Montag, 19. September 2011

Der Liebesbeweis

Viele spirituelle Menschen halten den Papst für einen Dogmatiker – ok...aber schauen wir doch mal auf die Dogmen unsers spirituellen Esoterikmarktes. Ich denke, das EsoterikDogma Nr.1 ist das Dogma der bedingungslosen Liebe. Mit ein paar Varianten lautet es immer wieder ziemlich genau so: „Liebe den anderen genauso wie er ist. Ohne jede Erwartung, ohne jeden Anspruch und mit allen seinen Fehlern, Mängeln und dunklen Seiten. Das ist wahre Liebe.“ Nun, ich denke, dass ist ziemlicher Mist - zumindest dann, wenn wir an Evolution des Bewusstseins interessiert sind, oder wenigstens an einem guten Leben.

Ich bin verheiratet und meine Frau liebt mich. Aber was wäre, wenn ich anfangen würde mich derbe zu vernachlässigen. Wenn mir unsere Ehe richtig egal würde? Wenn ich nix drauf geben würde, wie meine Frau sich mit mir fühlt? Körperlich würde ich immer fetter werden, ich würde schmuddelig und ich würde richtig fies muffeln. Seelisch-geistig würde ich grob, verächtlich, kleinkariert und böse werden. Vielleicht würde ihr auch zwischendurch eine scheuern, wenn sie nicht will, wie ich es will - und den Kindern gleich mit.

So – und jetzt soll sie mich weiter lieben wie ich bin? Ohne Erwartungen? Ohne Anspruch? Mit allen meinen Fehlern, Mängeln und dunklen Seiten? Was für ein geistiger Bullshit ist das denn? (Und es geht hier nicht um böse Männer und gute Frauen - das ist nur ein plakatives Beispiel und Du kannst es gerne umdrehen oder Dir Dein eigenes Leben anschauen.)

Wer kann denn so eine bedingungslose Liebe wollen? „Der einzige Mensch, der bedingungslose Liebe will oder braucht, ist ein Sünder, der nicht die kleinste Absicht hat, zu bereuen! Ein Mensch, der ehrlich beabsichtigt sich zu verändern und zu transformieren, braucht oder will keine bedingungslose Liebe.“ (Andrew Cohen)

Meine Frau und ich haben Ansprüche, Erwartungen, Ideale und einige klare Bedingungen für unsere Liebe. Und unsere Liebe, ist auch die Liebe zu eben diesen Idealen, Ansprüchen, Erwartungen und Bedingungen. Bequem ist das nicht - die Liebe ist der unbequemste Ort der Welt. Weil sie nicht aufhört uns daran zu erinnern, was wir eigentlich wissen & wollen.   

Diese Bedingungen sind das Ergebnis der menschlichen Evolution. Das Bewusstsein selbst hat sich durch uns erweitert, ist gewachsen und wird immer schöner. Seit Jahrtausenden entwickelt sich die Menschheit zu mehr Seelenstärke, zu mehr Integrität, zu weiterer Offenheit, zu liebevollerer Bewusstheit, tieferem Mitgefühl, befreiter Lust und wahrer Authentizität – und diese ganze Entwicklung wird durch bedingungslose Liebe verraten.

Denn „tatsächlich bist du zu einer Art von Liebe erwacht, die höchst bedingt ist, einer Liebe, die jedem Einzelnen von uns wirklich alles abverlangt. Wenn du willst, dass sich das Universum durch dich entwickelt, dann ist bedingungslose Liebe das Letzte, was du brauchst." (Andrew Cohen)
Wenn Du sagst, dass Du diesen oder jenen Menschen liebst – dann frag Dich mal, ob Du dafür Beweise oder wenigstens Indizien vorlegen kannst. (Wie oft hören wir Eltern sagen, dass sie ihre Kindern "über alles in der Welt lieben"? Und wie oft liegen dafür kaum Indizien vor und sogar Gegenbeweise, aber wir lassen solche Sätze dennoch gelten?) 

Ein Liebesbeweis ist ganz einfach zu beschreiben: Du machst den geliebten Menschen glücklicher. Wenn Dir jemand versichert, dass er Dich liebt, aber seine Anwesenheit führt bei Dir zu permanent schlechten Gefühlen, Traurigkeit, Enge im Herz, Lustlosigkeit und vielleicht mal ein blaues Auge, dann solltest Du ernsthaft ins über den Sinn von bedingungsloser Liebe ins Grübeln geraten.

Es ist unpopulär, aber ich glaube ausschließlich Liebeserklärungen, denen ein Liebesbeweis folgt – und sei er noch so klein.

Wenn Dir jemand sagt "Ich liebe Dich", dann zögere nicht zu antworten "Beweise es". Das bringt Euch beide schlagartig in die Wahrheit - und genau da wohnt die Liebe.

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