Donnerstag, 7. März 2013

Apokalypse now

 
Heute ist der Tag der der Enttäuschung – der gesunden Enttäuschung: Spiritualität besteht zu 99 Prozent aus Psychologie. Wenn Du an Gott glaubst oder wenn Du einen spirituellen Lehrer zu Deinem Helden machst, oder wenn Du gerade nicht an Gott glaubst und Du einen spirituellen Lehrer verlässt, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass dies nichts mit Gott und nichts mit Gurus zu tun hat bei 99 Prozent.
 
Das Motiv für Deine Beziehung zu Gott und spirituelle Helden, liegt mit einer... Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent in irgendeinem Kindheitsmuster – persönlich und/oder kollektiv. Und vermutlich hat es irgendwas mit Deinem Vater zu tun.

Oder wenn Du Dich mit Engelwesen verbindest, als hellsichtig fühlst oder wenn Du Mutter Erde in Deinem Herzen fühlst, dann geh mal davon aus: Kein Engel, keine Hellsichtigkeit und keine Mutter Erde haben irgendwas damit zu tun, was Du fühlst, sondern Deine Mutter-Kind-Geschichte ist die Ursache für Dein spirituelles Fühlen – und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent.

Als spiritueller Dienstleister muss ich dem Fakt ins Auge schauen, dass Menschen, die meine Leistungen in Anspruch nehmen, in höchsten Maße von psychologischen Motiven zu mir geführt wurden. Daran ist wirklich nichts schlechtes, aber es ist eine Quelle für die vier großen „M“ der spirituellen Szene: Macht, Missverständnis, Manipulation und Missbrauch.

Von mir verlangt es zwei Dinge: Erstens, dass meine Arbeit zu 99 Prozent damit zu tun hat, Illusionen abzubauen, Schleier zu heben, Vorstellungen zu entfernen und Täuschungen zu enttäuschen. In der Sprache einer Religion nennt man diese grundlegende Phase der Selbsterkenntnis schlichtweg „Apokalypse“. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Enthüllung“, „Entschleierung“ und „Offenbarung“. Früher muss diese Phase für die Betreffenden wie ein „Weltuntergang“ gewirkt haben – in jedem Fall ist es ganz buchstäbliche eine „Zeitenwende“ oder wieder buchstäblich: Das „Ende der Geschichte“.

Denn als spiritueller Dienstleister geht es in der ersten Phase darum, die 99 Prozent der Schichten zu entfernen, die um das mystische Herz liegen. Ich muss zu dem Einheitspunkt vordringen, der jenseits der Matrix liegt – sozusagen unter die verschiedenen Projektions-Kleidern, unter die wir Gott versteckt haben.

Obwohl spirituelle Lehrer heute ganz hervorragende Mittel haben, um durch diese Phase in einer gesunden, menschlichen und entspannten Weise hindurch zu führen, dürfen wir uns eingestehen, dass nur die kleinste Zahl der Menschen ein Interesse hat, diese „Apokalypse“ bis zum Ende zu gehen.

Nicht selten passiert es sogar, dass sich Menschen – sobald die ersten Schleier fallen – abwenden und sich einen größeren Helden suchen: Jemand, der ihre Sehnsüchte nach einem starken Vater oder einer symbiotischen Mutter befriedigt. Man darf als Lehrer dann nicht ärgerlich sein, denn man hat vielleicht an der ersten Schicht gearbeitet und das kann ja bereits etwas ganz wertvolles sein.

Das Zweite, was ich für mich als spiritueller Dienstleister beachten muss, habe ich von Rudolf Steiner gelernt: Sein wichtigstes „Einweihungsbuch“ endet exakt an der Stelle, wo die 99 Prozent Psychologie aufhören. Und er begründet das Ende damit, dass man nun nichts mehr mit menschlichen Worten sagen könne – und daran ist wirklich etwas dran. Wenn ich mit Schülern über eine längere Zeit zusammen bin, oder mit Kunden intensiv und kompakt arbeite, dann beschäftige ich mich äusserlich zu 99 Prozent mit den Schichten, aber über die ganze Zeit halte ich die Verbindung zu ihrem mystischen Herze, welches ungetrennt von jedem mystischen Herz ist.

Wortlos - von Herz zu Herz - reden wir über die 99 Prozent und andauernd berühre ich nur. Und mir ist es (um der Freiheit willen) wichtig, dies klar zu kommunizieren. Dieses Berühren von Selbst zu Selbst, erzeugt Sellbstbewusstsein - und das ist Erwachen.
Das bedeutet, dass ich immer klar und nüchtern, aber niemals zynisch werden darf. Denn die 1 Prozent, die nicht Psychologie sind, liegen jenseits der „Apokalypse“. Dieses winzige eine Prozent, ist das „Reich Gottes“. Und dieses winzige eine Prozent entzieht sich jeder Berechnung – es ist so groß, dass die ganzen 99 Prozent darin Platz haben... In diesem einen Prozent liegt alles Glück, aller Friede und jede Heiligkeit. Und ich selber kann nichts zu dieser Mitte beitragen. Das wäre völlig vermessen.

Alles was ich machen kann, ist zu offenbaren Und zwar auch dadurch, dass ich immer und immer an diesem Ort bleibe, der so unermesslich klein ist, dass nichts darin Platz hat – ausser Liebe. Und Gott ist Liebe. „Die Herzen beginnen, Gedanken zu haben; die Begeisterung entströmt nicht mehr bloß mystischem Dunkel, sondern gedankengetragener Seelenklarheit.“ R. Steiner