Sonntag, 24. März 2013

Das Leben als Einweihungsweg




Das Leben – jede ganz normale Biografie – ist ein Einweihungsweg. Einweihung ist kein Hobby für gebildete Besserverdiener. Jeder Tag ist – von einer höheren Warte aus betrachtet – wie ein neues Evangelium, ein weiteres Buch der Bhagavad Gita, eine neure Sure im Koran des Alltags.

Jede Biografie hält in jedem Moment Hinweise, Prüfungen und die Chance zum Erwachen bereit. Ob die Ereignisse äusserlich positiv oder negativ erscheinen, das ist für den Einweihungsweg nicht entscheidend. Entscheidend dagegen ist, wie unsere Seele dazu in Beziehung geht. Und diese Beziehungsfrage lässt sich so zusammenfassen: Reagiere ich nach alten Kindheitsmustern und verlängere so die Schule des Lebens bis ins Unerträgliche? Es mag hart klingen, aber in der Schule des Lebens kann man sehr lange sitzenbleiben.

Was aber ist der gesunde Maßstab für das Bestehen einer Lebensprüfung? Der gesunde Maßstab ist, ob ich kindisch oder erwachsen auf die Lebensprüfungen reagiere. Jede Reaktion die nicht automatisch, nicht aus innerem Zwang oder Kindheitsmustern erfolgt, ist eine erwachsene Reaktion. Und in der Regel beginnt erwachsenes Handeln mit einem einfachen Satz: „Beklag Dich nicht.“

Und wir müssen uns nie darum sorgen, dass der Einweihungsweg in einer Sackgasse endet. Jede Sackgasse kann ein Portal sein.
Wenn wir das Gefühl haben, in einer Sackgasse zu sein, kann das zum Beispiel die Chance zur Einkehr sein. Man kann im ZEN-Kloster zehn Jahre vor einer Mauer meditieren, aber manchmal schenkt uns auch das Leben so eine Mauer. Anstatt kindisch zu toben, können wir es als Einladung verstehen: Setze Dich doch. Entspann Dich und schau was passiert.

Nimm jeden Meter des verrückt-normale Lebens, als einen Einweihungsweg an.

Eingeweihte des Alltags, „das sind diejenigen, welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durch das Leben gehen, dass ihr Selbstvertrauen, ihr Mut, ihre Standhaftigkeit in gesunder Weise groß werden und dass sie Leid, Enttäuschung, Misslingen von Unternehmungen mit Seelengröße und namentlich mit Ruhe und in ungebrochener Kraft ertragen lernen“. (Rudolf Steiner)