Dienstag, 4. September 2012

Die Würde des Menschen

Ich möchte hier von ein paar Essentials aus meinem Beruf als spiritueller Dienstleister erzählen. Ich berichte bewusst aus meiner eigenen Erfahrung – es mag viele gute Wege gehen. Hier erzähle ich nur aus meiner eigenen Praxis. Jeder möge den Weg finden, der zu ihm passt – zum Wohle aller. Als Ken Wilber gefragt wurde, woran man denn erkenne, dass man seinen spirituellen Lehrer gefunden habe, antwortete er: „You fall in love with him.“

Auch viele Schüler Rudolf Steiners sprechen von dieser tiefen Liebe zu ihrem Lehrer – und heute können wir uns auch entspannt die Schattenseiten anschauen. Ich denke, wir sind über diese Schatten im Großen und Ganzen hinaus, auch wenn wir immer wachsam sein müssen.

„You fall in love with him.“ Jeder kann sofort die tiefe Schönheit empfinden, die dieser Satz ausstrahlt. Die Intelligenz unseres Herzens weiss: Ja – was wir auch lernen wollen, wir lernen intensiver, nachhaltiger, leichter und besser, wenn wir dabei lieben dürfen. Gleichzeitig: Wir sind gebrannte Kinder der Aufklärung – zum Glück: Erwachen & Aufklärung müssen Hand in Hand gehen.

Im Englischen bedeutet „Enlightenment“ sowohl „Erleuchtung“ als auch „Aufklärung“. Für mich ist das immer eine sehr gute Inspiration um zu überprüfen, wie gesund meine eigene Arbeit ist – für alle Beteiligten.

Ich bin sehr dankbar für alles, was die vorherigen Generationen für uns geleistet haben. Und so ist es heute einfach nicht mehr nötig, in die Fallen der Manipulation, der Regression und der Abhängigkeiten zu treten, die das Schüler-Lehrer-Konzept mit sich bringen kann. Und es ist gut zu erleben, dass auch die andere übertriebene Bewegung nicht mehr notwendig ist, nämlich dieses traditionsreiche Setting über Bord zu werfen.

Wir dürfen dankbar sein, dass die Generationen vor uns, diese Erfahrungen für uns gemacht haben. Jetzt ist eine neue Zeit. Und welche Zeit ist das? „Wenn unsere Erde einst am Ziel angelangt sein wird, wird Liebe auf dem Grund aller Wesen sein. Unser Planet ist der Planet der Liebe." (Rudolf Steiner)

Damit die Kraft der Liebe also in gesunder Weise ihre Wirksamkeit entfalten kann, gibt es für mich in meinen SchülerBeziehungen nur ein einziges Band, was uns auf intime & und scheinbar paradoxer Weise verbindet. Das ist das Band der Freiheit.

Wenn ein Schüler in das Herz seines Lehrers eintritt, sollte das gleichbedeutet damit sein, dass er in sein eigenes Herz eintritt. Wenn ein Schüler „Ja“ zu dieser geheimnisvollen Verbundenheit sagt, sollte das gleichbedeutend mit seiner eigenen Befreiung sein. Wenn er sich auf den Weg zum Erwachen macht, sollte die Beziehung zu seinem Lehrer bereits ein lebendiger Ausdruck dieses ultimativen Zieles sein – und dieses Ziel ist immer eine gefühlte Glückseligkeit, ein entspannter Friede & eine befreite Liebe.

Denn noch niemals hat irgendjemand, in irgendeiner Weisheitstraditionen, irgendetwas anderes über das Erwachen berichtet, als von der „bewussten Erfahrung des absoluten Glücks“. (Andrew Cohen).

In der Beziehung zu einem spirituellen Lehrer, sollte immer etwas davon fühlbar sein. Da ist kein Druck. Da ist Befreiung.

Für einen Schüler ist das alles nicht weniger aufregend, als für mich selbst. Denn in dem Moment, wo beide „JA“ zu dieser Verbundenheit sagen, nehmen sie sich an die Hand und machen einen einzigen Schritt -  einen unfassbar großen, universellen Schritt. Nur einen einzigen – und betreten das wahre Herz. Hand in Hand.

Doch sobald sie die Schwelle in das kosmische Herz übertreten haben ... lässt der Lehrer die Hand seines Schülers los. Und der Schüler fühlt eine gigantische Freiheit. Er kann sie nicht verstehen. Er kann nicht verstehen, dass der Lehrer ihn in dieser liebenden Leerheit einfach loslässt. Gerade haben sie sich doch noch in die Augen geschaut.

Aber als Lehrer der Erleuchtung UND der Aufklärung, muss ich gleich zu Beginn die Freiheit an die erste Stelle stellen. Denn nur sie garantiert, dass der Schüler seine eigene Verantwortung fühlt. Sonst wird er immer versucht sein, den Lehrer verantwortlich zu machen – für die Fortschritte und für die Rückschritte.

Ich mute meinen Schülern so viel Freiheit zu, dass sie sich manchmal fragen, wo ich denn bin. Aber diese Frage dauert nur so lange, bis sie die unfassbare Freiheit fühlen – genau da bin ich.

Ich muss als post-postmoderne Lehrer, also gleich zu Beginn alles auf eine Karte setzen. Ich muss von Anfang an alles vermeiden, was die Freiheit eingrenzt. Ich lade den Schüler beständig dazu ein und fordere ihn dazu auf, sich immerzu zu bewegen und die Standpunkte zu wechseln. Denn „was dich auf dem Lebenspfade vorwärts bringt, ist gut getan; alles, was dich auf dem Punkte erhält, ist im Grunde genommen für deine Seele ein Verlust.“(Rudolf Steiner)

Vor allen Dingen aber vermeide ich als spiritueller Dienstleister alles, was den Schüler auf dem Weg der Selbsterkenntnis dazu treibt, dass er „in Reue zerknirscht ist.“ Und  ebenso habe ich alles zu vermeiden, was zu „einer Selbstbefriedigung führt“, denn weder das eine, noch das andere, „kann den Menschen vorwärts bringen." (Rudolf Steiner)

Als spiritueller Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners, bin ich vor allem an einem interessiert. An der Würde des Menschen.

Was ist das? Schau bitte einmal in dieser Weise hin: Weil Du kein Kind mehr bist, weisst Du, dass es Gott, den alten Mann mit dem weissen Bart im Himmel, nicht gibt. Aber weil Du über diesen kindlichen Glauben hinausgewachsen bist, anstatt dahinter zurückzufallen, weisst Du auch: Deine Herzensleidenschaft, ein befreites Leben zu führen und dieses tiefste Bedürfnis sich zu entwickeln und zu wachsen, das IST Gott in Dir. Deine Sehnsucht & Deinen Drang nach Befreiung, Wachstum & Entwicklung, das erkennst Du als diese mystische Dimension, die wir "Gott" nennen.

Dieses objektlose Mysterium jenseits aller Perspektiven, ist nicht greifbar, nicht verstehbar, letztlich auch nicht fühlbar und dennoch richtet es Dich auf.

Es ist der höchste & tiefste Ausdruck dessen, was wir "die Würde des Menschen" nennen. Die tiefste Verbundenheit zu Deinem Lehrer, sollte immer gleichbedeutet mit der tiefsten Beziehung zu Deiner eigenen Würde als Mensch sein.