterne und vollkommen unpersönliche Empfinden von „Ich bin.“ Ein Ich-Bin-Gefühl, welches alles umfasst und nichts von allem ist.

Dieses Gefühl umfasst auch die eigene Person, ist aber nicht an diese Person gebunden.
(Meditation ist an dieser Stelle eine Einweihung in die höchsten Geheimnisse des Kosmos und ohne einen Lehrer, der bereits in diese Geheimnisse eingeweiht ist, durchaus nicht ungefährlich. Denn was man hier erfährt, ist nichts weniger als den Tod der eigenen Person.

Und das Aufgehen in ein ungeborenes, und ungestorbenes Sein – jenseits aller Vorstellungen, Perspektiven und Formen. Die Gefahr besteht darin, dass der Meditierende diese Erfahrung nicht gesund in sein Leben integrieren kann. Eine Gefahr ist, dass unser Ego diese Erfahrung für sich beansprucht – man nennt dieses Phänomen dann Narzissmus. Die andere Gefahr ist, dass der Meditierende nicht mehr aus diesem objektlosen und perspektivlosen Sein in seine subjektive Perspektive zurückfindet. Dieses Phänomen fasst man dann unter dem Begriff Persönlichkeitsstörung zusammen.

Beide – extremer Narzissmus und Persönlichkeitsstörungen – sind heute immer häufiger anzutreffende Phänomene. Im Grunde eine Art fehlgegangene Einweihung. Ein Grund mehr für verantwortungsbewusste, eingeweihte Lehrer.)

Dennoch: Gut, dass Meditation in ist. Sehr gut.

Es gibt aber auch noch eine und ebenso alte spirituelle Kulturtechnik. Allerdings weit weniger chic: Das Gebet.

Das Gebet ist ebenfalls leicht zu erklären: Es hat immer eine Richtung. Und diese Richtung ist das große DU. Ein DU mit Horizont-Charakter: So lange wir auch auf dieses DU zugehen – es bleibt doch immer unerreichbar und nicht einmal in unseren kühnsten Träumen, reichen wir ansatzweise an diese Kraft, diese Herrlichkeit und das Mysterium heran, welche dieses DU seit Ewigkeit ist.

Das Gebet ist die große, vertikale DU-Meditation. In der religiösen Sprache nennen wir dieses DU dann „Gott“. Und keine andere Haltung ist uns dann möglich, als demütige in die Knie zu gehen.

Aber wir können dieses Göttliche auch einfach Universum nennen. Schicken wir unsere Gebete so zum Himmel, dann senden wir diese Gebete nicht in ein totes Universum. Wir senden sie in einen lebendigen Morgen, der nie heute und nie gestern ist, sondern immer ein Versprechen.

Das Geheimnis dieses Versprechens ist, dass es sich realisiert, wenn wir es ansprechen – ohne, dass es auch nur ein winziges bisschen weniger Versprechen würde.

Unsere Gebete für einen neuen Morgen, sind selber Teil dieses Morgens. Aber der Morgen bleibt gleichzeitig  immer vor uns.

Die Sonne, die sich erhebt, wird aus dem Glanz unseres eigenen, klaren und liebenden Geistes aufgehen – und doch bleibt hinter der sichtbaren Sonne immer noch ein Sonnen-Versprechen.

Alles was wir sehen, erkennen und erleben, ist Geist. Aber Geist ist unendlich mehr, als man sehen, erkennen und erleben kann.

Das Gebet richtet sich auf dieses MEHR aus. Auf das, was immer über mich hinausgeht. Auf das mystische DU. Auf das Geheimnis selbst.

Wozu ich als Meditationslehrer anregen möchte, ist bereits in allen spirituellen Traditionen verankert: ICH-Meditation und DU-Meditation gehören zusammen.

Immer bevor Du Dich aufrichtest zu diesem tief in Dir selbst fühlbaren und universellen Ich-Bin – bitte – knie nieder, praktiziere Deine Niederwerfung, senke das Haupt – und dann erst richte Dich auf und erkenne, was Du immer wusstest: Ich bin. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Die Ich-Du-Beziehung zum Universum, ist für alle Ich-Bin-Meditierer wichtig. Sie hilft, die Einweihung gesund zu vollziehen. Denn "wenn wir eine Ich-Du-Beziehung mit dem Geist eingehen, hat das Ego plötzlich keine andere Wahl als auf die Knie zu fallen.“ (Andrew Cohen)

Bevor Du Dich aufrichtest zum einen Geist, gehe durch das Tor der Demut. Denn „höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird.“ (Rudolf Steiner)

Gebet und Meditation gehören zusammen. In beiden liegen wunderschöne, lebendige, heilsame und machtvolle Kräfte. Werden sie getrennt, dann führen sie zu krankhaften Einseitigkeiten.

Öffne mal wieder die Schatzkiste mit Gebeten Deiner Heimat und Tradition. So viel Schönheit, Kraft und Weisheit liegt darin verborgen. Bete für einen neuen Morgen – und erlebe, dass Dein Gebet bereits Teil dieses neuen Morgens ist.

Wir meditieren, damit Gott zu uns sprechen kann.
Wir beten, damit wir zu Gott sprechen können. 
Zum Wohle aller Wesen. In ekstatischer Stille.

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