Freitag, 29. Mai 2015

Die Authentizitäts-Falle


Früher dachte ich, dass es das wichtigste währe authentisch zu sein – also „im Einklang mit sich selbst zu sein.“ Irgendwann sagte dann jemand: „Was aber, wenn Du ein Arschloch bist? – Bitte höre dann sofort auf Du selbst zu sein und werde jemand anderes.“ 

Nun: Natürlich könnte man sagen, dass niemand im Herzen ein Arschloch ist und dennoch höre ich immer wieder und immer wieder dieses Argument: „Ich weiß, dass war gemein, ich weiß, ich war ungerecht, ich weiß, ich hätte sie nicht schlagen sollen, ich weiß dass ich manchmal echt fies und verletzend bin – aber weißt Du, für mich ist es das wichtigste authentisch zu sein und manchmal bin ich einfach ein Arsch und dann ist es doch viel ehrlicher, wenn ich auch so bin, anstatt zu heucheln, oder?“ 

An diesem plakativen aber wahren Fall sieht man leicht, dass Authentizität ein echtes Problem ist. Denn die Frage ist doch: Mit welchem Teil von mir bin ich denn im Einklang? Wenn ich gerade mit dem Teil in mir im Einklang bin, den ich in meinen wachen und hellen Moment als destruktiv und ungesund erkannt habe, als Teil, der mich immer wieder und wieder hinter meine eigene Entwicklung zurückwirft, dann sollte ich alles dafür tun, nicht mit diesem Teil im Einklang zu sein, sondern mir zügig etwas wählen, was meiner wahren Natur entspricht. Darum ist mein Vorschlag, dass wir statt der etwas billigen Authentizität (die sicher für eine Phase des Lebens wichtig ist) ein kostbareres Ziel wählen: Integrität. 

Ein integres Leben zu führen bedeutet, im Einklang mit Deiner tiefsten Erfahrung und höchste Erkenntnis zu leben. Die meisten Menschen behaupten, dies sei sehr schwer – aber das ist es nicht. Es ist sogar recht leicht. Aber die Konsequenzen eines solchen Lebens sind letztlich nichts weniger als eine Revolution der eigenen Biografie. 

Am Ende wird keine Biografie von dieser Revolution der Integrität verschont – warum eigentlich nicht gleich so? Warum eigentlich nicht?

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