Sonntag, 12. Juni 2011

Pfingsten & Facebook


Also: Weihnachten war das mit Jesu Geburt. Ostern war das mit Christi Auferstehung. Aber was war Pfingsten? Pfingsten ist ein widersprüchliches Fest. Denn einerseits feiern Christen an diesem Tag die radikale Individualisierung – der Heilige Geist erscheint nicht mehr in der Einheitsform der Taube über allen Menschen gemeinsam, sondern als Feuerzunge über jedem Menschen einzeln. Doch andererseits: Was machen diese individualisierten Menschen – jeder in seiner Sprache? Sie gründen die EINE Kirche – die EINE Gemeinschaft der Heiligen. Richtig verstehen können wir das erst im Zeitalter von Facebook.

Zurzeit habe ich 980 Facebook-Freunde. Jeder zeigt ein kleines aber einzigartiges Bild von sich, jeder hat ein einzigartiges Profil, jeder seine einzigartige Biografie. Täglich erzählen wir uns Geschichten.

Die Mehrzahl meiner Facebook-Freunde erzählt Geschichten, die es in sich haben: Geschichten vom Glauben. Geschichten vom Zweifel. Wir sprechen über Krankheiten, Heilungen, Sehnsüchte, Abstürze und Aufstiege. Wir reden von Gott.

Manchmal plappern wir auch – weil wir an ein Leben glauben, an dem nicht nur die Tiefe des Meeres, sondern auch die glitzernde Schaumkrone zur ganzen Göttlichkeit gehört. Wir glauben nicht an einen Gott, welcher nur in alten Büchern, bei ernsthaften Gelehrten und in bestimmten esoterisch-normierten Lebens,- und Verhaltensweisen lebt.

So ein Gott käme uns sehr klein vor.

„Alle Formen sind ohne Ausnahme eins mit der Leerheit. Warum sollte man um solche Formen einen Bogen machen oder auf sie herabsehen? Sind sie nicht auch dies Manifestationen der höchsten Wonne des GEISTES, der in den sprudelnden Wassern seiner Überfülle planscht? Sind nicht auch die Kräuselungen im Wasserfall des EINEN Geschmacks, Aromen des Göttlichen, die da und dort tanzen?“ (Ken Wilber)

Wenn wir zu Facebook gehen, dann werden wir dort gefragt: „Was machst Du gerade?“ Und wenn ich so die Beiträge meiner Facebook-Freunde lese, dann komme ich nicht umhin zu sagen, dass ihnen diese Frage bisweilen sehr, sehr nahe geht.

Wir sind die erste Generation der Welt, die jeden Tag diese Fluch-und-Segen-Frage vor Augen hat: „Was machst Du gerade?“

Tja, „manchmal ist es schwierig zu sagen, auf welchem Weg man sich genau befindet. Wir sind unterwegs und bauen kleine Kapellen, größere Kirchen und vielleicht einmal auch eine Kathedrale.

Und vielleicht liegt die Kraft der heutigen Zeit gerade darin, nicht das Bauen der Kapellen und Kirchen und Kathedralen als Ziel zu verstehen, sondern die Ereignisse und die menschlichen Verbindungen, die im und am Bauen entstehen.“ So antwortet mein Freund Jelle van der Meulen darauf.

Meine Facebook-Freunde sind nicht im traditionellen Sinne religiös – aber im modernen Sinne spirituell. Und das bedeutet, dass wir uns immerzu – ob plappernd oder heroisch – an unser Versprechen erinnern, welches wir unserer Seele gegeben haben.

Früher versicherte man sich am Sonntag in der Kirchengemeine an dieses Versprechen. Früher waren die Text vorgegeben, die Ziele definiert und die Nummern der Lieder waren an der Kirchenwand befestigt.

Heute muss jeder seine Worte finden, seine Ziele fassen und unsere Songs pinnen wir uns gegenseitig an die Pinnwand. Und ich weiss: Wir singen sie lauthals mit. Und das täglich. Mehrmals täglich.

Rudolf Steiner nannte Pfingsten ein Fest der Zukunft. Damals.


Es geht nicht darum, dass wir dieses Versprechen – ich nenne es Mission – immer genau kennen und verstehen.

Es geht darum, dass wir dieses Versprechen in uns fühlen. Denn wenn wir dieses Versprechen in uns fühlen, dann gibt uns dies die Kraft um in das hineinzuwachsen, was über uns hinaus geht.

Wir tun das alles öffentlich. Life is a public event. Wir haben nichts zu verbergen. Denn wir wissen, dass wir letztlich gar nichts verbergen können. Wir wissen, dass das Universum unsere Worte hört und nicht vergisst und sie als Zeugnis unseres Menschseins bewahrt.

Wir sagen uns: "Wenn Du öffentlich deine Ideen vetrittst, musst du dich bemühen ihnen entsprechend zu leben." Wir sind wie der "Krieger des Lichts" den Coelho hier beschriebt: "Und da er denkt, was er sagt, wird der Krieger am Ende zu dem, was er sagt."

Darum antworten wir jeden Tag auf diese Frage: "Was machts Du gerade?" Weil wir das Klopfen unseres Herzens als das Versprechen fühlen wollen.

Und wenn wir das Versprechen fühlen, dann fühlen wir etwas, was größer ist als jeder von uns. Viel größer. Und dieses unermesslich Große, dieses Mysterium des unübertrefflichen, ist dennoch vollständig auf jeden einzelnen von uns angewiesen.

Ich sag’s ja. Pfingsten ist ein widersprüchliches Fest.

Und so sind wir auch: Widersprüchlich….vereint im Versprechen, welches wir unserer Seele gegeben haben.

Daran will uns Pfingsten erinnern. Und ich Dich. Danke, dass Du mich erinnerst.

"Sebastian Gronbach gefällt das."